Der Jugoslawien-Krieg

15 Jahre nach der Desintegration Jugoslawiens ist die zweite Auflage des Handbuchs Der Jugoslawien-Krieg, herausgegeben von Dunja Melcic, erschienen. Das als Standardwerk anerkannte Kompendium liefert ein umfassendes Bild über die vielfältigen Faktoren, die diesen europäischen Krieg ausgelöst haben. Von Christoph Rohde

Dunja Melcic hat mit der Neuauflage des Werkes Der Jugoslawien-Krieg – Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen einen zentralen Beitrag zum Verständnis der komplexen politischen, ethnischen und religiösen Verhältnisse in dieser Vielvölkerregion geliefert. Denn die ungelösten politischen Fragen des Kosovo und Bosniens sind nur aus einem breiten Kontext heraus verständlich, den dieser voluminöse Band anbietet. Und es ist der Verfasserin besonders wichtig, einen relativ zeitnahen Sammelband erstellt zu haben, dessen Autoren Augenzeugen der Prozesse während und nach dem Jugoslawien-Krieg waren.

Historische Entwicklungen auf dem Balkan

Melcic betont in ihrem Vorwort, dass die europäische Politik auf dem Balkan von mangelndem Geschichtsbewusstsein geprägt sei. Europa erweise sich in Bezug auf die Balkanpolitik als gespaltener Kontinent. Ihre zum Teil recht offensive Kritik an bestehenden Auffassungen wird in einigen Sequenzen sichtbar. Das Rezept gegen eine ahistorische Sicht der Entwicklungen auf dem Balkan besteht in einer breiten Grundlegung der geschichtlichen Wurzeln bestehender Konflikte und Kooperationsformen.

Im ersten Abschnitt, der 14 Kapitel umfasst, werden folgerichtig die ethnogenetischen Grundlagen des ehemaligen Jugoslawiens besprochen. Die Siedlungsgeschichte, das Verhältnis von Staat und Kirche im Mittelalter, die osmanischen Eroberungen sowie die Folgen der Modernisierung für die einzelnen Ethnien werden in sachgerechter Weise abgehandelt. Dazu wird den beteiligten Akteuren von Slowenien bis Makedonien jeweils ein einzelnes Kapitel zugestanden.

Titos Terror nach dem Zweiten Weltkrieg

Von besonderem Interesse ist die Darstellung von Entstehung, Entwicklung und Ende des 1918 gegründeten „künstlichen“ Staatswesens Jugoslawien. Die Herausgeberin fügt ein Unterkapitel an, um auf die Vertreibungen und die Eliminierungen von Gegnern des Kommunismus nach dem Zweiten Weltkrieg hinzuweisen. Dabei fordert Melcic von den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, dieses tragische Kapitel aufzuarbeiten. In Slowenien wurden von der 1945 gegründeten Jugoslawien-Armee die meisten Menschen getötet. Obwohl diese Zeit noch ungenügend erforscht ist, glaubt die Herausgeberin, eine Analogie zu Stalins großen Säuberungen der dreißiger Jahre ziehen zu können – gemessen an Ausmaß, Methode, Taktik und den Zielen des Nachkriegsterrors.

Der Jugoslawismus als Ideologie

Als im ausgehenden 18. Jahrhundert in Europa der Nationalgedanke Fuß fasste, wurde auch der slawische Raum von diesem Gedankengut infiziert. Melcic (Bild links) zeigt, dass die Wurzeln eines Jugoslawismus auf Ideen aus der Renaissance zurückreichen. Der Illyrismus, die Ideologie einer von jungen kroatischen Intellektuellen begründeten Nationalbewegung, war eine Art Panslawismus, der sich auf sprachliche Wurzeln stützte.

Später vermischte sich diese Bewegung mit einem Großserbentum und wurde zu einem diffusen Jugoslawismus, der die erste Staatsgründung im Jahre 1918 begleitete und in einer dualistischen Version bis ins Jahr 1991, dem Ende Jugoslawiens, erhalten blieb. Melcic zeigt, dass die beiden Faktoren dieses Dualismus aus einer einheitlichen staatspolitischen Machtphilosophie einerseits und einer Idee der Gleichberechtigung der Völker im Sinne einer föderativen Idee andererseits bestand. Jeweils eine dieser Strömungen konnte kontextbedingt von den Machthabern mehr betont werden.

Der Faktor Milosevic

Matthias Rüb, langjähriger FAZ-Korrespondent in Südosteuropa, ist intimer Kenner der Amtszeit Slobodan Milosevics, die im Jahre 1987 begann. Milosevic schaffte die Provinzautonomie im Kosovo ab und beschwor einen großserbischen Geist, wie im Juni 1989 in seiner Rede zum 600. Geburtstag der Schlacht auf dem Amselfeld. Die Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens waren der Anlass des Krieges Milosevics. Der Nationalismus war, so Rüb, für den Diktator nur das Mittel zum Zweck des eigenen Machterhalts.

Wie erinnerlich, führte Milosevic in den neunziger Jahren vier selbst initiierte Kriege, die er allesamt verlor – 1991 gegen Slowenien und gegen Kroatien, 1992 bis 1995 gegen Bosnien-Herzegowina und schließlich 1998/99 gegen die Albaner im Kosovo und gegen die NATO. Die innenpolitischen Probleme wurden von Milosevic durch außenpolitische Aggressivität überspielt. Milosevic gelang es, den Dayton-Frieden nach dem Bosnien-Krieg als Sieg für Serbien darzustellen. Melcic wirft gerade den europäischen Mächten vor, die systematische Aggressionspolitik Milosevics nicht durchschaut und entsprechend nicht rechtzeitig reagiert zu haben.

Der Strafgerichtshof fürs ehemalige Jugoslawien

Interessant sind die Überlegungen der Verfasserin zum Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, der im Jahre 1993 vom UN-Sicherheitsrat konstituiert wurde. Hier moniert Melcic, dass der Name „ehemaliges Jugoslawien“ unglücklich gewählt sei. Denn er impliziere die Vermutung, dass alle Kriegsparteien in ähnlicher Weise schuldig geworden seien. Dieser Wille zur „Parallelisierung“ bedinge eine Asymmetrie der Gerechtigkeit. Bei dem Versuch, einen Kollektivschuldverdacht gegenüber den Serben gar nicht erst zuzulassen, könne eine Relativierung der serbischen Schuld ein zu hoher Preis sein.

Wesentlicher Beitrag und zukunftsweisende Agenda

Wenn der Leser auch nicht alle Thesen der beitragenden Autoren teilt, so ist das Handbuch dennoch ein wichtiger Wegweiser für zukünftige Forschungen. Dabei ist eine weitere Auswertung aus dem Quellenbestand der Nachfolgestaaten Jugoslawiens von wesentlicher Bedeutung. Ob die russischen Quellen weiter zugänglich bleiben, muss hingegen bei der Entwicklung des Putinschen Staates bezweifelt werden.

Melcic glaubt, dass die Verselbständigung der Republiken von Slowenien bis Bosnien-Herzegowina nicht das Problem war, sondern die strukturpräventive Lösung des Konflikts hätte sein können. Zu stark aber sei der Westen am Erhalt des Status Quo interessiert gewesen – ein Ausfluss ahistorischen Denkens. Der Band erhält seine Stärke aus der vielseitigen Methodik, mit der die Komplexität der Entwicklungen analysiert und verstehbar gemacht wird. Damit werden Stereotypen von einem hoffnungslos nationalistischen Balkan relativiert.

Dieses Handbuch sollte in jeder politikwissenschaftlichen oder historischen Fachbibliothek stehen. Denn es lehrt nicht nur etwas über einen spezifischen Regionalkonflikt, sondern auch über neue Konfliktformen und institutionelle Lösungsansätze und ihre Grenzen.

Melcic, Dunja (Hrsg.),

Der Jugoslawien-Krieg – Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage,

(2007), Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaft. Wiesbaden,

605 S., 79,90 Euro, ISBN 978-3-531-33219-2


Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag (Cover) und bei der Heinrich-Böll-Stiftung (Portrait).


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