Der Energiepoker

Cover_Kneissl.pngKarin Kneissl hat der Debatte um die globale Energieeversorgung ein wichtiges Buch hinzugefügt. In welcher Weise beeinflussen die fossilen Brennstoffe Erdgas und Erdöl die Weltwirtschaft? Von Christoph Rohde

Dass die fossilen Brennstoffe kritische Variablen bei der Weltenergieversorgung sind, ist kein Geheimnis. Es gibt jedoch Zusammenhänge, die weniger bekannt, aber dennoch wichtig sind in Bezug auf eine zukünftige Energiepolitik. Karin Kneissl, freie Journalistin, Dozentin und OPEC-Beraterin, weist sich in ihrem Buch Der Energiepoker als Expertin besonders in Fragen zukünftiger Investitionspolitik im Energiesektor aus.



Die politische Bedeutung des Öls

Kneissl beginnt ihr Werk mit einer kurzen, aber aussagekräftigen Abhandlung über die historischen Wurzeln der industriell-militärischen Nutzung fossiler Brennstoffe. Der erste Weltkrieg wirkte als eine Zäsur in der Energiepolitik. Wie Kneissl zeigt, erkannte Winston Churchill die strategische Bedeutung des Erdöls bereits während des Ersten Weltkriegs. Dieselgetriebene U-Boote und Panzer bekamen zentrale Relevanz in der Kriegführung, aber auch in der Industrieproduktion. Es war kein Zufall, dass sich die Engländer das Gebiet des heutigen Irak mit dem ölreichen Gebiet Mossul aneigneten und im Jahre 1920 den Staat Irak im Sinne eines national building schufen.

Dass der Zweite Weltkrieg im Pazifik durch das amerikanische Erdölembargo gegenüber Japan und den dann folgenden Angriff der Japaner auf Pearl Harbor ausgelöst wurde, ist eine wissenschaftlich akzeptierte Tatsache. Prominent ist ebenfalls der Einsatz der Ölwaffe durch die Arabischen Staaten in den siebziger Jahren, als die USA die Israelis im Jom-Kippur-Krieg unterstützt hatten und die Araber als Antwort die erste große Ölkrise heraufbeschworen, die eine Krise der Weltwirtschaft auslöste.

Die Struktur der Pipelines



Dass die Lage der Pipelines strategisch von überragender Bedeutung ist, wird deutlich, wenn man die Entstehung dieser teuren Transportinfrastruktur in ihrer historischen Genese nachvollzieht. „Wer bestimmen kann, wie die Pipeline-Karte aussieht, wird die Zukunft eines riesigen Teils der Welt bestimmen“, meint Frederick Starr vom Kaukasus-Institut in Baltimore. Nur im Falle sicherer politischer Kontrolle über ein Gebiet lohnt sich eine derartig große Kapitalinvestition, lässt Kneissl wissen. Dass der Zerfall der Sowjetunion eine Restrukturierung der Energie- und Pipelinepolitik nach sich ziehen musste, ist vorstellbar. Gerade der kaspische Raum stellt einen potenziellen Konfliktherd dar. Kneissl spricht von einem neuen „Great Game“ in diesem Raum, in welchem nicht mehr nur zwei Großmächte, wie England und Russland im 19. Jahrhundert, mitpokern. Heute sind neben den regionalen Anrainerstaaten des kaspischen Meeres auch die USA, China, Japan und in begrenzter Weise auch die Europäische Union, vertreten durch große Energiekonzerne, mit am Tisch. Die neue BTC-Pipeline von Baku (Aserbaidschan) nach Ceyhan (Türkei) ist ein gutes Beispiel für geostrategische Kalkulationen beim Pipelinebau. Gerade Georgien, durch welches diese Pipeline gezogen wurde, steht im sicherheitspolitischen Brennpunkt. Hier stehen sich amerikanische und russische Truppen direkt gegenüber.



Hemmnisse bei Investitionen

Investitionen in die Energieförderung bzw. den Energietransport erfordern einen langen Atem. Nur, wenn zukünftige Erträge gesichert erscheinen, sind Geldgeber bereit, große Summen zu investieren. Kneissl vertritt die These, dass die Knappheiten auf dem Erdöl- und Erdgasmarkt nicht primär auf die Knappheit des Rohstoffs an sich zurückzuführen sind. Damit wendet sie sich gegen die Knappheitspanik, die zu Beginn der siebziger Jahre vom Club of Rome geschürt wurde.

Die fehlenden Investitionen in die Förderkapazitäten führen jedoch bereits kurzfristig dazu, dass beispielsweise der Iran seine Tagesproduktion von 400.000 Fass nicht mehr aufrechterhalten kann. Die Raffinierungs- kapazitäten stellen ebenfalls eine kritische Variable dar. Die USA konnten nach den Wirbelstürmen der Jahre 2004 und 2005 im Golf von Mexiko ihre Binnenversorgung aufgrund der Zerstörung maßgeblicher Raffinierungskapazitäten zeitweise nicht aufrechterhalten, was zu einem starken Preisanstieg am Ölmarkt führte. Interessant ist, dass Kneissl auch keine lineare Preisspirale nach oben annimmt. Wäre dies der Fall, dann könnten Staaten und Konzerne bedenkenlos in Förder- und Transportsysteme investieren. Die Preisspirale kann jedoch auch wieder in eine andere Richtung gehen, besonders, falls sich regenerative Energien schneller als erwartet durchsetzen sollten.

Energieallianzen und politische Allianzen

Portrait_Kneissl.jpgAls bedeutsam erweist sich die Verbindung, die Kneissl (Photo rechts) zwischen den Politikfeldern Energie und Sicherheit herstellt. Dabei stellt sie Thesen zur Entwicklung der Machtstruktur des internationalen Systems auf. Peking und Moskau seien zu neuen Energieallianzen bereit, die die geopolitischen Strukturen noch gewaltig auseinander reißen könnten. Sie diagnostiziert eine große Skepsis bei den Amerikanern, die die chinesischen Energieallianzen mit Venezuela und dem Sudan misstrauisch verfolgen. Dazu kämpfen die großen Akteure um Einfluss bei der Ausbeutung der Ressourcen Kasachstans (54 Mrd. Fass Erdöl, 65 Billionen Kubikmeter Erdgas). China kann durch den beabsichtigten Aufbau strategischer Öl- und Gasreserven noch einmal kräftig zu einem Preisanstieg beitragen.

Das alles täuscht nicht darüber hinweg, dass die großen Akteure der internationalen Politik und Wirtschaft an der Aufrechterhaltung einer sicheren und preisstabilen Energiepolitik interessiert sind und sein müssen.



OPEC und Nicht-OPEC-Länder

Kneissl bringt ihre spezifischen OPEC-Kenntnisse in fruchtbarer Weise ein, indem sie die internen Strukturen, aber auch Ineffizienzen der Organisation kompetent darstellt. Aber auch die Energiepolitiken der Nicht-OPEC-Förderländer kommen nicht zu kurz. Des Weiteren wird deutlich, dass Umweltgesichtspunkte bei der Erschließung künftiger Energiereserven immer wichtiger werden. Man darf nicht vergessen, dass die Sahnestücke der fossilen Energie bereits weitgehend erschlossen und teilweise erschöpft worden sind, so dass weitere Erschließungen teurer und umweltgefährdend sein können, zum Beispiel der Abbau kanadischen Ölschiefers oder des Offshore-Öls im südchinesischen Meer.

Ein guter Ratgeber

Kneissls Buch ist mehr ein Ratgeber als eine wissenschaftliche Abhandlung. Dafür sind die Referenzen zu dünn gesät. Es wendet sich auch explizit an eine breite Öffentlichkeit vom politischen Verantwortlichen bis hin zu Investoren und Versicherern. Allerdings ist es auch für Wissenschaftler gewinnbringend zu lesen. Denn die Zusammenhänge werden plastisch und gut verständlich dargestellt, ohne zu stark zu simplifizieren. Die erfahrene Autorin wirkt auch ohne extensive Referenzierung glaubwürdig. Es wirkt wohltuend, dass Kneissl auf spektakuläre Zukunftsszenarien verzichtet und statt dessen prinzipielle Möglichkeitsräume für Entwicklungen auf Faktenbasis entwickelt. Das Buch ist für ein breites Publikum zu empfehlen.

Kneissl, Karin,

Der Energiepoker. Wie Erdöl und Erdgas die Weltwirtschaft beeinflussen,

(2006), München, Finanzbuch Verlag,

250 S., ISBN: 3-89879-187-4, 29,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Finanzbuchverlag. Der Verlag im Internet.


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