Brennpunkt Nahost – ein österreichischer Rückblick

israel_nahost_1.jpgRolf Steininger veröffentlicht 101 Zeitdokumente aus den Jahren 1972 – 1976. Fast alle entstammen der Feder der damaligen österreichischen Botschafterin in Tel Aviv, Dr. Johanna Nestor. Unkommentiert wird die israelische Außen- und Innenpolitik wiedergegeben – immer mit dem Hintergedanken, schnellstmöglich eine nachhaltige Friedensregelung zu finden. Von Immanuel Petermeier

Seit Beginn der zionistischen Bewegung, der 1948 die Gründung des Staates Israel folgen sollte, ist der Nahostkonflikt in vollem Gange. Kaum ein Tag vergeht ohne Eilmeldungen aus dem Heiligen Land. Und meist sind es wieder Selbstmordanschläge, militante Übergriffe und andere Kollateralschäden, die es in die Schlagzeilen schaffen. Der eigentliche Konflikt ist längst hinter den ewigen Krieg getreten. Komplexe Ursachen wie die belastete deutsch-jüdische Geschichte haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen. Doch angesichts der jüngsten Entwicklungen, dem Libanonkrieg und dem Ausbau der israelischen Sperranlagen, ist es unumgänglich die Friedensbemühungen weiter zu verstärken.

Die Geschichte

Rolf Steininger versetzt den Leser unterdessen zurück in die 70er Jahre. Nach der überstandenen Suezkrise und dem Sechstagekrieg wird der Nahe Osten nun vom Jom-Kippur-Krieg erschüttert. Dennoch besteht die allgemeine Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nach Beendigung ihres Vietnam-Engagements eine Lösung des Nahostkonflikts vorantreiben werden. Eine israel-freundliche Lösung, wie sich Ministerpräsidentin Golda Meir sicher ist. Solange werde man andere Friedensverhandlungen meiden, denn schließlich spiele die Zeit Israel in die Hände. Vielleicht einer der Gründe, warum sich Israel damals stets vehement gegen Bemühungen der Vereinten Nationen und der EU wehrte. Ergänzt werden die Berichte von einem ausgiebigen Bildteil.

Eine Botschafterin erinnert sich

Die Einschätzungen von Dr. Johanna Nestor sind klar und präzise formuliert, retrospektiv aber auch erschreckend zutreffend. Nestor übernahm am 11. Oktober 1972 die Leitung der österreichischen Botschaft in Tel Aviv. Es war nach Bonn, Frankfurt/Main, New York, Washington und Neu Delhi ihre sechste Station seit Eintritt in den diplomatischen Dienst 1947.

Die österreichisch-israelische Beziehung betreffend, zitiert Nestor Jahre später in Shalom vier Ereignisse ihrer Amtszeit: den offiziellen Besuch des israelischen Außenministers Abba Eban in Wien im März 1973; die Auflösung des Transitlagers Schönau im September 1973; die fact finding mission der Sozialistischen Internationale im Zuge des Jom-Kippur-Krieges 1974; sowie der offizielle Gegenbesuch von Außenminister Erich Bielka in Israel 1975.

Bis auf den Jom-Kippur-Krieg finden diese Ereignisse jedoch keine Erwähnung in den Botschaftsberichten Nestors. Laut Steininger zeige dies nicht zuletzt die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Österreich. Es zeigt aber auch die Gewichtung der Berichte, da es längst nicht mehr um die bilateralen Beziehungen der beiden Staaten ging. Vielmehr rückten Entwicklungsprognosen wie die Ursachenforschung des Nahost-Konflikts in den Mittelpunkt.

Einblicke aus erster Hand

Man mag sich an das eine oder andere politische Ereignis der 70er erinnern können, zuweilen ringen einem die Dokumente auch ein kleines Schmunzeln ab. Doch letztendlich ermöglichen sie dem Leser einen unverblümten Einblick in die diplomatischen Kreise und die Problematik jener Jahre.

Egal ob es sich um die Bildung einer palästinensischen Exilregierung, um die Vorschläge des ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat oder das israelisch-ägyptische Truppenentflechtungsabkommen handelt, bei Nestor finden sie alle Erwähnung. Insbesondere wird aber auch auf die amerikanischen Vermittlungsversuche eingegangen: die Nahostmissionen des US-Außenministers Henry Kissinger wie auch die Auswirkungen der Wiederwahl Richard Nixons und sein späterer Rücktritt.

Die Berichte umfassen inhaltlich weiterhin den Bürgerkrieg im Libanon, die Bemühungen um ein israelisch-syrisches Abkommen, die Rolle der jüdischen Siedlungsgebiete, die PLO sowie den Einfluss der Sowjetunion auf die Region.

Ausführliche Sammlung

Wie die von Rolf Steininger herausgegebenen Berichte aus Israel beabsichtigt auch diese Dokumentation Originalakten zur Verfügung zu stellen. Diesem Ansatz ist Steininger mit einer Fülle von Dokumenten und Bildern der Jahre 1972-1976 durchaus nachgekommen.

Durch den wissenschaftlich korrekten wie gut strukturierten Aufbau wird er seiner Zielgruppe von Nahost-Experten und einschlägig Belesenen gerecht. Einzig Anmerkungen, Kommentare oder Hinweise sucht man vergebens. Es mag nicht die Intention des Herausgebers gewesen sein, die Wirkung der Dokumente in irgendeiner Weise zu verfälschen, als Hilfestellung wäre jedoch die eine oder andere Erläuterung durchaus wünschenswert gewesen. Folglich ist Israel und der Nahostkonflikt absolut nicht als einführende Lektüre oder ohne entsprechende Vorkenntnisse zu empfehlen.

Einzig formales Manko ist jedoch das Inhaltsverzeichnis. Das dort angepriesene Abkürzungsverzeichnis, Sach- und Personenregister fehlt in der vorliegenden Auflage schlichtweg. Auch ist die Seitennummerierung teilweise falsch. Alles in Allem ist Israel und der Nahostkonflikt 1972-1976 ein vielversprechender Ansatz, kann sein ganzes Potential aber bei Weitem nicht ausreizen.

Steininger, Rolf ,

Israel und der Nahostkonflikt 1972-1976,

(2006), München, OLZOG Verlag,

369 S., ISBN: 3-7892-6812-7, 29,90 Euro



Die Bildrechte (Cover) liegen beim Olzog Verlag.

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