„Al-Qaida kann nicht gewinnen“

16. Okt 2007 | von Maik Henschke | Kategorie: Internationaler Terrorismus

Lawrence_Wright.jpgWoher kommt al-Qaida? Welche Fehler der US-Behörden führten zu den Anschlägen am 11. September? Welche Bedrohung geht heute vom Netzwerk um Osama Bin Laden aus? Reporter, Autor und Pulitzer-Preisträger Lawrence Wright stellte in Berlin sein neuestes Buch vor – und prophezeite den radikalen Islamisten ihren Untergang. Von Maik Henschke

Als der Regen an diesem ungemütlichen Spätsommerabend immer stärker wurde, saß Lawrence Wright längst gut gelaunt im trockenen Ledersessel vor dem Marmorkamin und war in Plauderstimmung. In seinem gerade erschienenen Buch Der Tod wird euch finden. Al Qaida und der Weg zum 11. September erzählt der US-Autor aus Texas als erster detailliert die Vorgeschichte der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon vor sechs Jahren.

Um den frischgebackenen Gewinner des Pulitzer-Preises 2007 gebührend zu empfangen, lud die American Academy in ihre prunkvolle Villa am Ufer des Berliner Wannsees. Die Hauptstadtpresse sandte ihre Politik-Redakteure, New York Times und Financial Times ihre Berlin-Korrespondenten. Ergänzt wurde die Gästeliste durch Experten der deutschen Innen- und Sicherheitspolitik. Vor knapp 150 geladenen Besuchern referierte Wright detailverliebt und kenntnisreich über eine Terror-Organisation, von der bis Mitte der neunziger Jahre nicht mal eine handvoll FBI-Mitarbeiter je etwas gehört hatte – bis Osama Bin Ladens Netzwerk 2001 weltweit in aller Munde sein sollte. Das Gespräch führte Georg Mascolo. Er leitet das Spiegel-Hauptstadtbüro und kennt Wright bestens aus seiner Zeit als Korrespondent in Washington – was leider auch auffiel: Mascolo nannte Wright journalistisch wenig distanziert „Larry“.

Spurensuche in der Heimat des Terrorchefs

Fast fünf Jahre recherchierte Wright im Mittleren und Nahen Osten sowie den Vereinigten Staaten für sein Buch und führte mehr als 600 Interviews. Der 60-Jährige ist das, was viele auf dem Gebiet des islamistischen Terrorismus einen ausgewiesenen Experten nennen. Selbst die CIA bat ihn schon um Rat. Wright machte seinen Master in angewandter Linguistik an der American University in Kairo und ist ein intimer Kenner der muslimischen Länder im Nahen Osten. Seit 1992 arbeitet der Autor und Drehbuchschreiber (Der Anschlag) als Reporter für das Magazin The New Yorker.

Als ebensolcher war Wright jedoch die Einreise nach Saudi-Arabien untersagt. Um dennoch vor Ort recherchieren zu können, war der US-Autor gezwungen, sich kurzerhand Wohnsitz und Job zu beschaffen. Also betreute Wright als Mentor arabische Nachwuchsreporter in Dschidda, Osama Bin Ladens Heimatstadt. So gelangte er an zahlreiche wertvolle Informationen über die familiären Wurzeln Bin Ladens, traf enge Anhänger des vermögenden Saudis, Wegbegleiter und Feinde.

Jugend isoliert von Bildung, Musik und Dating

Im reichen Wüstenstaat fand Wright teilweise erschreckend vormoderne Verhältnisse vor. Innerhalb der arabischen Zivilgesellschaft, die diese Bezeichnung Wrights Ansicht nach nicht wirklich verdiene, glaubt der Autor, Gründe gefunden zu haben für die weit verbreitete Radikalisierung junger Muslime. So gäbe es in Saudi Arabien praktisch kein politisches Leben. Gerade junge Saudis isoliere das Königreich von modernen Einflüssen jeglicher Art. Kaum Kunst und Kultur, berichtete er, ein spärliches Bildungsangebot, weder Internet noch Musik oder „Dating“. Das einzig westliche vor Ort, schmunzelte Wright, sei „das IKEA in Dschidda“. Weil der Einzelne kaum Einfluss auf die Gesellschaft ausüben könne, sei der Level an Frustration so hoch wie fast nirgendwo sonst auf der Welt. Wright sprach von Umfragen, nach denen über die Hälfte der Männer und fast drei Viertel der Frauen im Land unter Depressionen litten, sieben Prozent der saudischen Frauen hätten gar Selbstmordversuche zugegeben.

„Sogar als Terrorist ist deine Waffe aus China“

Um die Situation zu verstehen, so Wright, sei es notwendig, in der Historie zu kramen. Im Jahr 1683, als der polnische König das islamische Königreich angriff, befand sich die Zivilisation des Islam auf dem Höhepunkt. Die folgenden Jahrhunderte glichen einer Talfahrt, gezeichnet von Unterdrückung und Demütigung. Ein Großteil der Muslime, die immerhin rund ein Fünftel der Weltbevölkerung darstellen, sehne sich heute nach Identität. Abgesehen vom Öl habe die dortige Wirtschaft wenig zu bieten. Tatsache ist: Alle arabischen Staaten zusammen exportieren weniger Waren als die fünf Millionen Finnen. Die Menschen hätten das Gefühl, nichts Eigenes, nichts typisch Islamisches mehr zu besitzen, worauf es sich stolz zu sein lohnt, sagte Wright und drückte es ironisch aus: „Sogar als islamistischer Terrorist ist deine Waffe aus China.“ Diese tief sitzende Demütigung habe sich spätestens nach dem Sieg der muslimischen Mudschahidin über die Sowjet-Truppen in Afghanistan vor knapp 20 Jahren Luft gemacht. Ein Triumph, der den Rachegelüsten gegenüber dem ungläubigen Westen einen kräftigen Schub verpasste und wenig später auch al-Qaida regen Zulauf garantierte.

Die heutige Bedrohungslage sei vor allem die Folge außenpolitischer Fehler der US-Regierung: „Nach dem Afghanistan-Krieg 2001 war al-Qaida am Boden“, sagte Wright. Denn was die Truppen der ehemaligen Sowjetunion in über zehn Jahren nicht schafften – die muslimischen Mudschahidin in deren Land zu besiegen – schaffte die US-Armee in nur wenigen Wochen. Doch wenig später folgte der Krieg im Irak. Aus Sicht des Autors ein folgenschwerer Fehler: Der Feldzug im Frühjahr 2003 habe dem angeschlagenen Terrornetzwerk wieder neues Leben eingehaucht. Und die Organisation mit Osama Bin Laden und dem Ägypter Ajman al-Sawahiri an der Spitze habe sich modernisiert: Kurz nach ihrer Entstehung Anfang der Neunziger Jahre, erzählte Wright, sei die Mitgliedschaft bei al-Qaida praktisch ein „guter Job“ gewesen, inklusive monatlichem Lohn und Urlaub. Die neue al-Qaida dagegen funktioniere nun wie „Street Gangs“ in kleinen, autonomen Zellen und der Kommunikation übers Internet.

Der Sechs-Stufen-Plan al-Qaidas

Euphorisiert durch die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon 2001 stellte die al-Qaida-Führung noch im selben Jahr einen Sechs-Stufen-Plan auf. 9/11 und der Widerstand im Irak lassen sich demnach als bereits erfolgreich abgehakte Ziele sehen. Ginge es nach den Qaida-Chefs, soll bis Mitte des nächsten Jahrzehnts, nach historischem Vorbild, ein islamisches Kalifat errichtet werden, das sich von China bis nach Spanien erstreckt. Im Jahr 2016 steht eine vereinigte islamische Armee auf der Agenda, die in einen „apokalyptischen Krieg gegen die Ungläubigen“ ziehen soll. Der Plan der al-Qaida-Strategen gipfelt laut Wright schließlich 2020 im „totalen Sieg“ der islamischen Welt über den Westen.

Doch Lawrence Wright ist überzeugt: „Al-Qaida kann nicht gewinnen“, wofür er drei durchaus plausible Gründe nannte: Erstens sei „nahezu jeder ihr Feind“. Nicht nur Erzrivale und Weltmacht USA stünden dem Qaida-Traum einer muslimischen Vormachtsstellung im Weg. Auch militärisch bedeutende Staaten wie Russland, China oder Israel hätten da ihre Einwände, inklusive ganzer Glaubensgemeinschaften wie Juden und Christen.

Als zweiten Punkt führte Wright den Fakt an, dass seit Ende der Neunziger Jahre Hunderte muslimische Zivilisten – von Jakarta über Istanbul bis Tansania und Bali – durch Anschläge des Terrornetzwerks ums Leben gekommen sind. Ein klares Zeichen für muslimische Länder: Für den Krieg gegen den Westen nimmt al-Qaida offensichtlich selbst den massenhaften Tod eigener Glaubensbrüder billigend in Kauf. Die erhofften Sympathien aus der religiösen Bevölkerung seien zum Teil schon jetzt umschlagen.

Frontlinie Europa

Diskussion_Wright.jpgSchließlich und endlich kann Wright schlicht keine politischen Ziele al-Qaidas erkennen. Was geschieht, sollten die Extremisten tatsächlich Staaten regieren müssen? Was würden die Führer tun gegen die Alltagsprobleme der jungen Muslime, die Al Qaida folgen sollen? Wie stünde es um Arbeitslosigkeit, Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitsversorgung? Im Vergleich etwa zur irisch-extremistischen IRA, so der Autor, sei all das nirgends vorgesehen im Plan der Terrororganisation. Es genüge, sagte Wright, sich nur deren Propagandaschriften und Äußerungen anzusehen, um zu dem Schluss zu gelangen: „Al-Qaida bietet jungen Menschen nur eines an: Tod.“

Auf Wunsch von Spiegel-Mann Mascolo wagte der Texaner am Ende einen Blick auf die Terrorgefahr der Zukunft. „Europa ist die Frontlinie, nicht New York oder Kairo“, prognostizierte Wright. Das Paradoxe: Zwar leben die meisten jungen Muslime im westlichen Ausland freier. Doch erst hier, in den Moscheen fernab der Heimat, würden viele von ihnen schließlich radikalisiert, sagte der US-Autor. Deshalb sei es künftig gerade in den Staaten Westeuropas wichtig, wie Frankreich, England und Deutschland, die muslimische Minderheit zu integrieren und deren Probleme ernst zu nehmen.

Bin Laden auf Vergebungstournee

Trotz ihres autonomen Zellengebildes, glaubt Wright, würde die al-Qaida von heute ohne Bin Laden als führenden Kopf nicht länger funktionieren. Der Saudi sei nicht nur der Geldgeber hinter den weltweiten Anschlägen, sondern mobilisiere vor allem durch sein berüchtigtes Charisma radikale Muslime. Niemand, meinte er, würde für dessen Nummer zwei Sawahiri in den Tod gehen.

Sollte der derzeit meistgesuchte Mann der Welt den Behörden tatsächlich ins Netz gehen, schwebt Wright für Bin Laden eine Art Welttournee der Vergebung vor: Zunächst würde der Autor den Saudi nach Tansania und Kenia bringen. Dort würde dieser sich vor den Angehörigen der Opfer verantworten müssen, die 1998 bei den Anschlägen auf die US-Botschaften ums Leben kamen – der Großteil waren Afrikaner.

Dieselbe Prozedur solle der Terror-Drahtzieher danach von New York über Madrid, London, Istanbul oder Bali über sich ergehen lassen. Schließlich müsse er im heimischen Saudi-Arabien seinem letzten Richter gegenübertreten. Der würde ihn nach der Scharia verurteilen, dem einzigen Recht, das Bin Laden akzeptiere. Ihr zufolge könnten die Hinterbliebenen der Opfer gegen finanzielle Entschädigung auf die Vollstreckung des Urteils verzichten – dem Tod durch das Schwert. So könne Bin Laden nicht zum Märtyrer werden.


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