Wahrheiten wollen ans Licht

25. Jul 2006 | von Samuel Müller | Kategorie: Europa

flagge_eu.jpgDer Aufnahmeprozess der Türkei in die Europäische Union wird von heftigen politischen Debatten überschattet. Dabei spielen nicht nur Religion und Kultur immer wieder die Hauptrollen. Die so genannte Armenierfrage scheint ebenfalls ein streitbares Beitrittskriterium zu sein. Von Samuel Müller

Der französische Schriftsteller und Historiker Philippe Videlier zitiert 2005 in seinem Essay "Türkische Nacht" die New York Times vom 16. September 1915. Darin heißt es: "Alle aus der Türkei kommenden Berichte stimmen darin überein, dass die Türken furchtbare Gräueltaten an den Armeniern verüben. Man nehme an, dass dem die offizielle Absicht zugrunde liege, einen Vernichtungsfeldzug durchzuführen, der die Ermordung von 800.000 bis zu 1.000.000 Personen vorsehe" (Videlier im Lettre International).

Um die historischen Hintergründe dieser Zeit zu beleuchten, müssen die Jungtürken erwähnt werden. Die Reformbewegung, die sich als “Komitee für Einheit und Freiheit” verstand, hatte den brutalen und patriarchalischen Sultan Abdülhammid II bereits 1909 endgültig abgesetzt und errang 1914 die absolute Macht im zerfallenden Osmanischen Reich.

Die Jungtürken, beseelt von der Idee der Nation, der Rasse und des Bluts verfolgten eine kompromisslose Türkifizierungspolitik. Am 24. und 25. April 1915 wurden die armenischen politischen und kulturellen Eliten entmachtet und inhaftiert. Im Mai 1915 ordnete man offiziell an, die armenische Bevölkerung umzusiedeln. Verfolgungen und Übergriffe begannen jedoch schon in den Wochen davor.

Umsiedlung bedeutete Todesmärsche in die unmenschlichen Internierungslager bei Aleppo in der syrischen Wüste. Zudem kam es immer wieder zu Massakern und Erschießungen. Für Tötungsaktionen und Pogrome wurde vor allem die so genannte Spezialorganisation eingesetzt, eine aus ehemaligen Häftlingen bestehende Miliz, die einzig dem Befehl der jungtürkischen Regierung unterstand. Je nach Schätzung wurden während dieser Zeit zwischen 600.000 und 1,5 Mio. armenische Männer, Frauen und Kinder zu Tode gebracht.

Anerkennung als Beitrittskriterium

Seit dem 3. Oktober 2005 finden formale Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union (EU) statt. Auch wenn die politischen und wirtschaftlichen Kriterien schrittweise erfüllt und durch die Europäische Kommission insgesamt positiv bewertet werden, brachte das Europäische Parlament den Völkermord an den Armeniern in die Diskussion ein. Es appelliert an die Türkei, den Genozid an den Armeniern anzuerkennen und betrachtet diese Anerkennung als eine Voraussetzung für den Beitritt zur EU. Indirekt wird darauf auch im aktuellen Fortschrittsbericht der EU-Kommission Bezug genommen.

Der Deutsche Bundestag formulierte zu dieser Frage 2005 einen fraktionsübergreifenden Antrag. In ihm wird dazu aufgerufen, den Völkermord in der Türkei nicht weiter zu tabuisieren und zu relativeren. Stattdessen solle sich auch die deutsche Regierung aktiv dafür einsetzen, dass Türken und Armenier die gemeinsame Vergangenheit aufarbeiten und sich versöhnen. Dabei wird auch auf die unrühmliche Rolle des Deutschen Reichs eingegangen, das mit der jungtürkischen Regierung verbündet war und nicht versuchte, die Gräuel zu stoppen.

Warum die Kontroverse?

Portrait_Berktay.jpgWorin besteht nun die Kontroverse, wo doch die Faktenlage so eindeutig erscheint? Der türkische Geschichtsprofessor an der Istanbuler Sabanci Universität, Halil Berktay (Foto links), stellt in einem Interview mit Khatchig Mouradian ebenfalls fest: Die Geschehnisse 1915/16 "fits the clauses of the 1948 UN convention comprehensively". Berktay bezieht sich hier auf die UN-Resolution 260 aus dem Jahr 1948. Sie beinhaltet die "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes".

Jedoch stellt sich für Berktay letztlich eine andere Frage: "How can we liberate the present from being captive, in bondage, to the ghosts of 1915?" Dabei rückt er vor allem die verhärtete Beziehung zwischen Armenien und der Türkei in den Vordergrund, die noch weitere politische Streitpunkte betrifft. Ein einseitiges Ja oder Nein zum Genozid führt in eine Sackgasse und macht es unmöglich, den von Nationalstolz getragenen Streit zu schlichten.

Zudem spricht Berktay von einem methodologischen Problem. Aus historischer Sicht muss gefragt werden, ob 1915 ein entsprechendes Unrechtsbewusstsein vorhanden war. Für ihn bleibt klärungsbedürftig, inwieweit der Völkermord an den internationalen ethischen Maßstäben von 1948 gemessen werden kann.

Die türkische Position

Die türkische Regierung streitet einen Völkermord rigoros ab. Armenier gefährdeten die Sicherheit des Landes und der Regierung; einst kämpften armenische Freiwilligenkorps an der Seite des zaristischen Russland gegen das Osmanische Reich und das Deutsche Kaiserreich. Es heißt generell, dass es sich um eine undurchsichtige Situation, um tragische Vorkommnisse im Zuge der Balkankriege 1912 und des ersten Weltkriegs 1914 handelte. Abgesehen davon wurde nicht explizit im Namen der Türkei gehandelt, die bekanntlich erst 1923 als Republik ausgerufen wurde.

Wahrheiten wollen ans Licht

Auch wenn diese Einwände nicht völlig unberechtigt sind: Die türkische Regierung wird es sich langfristig nicht leisten können, das Thema totzuschweigen, indem beispielsweise Konferenzen zu dieser Thematik in der Türkei unterbunden und im Ausland ignoriert werden.

Denn das allgemeine Interesse an der Vergangenheit ist groß. Dies wurde exemplarisch an einer Ausstellung armenischer Postkarten in Istanbul deutlich. Im Januar 2005 zeigten über 500 Exponate eines Postkartensammlers detailreich das Leben der Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Türkei. Mit diesem politisch scheinbar unverfänglichen Thema wurde auf die türkischen Armenier aufmerksam gemacht. 7.000 Besucher zählte man in nur elf Tagen.

Pamuk_klein.jpgEin noch deutlicheres Signal setzte der türkische Schriftsteller und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Orhan Pamuk. (Foto rechts) Gegenüber einer schweizerischen Zeitung äußerte er: “Man hat hier 30.000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es". Er kam wegen "Beleidigung des Türkentums" vor Gericht. Das Verfahren, begleitet von kontroversen Diskussionen und nationalen Aufwallungen bis hin zur Bücherverbrennung, wurde jedoch im Juni 2006 eingestellt.

Aussöhnung unterstützen

Die Armenierfrage stellt ein ausgesprochen facettenreiches Problemfeld dar. Die vom EU-Parlament geforderte Anerkennung beinhaltet daher weit mehr als einen formalen Staatsakt, in dem die Türkei eine historische Schuld kurzerhand anerkennen könnte.

Es ist wünschenswert, dass die Europäische Union weiterhin kritisch Position bezieht und die Werte verteidigt, für die sie steht. Sie kann sich darum bemühen zu vermitteln und den Aussöhnungsprozess angemessen zu begleiten. Hinsichtlich der Schwierigkeit des Themas ist es jedoch fraglich, ob die Armenierfrage als Beitrittskriterium praktikabel ist oder ob es sich nicht doch um die Ausschlachtung einer hoch politisierten Kontroverse handelt.



Die Bildrechte liegen bei der Sabanci Universität (Foto Berktay), www.orhanpamuk.com (Protrait Pamuk) bzw. sind Public Domain (EU-Flagge).



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