Verschwörungstheoretisch wertvoll

Cover_Pozsgai.gifGab es einen „Masterplan“ von Michael Gorbatschow für den Systemwechsel in der Sowjetunion und den Satellitenstaaten? Lief die große Wende in den 1990er Jahren nach diesem ab oder erhielt die Entwicklung nur eine Eigendynamik, die den Realsozialismus fast überall in der Welt verschwinden ließ? Joseph Pozsgai analysiert die Geschichte Mitteleuropas seit dem 19. Jahrhundert und stellt fast unglaubliche Behauptungen auf. Ob man ihm bei allen Betrachtungen folgen kann, ist eine Gewissensfrage. Auf jeden Fall liest sich sein Buch spannend wie ein Krimi. Von Wolfgang Mehlhausen

„Tragweite der Wende“ heißt das Vorwort, das voller Lob für das Buch Der Preis der Wende ist, aber nicht Joseph Pozsagi, sondern sein Namensvetter Imre Pozsgai, ehemaliger Staatsminister Ungarns ist der Verfasser, der zu den konsequentesten und frühsten Wendepolitikern
zählt. Als führender Kopf in der untergegangenen Volksrepublik Ungarn hatte er gewiß großen Einblick in die Weltpolitik. Er steht den gewagten Theorien gut gesonnen gegenüber und nennt ihn mutig. Mutig ist es, die Geschichte nicht nur zu beschreiben, sondern auch mit Phantasie zu interpretieren.

Sollte Gorbatschow tatsächlich mit dem Westen ausgemacht haben, daß er den Kommunismus abschafft, dafür aber die Nomenklatura sich das Volksvermögen in Rußland – wie in den anderen Satellitenstaaten aneignen darf? Mit einem 5-Punkte-Programm aus „vertraulichen Quellen“ wird man auf Seite 11 konfrontiert. Der Leser beginnt nun nach Beweisen für diesen Plan in den Folgekapiteln zu suchen.

Die Teilungen Osteuropas, Kriege, Aufstände und Macht der Machtlosen

Pozsgai ist Ungar und hat mit vielen bedeutenden Politikern des letzten Jahrhunderts persönlichen Kontakt als Journalist. Bevor er seine abenteuerliche Theorie mit Fakten zu untermauern versucht, unternimmt er einen Ausflug in die Geschichte. Hier ist alles stimmig, auch wenn manche Interpretation nicht der „Schulhistorik“ entspricht.

Er analysiert die russische Politik seit dem Sieg über Napoleon von 1812 bis zum Ersten Weltkrieg und kommt zur Überzeugung, daß nicht die „Imperialisten“, sondern vorrangig das Zarenreich an dessen Ausbruch interessiert war, um den nach den Krimkriegen verlorenen Einfluss auf Mitteleuropa wieder zu erlangen.

Er beschreibt, wie sein Heimatland Ungarn nach diesem Krieg ohne Not zu einem Kleinstaat degradiert wurde. Überzeugend beweist er, dass Josef Stalin die Konferenz von Jalta anders verstand als die Westmächte. US-Präsident Franklin D. Roosevelt vertraute Onkel Joe im Gegensatz zum klugen Winston Churchill zu sehr. Daß die amerikanische Administration damals mit hochrangigen sowjetfreundlichen Männern durchsetzt war, läßt verstehen, warum der Westen nach 1945 vieles einfach hinnahm: DDR- und Ungarnaufstand, Mauerbau in Berlin
und Niederschlagung des Prager Frühlings. In allen Fällen gab es nur Proteste, Lärm in den Medien, aber keine ernsten politischen Konsequenzen oder gar Maßnahmen gegen die russische Großmachtpolitik.

Außenpolitische Erfolge der Russen und Satelliten

Dass die Russen die Gewinner der Schlußakte von Helsinki 1975 waren, obwohl sie besonders den Korb „Menschenrechte“ nie im Ansatz zu realisieren dachten, wird schlüssig bewiesen, ebenso, daß selbst
der Vatikan gegenüber der DDR Zugeständnisse machte und half, den diplomatischen Durchbruch zu erringen. Umfangreich analysiert der Autor die polnischen Ereignisse von 1980. Hier kann man in ganz wenigen Punkten anderer Meinung sein, so in Frage der internationalen Arbeitsteilung im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), dem Comecon, die nie funktionierte. Mit sehr einfachen Worten beschreibt er das realsozialistische System als puren „Staatskapitalismus“. Er erinnert an die BRD-Reise Erich Honeckers und die Milliardenkredite, die ausgerechnet Franz Josef Strauß einfädelte, der stets als Prototyp des Antikommunisten galt. Als Beweis für die „Masterplantheorie“ kann man diese Beispiele aber nicht ansehen.

Systemwechsel und Chaos

In der zweiten Hälfte des Buchs sagt schon der Titel „Der Zwang zum Systemwechsel in der UdSSR“, dass die Veränderungen in Rußland nicht Produkt der Eingebung eines „Gutmenschen“ wie Gorbatschow waren, sondern unter unaufhaltsamem Druck entstanden. Daß das, was „Privatisierung“ genannt wurde, in Rußland nach einem „Masterplan“ ablief, möchte man ihm jedoch nicht glauben. Der Autor beschreibt genau die Verhältnisse, zeigt wie sich Funktionäre, KGB-Leute und die alten Eliten schamlos bereicherten, wie neue und teilweise kriminelle Strukturen entstanden.

Viele höhere Chargen im KGB und im Parteiapparat waren keineswegs Dummköpfe, sondern intelligent und zugleich oft rücksichtslos, vor wie nach der Wende. Wer konnte, griff nach dem, was auf der Straße lag und sich „Volksvermögen“ nannte, dem Volk aber nie gehörte. Der Realsozialismus war, wie vorher von Pozsgai bewiesen, eine Spielart des Staatskapitalismus mit ideologischem Anspruch,
den der Kapitalismus nie erhob, nämlich gerecht zu sein. Daß im bis 1918 noch feudalen Rußland vieles unglaublich brutaler ablief, ist geschichtlich begründet. Wie immer wurde das Volk betrogen, belogen und bestohlen von einer neuen Klasse der „Bizinesman“. Neue Mächtige wie Boris Jelzin stießen den Vater der Perestroika beiseite, dass es dem Ausland peinlich war, aber Gorbatschow war in der „gelenkten Demokratie“ aufgestiegen und politisch nicht mehr tragbar.

Es fehlt der wissenschaftliche Beweis, dass die märchenhaft Reichen, die „Oligarchen“ alle der Nomenklatura entstammten. Zwischen den Dollar-Millionären und Milliardären sind bekanntlich auch solche, die keine KP- und KGB-Karriere aufweisen und die dann in Ungnade fielen, weil sie glaubten, auch Politik machen zu dürfen, wie es die Großkapitalisten im Westen zu pflegen tun.

Umfangreich berichtet Pozsgai über die Privatisierung in Ungarn, deren Nutznießer vor allem Ausländer waren, bedingt durch die Zinspolitik der Nationalbank, was als Beweis für seine Verschwörertheorie eher kontraproduktiv ist. Polen ist ein weiteres Kapitel gewidmet, doch hier schreibt er gar nichts zu dem Privatisierungsprozess.

Was den „unbekannten Putin“ angeht, so kann man ihm nur beipflichten: „Es wird schwer bleiben über Russlands Zukunft gesicherte Aussagen zu machen“, schreibt Pozsgai. Alles in allem kann dieses Buch trotz spektakulärer Theorien und nicht schlüssiger Beweise für einige Behauptungen sehr empfohlen werden. Pozsgai ist ein begnadeter Journalist, der die Wendewirren in Osteropa spannend
darzustellen versteht.

Joseph Pozsgai
„Der Preis der Wende – Gorbatschows Masterplan für den Systemwechsel“
2006, Olzog-Verlag, München,
246 S., ISBN: 3-7892-8162-2, 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Olzog-Verlag. Der Verlag im Internet


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