Vernetzte Sicherheit

Cover_Siedschlag.jpgDer Begriff Sicherheit hat sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts verändert. Er umfasst nicht nur immer mehr Politikfelder, sondern hat auch die Sicherheit des Individuums in den Fokus genommen. Siedschlags Sammelband diskutiert Methoden zum Umgang mit dieser Komplexität. Von Christoph Rohde

Sympathisch wird Alexander Siedschlags Buch bereits, wenn man dessen Schluss liest. Denn der großspurige Anspruch von Neuartigkeiten wird kategorisch bestritten – ganz im Sinne Hans Morgenthaus, der proklamierte, dass Neues nicht gleich Tugend und Traditionelles nicht gleich intellektuellen Rückschritt bedeute. Methoden der sicherheitspolitischen Analyse – dieses Lehrbuch verschafft dem Leser jedoch spezielle intellektuelle Zugangsarten zum Thema Sicherheit mit analytischem Mehrwert.

Strategische Kulturforschung

Alexander Siedschlag hat sich in seiner Dissertation mit dem politischen Realismus beschäftigt, dessen Prämissen er auf der Basis eines nicht-normativen Konstruktivismus weiterentwickelt. Dabei wird die Handschrift seines Doktorvaters Gottfried-Karl Kindermann deutlich. Der von Siedschlag konzipierte Begriff der strategischen Kulturforschung basiert auf Überlegungen aus der Konstellationsanalyse. Siedschlag zeigt, inwieweit die Selbstwahrnehmungen von Akteuren deren Verhalten genauso prägen wie die strategischen Herausforderungen des externen sicherheitspolitischen Umfeldes.

Deutschland und Frankreich

Interessant wird Siedschlags Beitrag besonders dort, wo er einen Vergleich der verteidigungspolitischen Identitäten Deutschlands und Frankreichs vornimmt. Während der normativ verstandene Multilateralismus als konstitutives Prinzip in den deutschen Gründungsmythos eingeprägt und bis heute beibehalten wurde, so sind die Handlungen der französischen Sicherheitspolitik mehr aus den rationalen Kalkulationen eines autonomen Akteurs in einem anarchischen internationalen System zu verstehen. Die Franzosen interpretieren den auch für sie unvermeidlichen Multilateralismus eher als instrumentellen denn als ontologisch selbständigen Wert.

Mehrwert der NATO

Der NATO weist Siedschlag eine besondere Bedeutung bei der Bewältigung der sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu. Denn die symbolisch vermittelten kulturellen Ressourcen der NATO machten diese neben den Fähigkeitspotenzialen strategisch handlungsfähig. Die NATO könne so das Instrument werden, das die subjektiven Sinnwelten der Mitglieder mit den objektiven Herausforderungen verbinden könne. Dies führe zu gemeinsamen Sicherheitsideen, die schnelles und effektives Handeln ermöglichten. Eine Identitätsbildung, die das Nationale nicht verleugnet, aber den Weg für eine ehrliche kollektive Handlungseinheit zu spuren vermag.

Erstellung von Konfliktszenarien

Um institutionell adäquat auf zukünftige Sicherheitsdefizite reagieren zu können, bedarf es realistischer Einschätzungen kommender Konfliktprozesse. Obwohl Brust, Föhrenbach und Kästner nicht den uneinlösbaren Anspruch exakter Prognosefähigkeit formulieren, so versuchen sie doch Entwicklungspfade im Sinne von Gleisanlagen zu entwickeln, die die Zukunft besser vorstellbar machen. Wo kann präventiv begegnet und wie kann möglichst flexibel auf Sicherheitsgefährdungen reagiert werden? Die strategische Zukunftsplanung der Bundeswehr steht im Mittelpunkt eines praktischen Beitrages, die Frage sicherheitspolitischer Vernetzung bildet den Schwerpunkt eines weiteren, interdisziplinäre Forschung fordernden Artikels. Dabei geht es um die Möglichkeiten eines verbesserten Wissensmanagements.

Beeindruckende Fallstudien

Überzeugend ist die methodische Konzeption der komparativen Analyse des Verhaltens unterschiedlicher europäischer Akteure im Falle der US-Irak-Intervention im März 2003 von Thomas Jäger und Kai Oppermann. So gut die Kategorien gegenübergestellt und so sorgfältig die Quellen ausgewertet wurden, so deutlich zeigt sich auch die Grenze des zugrunde gelegten Diskurs-Identitäts-Ansatzes. Man bekommt den Eindruck, dass das Verhalten der Akteure posthoc künstlich verstehend nachvollzogen wurde. Für jedes andere Outcome hätte man die Kategorien anpassen können.

Die vollständige Ausblendung der Kategorien der Macht und des Staatspositionalismus sind zu bedauern. Erklärt nicht gerade die beschworene Elite-Bevölkerungs-Diskrepanz im Handeln die Tatsache, dass Staaten einer machtbezogenen Staatsräson in Krisen öfter folgen als der Meinung der eigenen Gesellschaft? Der Einbezug der US-Alliierten in Osteuropa hätte hier noch deutlichere Ergebnisse erbringen können. So wird nur defätistisch erklärt, dass ein derartig uneinheitliches Verhalten der Akteure sich jederzeit wiederholen könne. Die Frage nach dem Warum wird nicht erklärt. Der Realist würde sagen: aufgrund inkompatibler strategischer Interessen und Systemvisionen der einzelnen Akteure.

Die nationale Sicherheitsstrategie der USA

Erwähnenswert ist die Diskursanalyse zur nationalen Sicherheitsstrategie der USA, von Myriam Dunn und Victor Mauer durchgeführt. Hier wird gezeigt, mit Hilfe welcher rhetorischer Strategien George W. Bush den amerikanischen Mythos der Unbesiegbarkeit im „Krieg gegen den Terror“ aufbaut und zur Durchsetzung politischer Strategien ausnutzt.

Mit Hilfe der Kreation von frames, das sind symbolträchtige Bilder, schafft es Bush, nicht nur die amerikanische Bevölkerung, sondern auch die internationale Öffentlichkeit zu manipulieren nach dem bekannten Motto: „Entweder bist du für uns oder du bist für die Terroristen.“ Diese Art der Rhetorik versperrt den Weg für differenziertes Denken.

Breites Spektrum an Methoden

Von harter Soziologie über klassische Inhaltsanalyse bis hin zu empirisch fundierter Konfliktanalyse auf solider Interviewbasis werden aufwändige Methodiken dargestellt, denen sich Forschende bedienen können, um sicherheitspolitische Strategien für die politische Praxis zu produzieren. Allerdings sind einige Tabellen und Matrizen voller Anglizismen, die zwar Aktualität aufzeigen wollen, jedoch mühsam und sprachlich inkonsistent wirken. So ist von Core-Variablen-Komplexen und Desk Studies die Rede. Manche dieser Arbeitsanleitungen wirken jedoch etwas steril und so universell, so dass am Ende lediglich „anything matters“. Die Komplexität der Weltentwicklungen macht hingegen revisionsoffene Forschungsdesigns unerlässlich. Außerdem ist die Ahistorizität konstruktivistischer Forschung ein Manko, das auch in diesem Band deutlich spürbar wird.

Bewertung

Trotz der Detailkritik an einigen Methoden oder der teilweise fast willkürlichen Mentalität der Begriffsschöpfungen erweist sich Siedschlags Sammelband als sehr lesenswert. Denn in diesem Kompendium wird in wissenschaftlich fruchtbarer Weise theoretische Innovation mit politischer Empirie verbunden. Die Beiträge sind sehr sorgfältig strukturiert und mit Literaturreferenzen dicht bestückt. Die Aktualität der Themen macht das Buch für ein breites Publikum interessant. Vor allem für Studierende ab dem Hauptstudium, aber auch für Experten im Feld der Politikwissenschaft und angewandten Soziologie ist diese Arbeit eine Pflichtliteratur.



Alexander Siedschlag: Methoden der sicherheitspolitischen Analyse – eine Einführung,

(2006), Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaft,

ISBN: 3-531-14625-4, 355 S., 29,90 Euro

Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.