Unordnung in den internationalen Beziehungen

17. Dez 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

cover_stuermer_weltordnung.JPGMichael Stürmer, Historiker, Politikberater und Chefkorrespondent der Zeitung DIE WELT, analysiert eloquent und kenntnisreich die Konstellation der internationalen Beziehungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Von Michael Bauer

Die Antriebskräfte der internationalen Politik zu erklären, ist eine undankbare Aufgabe. Entweder man legt sich zu sehr fest, so wie dies Francis Fukuyama oder Samuel Huntington getan haben, und wird damit angreifbar. Oder man hält es mit Mark Twain und Jacques Bainville, Voraussagen über die Zukunft tunlichst zu vermeiden, zumindest aber nicht mit einem Datum zu versehen. Michael Stürmer hält es wie die beiden letztgenannten Autoren und ist entsprechend zurückhaltend mit allzu genauen Festlegungen hinsichtlich zukünftiger Entwicklungslinien.

Sein Buch über die Welt ohne Weltordnung hat der langjährige Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und renommierte Professor für Geschichte in drei Abschnitte gegliedert. Zunächst befasst er sich mit der Herleitung der internationalen Situation, wie sie sich im beginnenden 21. Jahrhundert darstellt. Diskutiert wird die strategische Ordnung der bipolaren Welt nach 1945, die Entwicklungen im Nahen Osten – vor allem die islamische Revolution in Iran – technologische Neuerungen sowie das Ende des Kalten Krieges und der Ost-West-Konfrontation. Aus der Perspektive der Gegenwart rekonstruiert Michael Stürmer, wie geordnet die Welt vor 1989 war und wo sich die Ursprünge dessen befinden, was die Unordnung der Welt nach 1990 und 2001 ausmacht.

Großmächte im Ungleichgewicht

Im zweiten Teil werden dann Europa, Russland, China und die Vereinigten Staaten als die wesentlichen Akteure benannt, wenn es um die Ordnung der Welt geht. Diese Mächte seien jedoch „aus dem Gleichgewicht geraten“ und daher entweder ihrerseits Quell internationaler Unordnung oder aber nicht in der Lage ordnend zu wirken. Für Europa etwa gelte, dass es sich spätestens seit den gescheiterten französischen und niederländischen Referenden über die europäische Verfassung in seinen Binnenbeziehungen im Ungleichgewicht befände und daher kaum gestaltend auf dem internationalen Parkett eingreifen könne.  

Russland hingegen entwickle nach den Irrungen und Wirrungen, die dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgten, wieder einen Großmachtsanspruch, zu dem ihm gleichwohl das passende Imperium fehle. Dem Kreml genüge der Status Quo dementsprechend keineswegs, was wiederum nichts Gutes ahnen lässt.  

Auch China sei mit seiner derzeitigen Positionierung im internationalen System nicht zufrieden und hege imperiale Ambitionen oder wenigstens multipolare Vorstellungen. Eine der weltpolitischen Herausforderung bestehe nach Stürmers Analyse darin, „den Aufstieg Chinas statt als globale Revolution der Machtverteilung als moderaten Prozess zu gestalten“. Gefordert sei hier vor allem die Weltmacht USA, ohne deren Engagement an Ordnung ohnehin nicht zu denken sei. Gleichwohl, so Stürmer, sei auch der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik in den letzten Jahren die klare Linie abhanden gekommen. Es sei zu befürchten, dass sich auch die letzte Supermacht im „imperial overstretch“ befindet.

„Potenzen der Zukunft“

Der dritte Abschnitt widmet sich dann den Themen, die die „Potenzen der Zukunft“ darstellen. Stürmer nennt hier an erster Stelle den „islamischen Krisenbogen“, der vor allem durch den Iran aufgespannt werde. Teherans Vormachtsansprüche und Atompläne destabilisierten die gesamte Region.  

Eng mit der Krisenregion Naher Osten verbunden, aber auch darüber hinaus reichend, sind auch die drei weiteren Themen der Zukunft: Der weltweit steigende Energiebedarf, Terrorismus als Form der asymmetrischen Kriegsführung sowie die Problematik der nuklearen Proliferation. Insbesondere aufgrund des Dursts nach Öl sieht Michael Stürmer neue geopolitische Konflikte heraufziehen. Während die Industriestaaten, allen voran die USA, keinerlei Zurückhaltung beim Energieverbrauch übten, nehme der Bedarf der Entwicklungs- und Schwellenländer rasant zu. Vor allem das eher postmodern und weniger realpolitisch denkende und handelnde Europa scheint nach Stürmer dabei kaum in der Lage zu sein, seine Energiesicherheit auf Dauer zu gewährleisten.  

Die Allgegenwart der terroristischen Bedrohung wiederum habe uns seit dem 11. September 2001 eine Welt des „unaufhebbaren permanenten Ernstfalls“ beschert. Ursprünge des Terrorismus seien ebenso ungewiss wie dessen Schadenspotenziale und die geeigneten Strategien des Gegenhandelns. Entsprechend müsse also erst einmal konzeptionell und politisch begriffen werden, welche Art der Auseinandersetzung hier eigentlich stattfindet. Während sich die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien längst zur Präemption gegen nuklearen Terror entschlossen hätten, werde sich die „Mehrzahl der Europäer“ (Stürmer meint hier natürlich die Deutschen) überlegen müssen, wie sie mit der neuen potenziell nuklearen Bedrohungen durch Schurkenstaaten und Terrornetzwerke umgehen will, anstatt diese Gefahr einfach „wegzuwünschen“.



Wortgewaltiges Altbekanntes

Portrait_Stuermer.JPGMichael Stürmer schreibt in erster Linie aus der Perspektive des Historikers, so dass sich das ganze Buch ein bisschen wie eine Einführung in die internationale Geschichte liest. Er hängt zudem – zumindest implizit – der realistischen Denkschule der internationalen Beziehungen an. Entsprechend staatszentriert ist seine Analyse und entsprechend skeptisch ist er hinsichtlich der Erfolgsaussichten kooperativer Lösungsansätze, die eher als postmodern eingeordnet werden.  

Nichtsdestotrotz ist Welt ohne Weltordnung durchaus recht spannend und unterhaltsam zu lesen, vor allem weil Michael Stürmer wortgewaltig und bisweilen süffisant und ironisch gewürzt schreibt. Viel Neues kommt dabei aber weder konzeptionell noch inhaltlich zutage.  

 

Stürmer, Michael: “Welt ohne Weltordnung, Wer wird die Erde erben?”

Murmann Verlag, München, (2006), 256 S.

ISBN: 3938017619, 22,50 Euro

 



Die Bildrechte liegen beim Murmann Verlag (Cover) und bei Martin K. Lengemann (Portrait).

 



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