Unbekannte Helfer

volktrost.jpgKonrad Löws Das Volk ist ein Trost ist ein Buch, das eine wenig bekannte Perspektive auf die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden im Dritten Reich aufzeigt. Indem er das Verhalten der despotischen Staatsmacht von dem des Volkes trennt, gelingt es Löw zu zeigen, dass die Reaktionen des Volkes auf die Verfolgung der Juden in nicht wenigen Fällen menschliche Züge trugen. Aber Löw verzerrt die Gesamtperspektive.  Von Christoph Rohde

Konrad Löw zeigt anhand von Erfahrungsberichten jüdischer Opfer des NS-Regimes, wie sich der wenig bekannte Alltag zwischen Juden und Christen aus deren Sicht abgespielt hat. Dazu wertet der Politikwissenschaftler und Jurist eine Vielzahl von Tagebüchern, Briefen, Lebenserinnerungen und Interviews aus, um das Paradigma der Kollektivschuld aller Deutschen zu entwerten.

Nicht alle waren Mörder

Löws Buch verfolgt dieselbe Absicht, wie der Schauspieler Michael Degen in seinem Film Nicht alle waren Mörder. In diesem Film wird den stillen und weithin unbeachtet gebliebenen deutschen Helfern der jüdischen Opfer ein posthumes Denkmal gesetzt. Dies ist gut so. Konrad Löw hätte dasselbe tun sollen. In seinem Versuch, das Volk insgesamt „reinzuwaschen“, ging Löw zu weit. Für Opfer des Holocaust kann das Buch damit verletzend und provozierend wirken. Dieses psychisch-emotionalen Kollateralschadens macht sich Löw schuldig. Wichtig und bedeutsam ist dennoch seine historische Dokumentation jüdischer Zeitzeugen.

Viele einzelne Fälle von Zivilcourage

Löws Buch basiert auf der Nutzung historischer Primärquellen. Er referiert auf glaubwürdige und renommierte jüdische Zeugen von Else Behrend-Rosenfeld, Walter Bloch, Alfred Grosser und Bella Fromm bis zu Hans Rosenthal, die Geschichten über die Hilfsbereitschaft deutscher Freunde unter dem Joch des Nationalsozialismus zu erzählen wissen. Diese Geschichten sind bewegend – die altruistischen Einstellungen der mutigen Helfer taugen auch für die gegenwärtige Generation als Vorbild. Löws Entlastungsstrategie zugunsten des deutschen Volkes basiert neben den jüdischen Zeugenaussagen auf folgenden Pfeilern:

1.    Zwischen Juden und Nichtjuden gab es vor 1933 keine gravierenden Spannungen.

2.    Viele Juden hatten vor 1933 einflussreiche gesellschaftliche Stellungen.

3.    Hitler kam nicht aufgrund seiner Rassendoktrin an die Macht,

        sondern als „Retter in der Not“.

4.    Die Reichskristallnacht wurde vom Großteil des deutschen Volkes mit Abscheu betrachtet.

5.    Die Deportation der Juden wurde kaum wahrgenommen.

6.    Die teuflische Atmosphäre im politischen System und der Befehlsnotstand machten            

        Widerstand gegen das Regime so gut wie zwecklos.

Die einzelnen Argumente mögen etwas für sich haben, doch am Ende steht der schlimmste Völkermord der Geschichte.

Es gibt auch böse Juden

p_loew.jpgIn seinem Versuch, „die“ Deutschen zu entdämonisieren, geht Löw (l.) sehr weit, zu weit. Er weist darauf hin, dass die in Deutschland assimilierten Juden Vorurteile gegen die sogenannten Ostjuden hatten. Es ist klar, was Löw beabsichtigt. Er möchte zeigen, dass nicht alle Deutschen böse Täter und alle Juden gute Menschen sind. Diese Relativierung von Schwarz-Weiß-Bildern ist in vielen wissenschaftlichen Studien notwendig und wichtig, aber nicht in diesem emotionalen Kontext. So gefährdet Löw durch solche gedankliche Ausflüge sein Gesamtprojekt.

Gegen die Kollektivschuldhypothese

Mit Daniel Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker rechnet Löw gnadenlos ab – nicht ganz zu Unrecht. Er wehrt sich gegen die Kollektivschuldhypothese sowie gegen Goldhagens Annahme eines bereits vor 1933 vorhandenen „exterminatorischen Antisemitismus“. Während Goldhagen den Antisemitismus als den kausal vorrangigen Grund dafür ansieht, dass viele Deutsche zu willigen Mordgehilfen des Holocaust wurden, sieht Löw zumindest drei zusätzliche Faktoren: (1) die Brutalisierung durch massenhaftes Töten im Ersten Weltkrieg und seit 1939, (2) die umfassende antisemitische Propaganda der Machthaber sowie (3) die Angst vor gesellschaftlicher Isolierung im Falle fehlender Kollaboration.

Auch Rafael Seligmann verweist auf die Tatsache, dass es während der Hitler-Zeit bis zum Krieg kaum individuelle Morde an Juden gab. Während Goldhagen die „Willigkeit“ der Vollstrecker hervorhebt, verweist Löw auf den Befehlsnotstand, ohne die mangelnde Zivilcourage wirklich zu entschuldigen. Löw weist darauf hin, dass viele der Solidaritätstaten gegenüber den Juden aus naheliegenden Gründen nicht dokumentiert werden konnten. Aber er vergisst, immer wieder die historisch einmalige Schwere des Holocausts im Bewusstsein des Lesers zu verankern. Diese Tatsache entwertet die in vielen Teilen sachgerechte Arbeit Löws erheblich.

Viele wussten nichts vom Genozid

Unter Verweis auf namhafte Zeitzeugen und eine Spiegel-Umfrage versucht Löw zu zeigen, dass die Mehrzahl der Deutschen nicht über den Holocaust Bescheid wussten. Selbst jüdische Opfer, die überlebt haben, wie Dorothee Fließ, bestätigen, dass sie nichts von den Todeslagern ahnten, geschweige denn wussten. Denn wären die Juden so willig auf die LKWs gestiegen, wenn sie die Gewissheit über ihr Ende vor Augen gehabt hätten? Dies sind Fragen, die nicht pauschal zu beantworten und die im jeweiligen Einzelfall zu betrachten sind.

Wer hätte der Hölle widerstanden?

Löw fordert die Abkehr von einem moralisierenden „Empörismus“ nach dem Motto: warum habt ihr nicht Widerstand geleistet? Er zeigt die Unmöglichkeit auf, sich gegen die Nazi-Schergen zu wenden. Er beschreibt, dass Menschen, die nur eine kleine Geste des Widerspruchs zu zeigen wagten, schnell verschwanden und so gar keinen Einfluss mehr nehmen konnten. Sind wir in der Lage, aus der Lage gegenwärtiger Freiheit und Sicherheit wirklich die Notlage vieler Menschen nachzufühlen? Können wir eine ganze Generation mit einer Kollektivschuld beladen? Bereits die vorstehend von Juden geschilderten Geschichten über deutsche Helfer indizieren das Gegenteil. Aber es bleibt nicht nur die von Löw angebotene Alternative zwischen totaler Verdammung und starker Entlastung des Volkes übrig. Hier vereinfacht Löw zu stark.



Vorsichtige Rezeption empfohlen

Löws Buch lässt den Leser unvermeidlich fragen: Wenn es so viele gute Deutsche gab, wie konnte es dann zu einem solchen Desaster kommen? Wie konnten sechs Millionen Menschen umkommen? Hier liegt die große Schwäche des Buches. Beim Versuch, das Volk „reinzuwaschen“, fehlt die Proportionalität, so dass die Deutschen, die wirklich Zivilcourage bewiesen, letztlich nur noch eine Alibifunktion einnehmen können. Die Stärke des Buches liegt in der Entschärfung des Kollektivschuldarguments, welches von Publizisten wie Daniel Goldhagen verkaufsfördernd promoviert wird. Insgesamt ist es lohnend, sich mit der gebotenen Distanz auf Löws Argumentation einzulassen. Das Buch ist eher als Beitrag zur Stadtgeschichte des jüdischen Volkes in München im Dritten Reich lesenswert. Als moralische Entlastung eines ganzen Volkes in seiner dunkelsten Stunde taugt es jedoch nur sehr bedingt.

Konrad Löw,

„Das Volk ist ein Trost, Deutsche und Juden 1933 – 1945 im Urteil der jüdischen Zeitzeugen“,

(2006), Olzog Verlag, München

381 S., 34,00 Euro, ISBN: 3789281565


Die Bildrechte liegen beim Olzog Verlag. Der Verlag im Internet


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