Total modern

22. Sep 2006 | von Samuel Müller | Kategorie: Politisches Buch

tuerkei_sam.JPGVor mir liegt ein so genanntes Coffee table book. Der Bildband mit Grußworten und Infotainment enthält eine eindeutige Botschaft: Die Türkei ist modern, sympathisch und passt gut in die EU – groß und in Farbe. Von Samuel Müller

Die TV-Journalistin und Leiterin der deutschen TÜSIAD-Vertretung (Verband türkischer Industrieller und Unternehmer), Mehpare Bozyigit, und Michel Friedman, vor allem als Fernsehmoderator bekannt, haben ein Buch herausgegeben. Die andere Türkei. Wie die Moderne den Bosporus erobert präsentiert die Türkei sowie ihre Beziehungen zu Deutschland in schillernden Farben von ihrer schönsten Seite.

Die politische Vision, die hinter den kurzen Aufsätzen steht, wird durch die Geleitworte des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder unterstrichen. Schröder formuliert hier: “Deutschland und die Türkei verbindet eine enge Beziehung”, und weiter: “Die Bundesregierung unterstützt nachdrücklich den Weg der Türkei in die Europäische Union.” Erdogan sieht die EU als “Organisation gemeinsamer Grundwerte”. Für ihn steht fest: “Ich bin (…) ein Europäer.”

Das wohlgemerkt 2006 erschienene Buch will unseren Blick auf die positiven Seiten der oft mit Skepsis betrachteten Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei lenken sowie ein neues, ungewohntes Bild des emporstrebenden Landes vermitteln.

Eine breit gefächerte Autorenschaft

Es darf jedoch weder mit einem wissenschaftlichen, noch mit einem besonders kritischen Anspruch gerechnet werden. Obwohl beispielsweise die Rolle der türkischen Frau in Deutschland und der Türkei oder die Armut der türkischen Provinzen nicht unerwähnt bleiben, sind die Autoren stets darum bemüht, ihre drei- bis vierseitigen Beiträge mit einem optimistischen Fazit abzuschließen.

Die Auswahl der Autorenschaft spricht jedoch für sich. Die über 30 Autorinnen und Autoren stammen aus allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen und Fachgebieten – Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Es schreiben Deutsche, Türken, Deutsch-Türken und Türkisch-Deutsche, wenn man Christoph Daum, Fußballtrainer in der Türkei, als einen solchen bezeichnen will. Darunter sind Prominente und weniger Bekannte. In einige Beiträge soll beispielhaft Einblick gewährt werden.

Der erfolgreiche Deutsch-Türkische Reiseunternehmer und EU-Abgeordnete der SPD Vural Öger lobt die militärischen und reformerischen Leistungen Mustafa Kemals, Gründer der Türkei. Ohne die dunklen Seiten der türkischen Geschichte ganz auszusparen, beginnt für Öger heute jedoch ein neues Kapitel der türkischen Geschichte. Er sieht den wirtschaftlichen Aufschwung und die nahende EU-Mitgliedschaft.

Otto Schily beschwört den interkulturellen Dialog, der mehr sei, als nur die Gewöhnung an fremde Verhaltensweisen. Er wünscht sich einen wechselseitigen Austausch von Literatur, Werken der Filmkunst, der bildenden Kunst und von Zeitschriftenartikeln.

Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach spricht die Kopftuchfrage an und warnt vor einer Dämonisierung des Islams. Jenes “überschätzte Stück Stoff” stehe nicht allein für Fundamentalismus und Unterdrückung, sondern für unterschiedliche Einstellungen; es übernehme in verschiedenen Kontexten verschiedene Funktionen. Die Kopftuch tragende Frau könne durchaus, so Steinbach, “zu einer Bereicherung unserer Gesellschaft werden”.

Zudem werden Erfolgsgeschichten türkischer Industrieller und Kulturschaffender sowie Lebenswege türkischer Zuwanderer in Deutschland beschrieben oder auf kulturell Fremdes, wie die Beschneidung des heranwachsenden Türken, eingegangen. Und Christoph Daum, wie sollte es anders sein, schreibt begeistert vom türkischen Fußball.

Eindrucksvolle Bilder und Infotainment

Der eindrucksvoll bebilderte Band regt zum Stöbern an und weckt das Interesse an der türkischen Kultur. Diese kann keinesfalls, so wird auch hier deutlich, als archaisch oder rückständig bezeichnet werden, wie es viele konservative Politiker noch immer gern tun. Die Türkei sowie die in Deutschland lebenden Türken, so vermitteln die Autoren, sind eine Bereicherung der nationalen sowie europäischen Landschaft. So leistet der Band vielleicht einen kleinen Beitrag zum besseren Verständnis zwischen den Nationen.

Reizthemen werden dabei aber, wenn überhaupt, nur einseitig behandelt. Tiefergehende kritische Auseinandersetzungen mit den vielseitigen und schwierigen Konflikten hinsichtlich nationaler und europäischer Integration gehören nicht zu den Anliegen der Herausgeber.

Auch wenn die Beiträge ein wenig über die Länderinformationen von Reiseführern hinausgehen, will das Buch die Leser wohl doch eher unterhalten als hintergründig informieren. Unter der Aufgabe höher greifender Ansprüche kann daher ein positives Fazit gezogen werden: Eindrucksvolle Fotografien von Menschen, Landschaft, und Städten und kurze Texte machen auf ansprechende Weise Werbung für die deutsch-türkischen Beziehungen.

Michel Friedman, Mehpare Bozyigit (Hrsg.): “Die andere Türkei. Wie die Moderne den Bosporus erobert”

Aufbau-Verlag, Berlin, 2006, 208 Seiten

ISBN 3-351-02591-2, gebunden 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Aufbau-Verlag.


Optionen: »Total modern« bewertenArtikel drucken | Per Email versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen