Theater – fit für die Zukunft

30. Jan 2006 | von Nona Schulte-Römer | Kategorie: Politisches Theater

Symposium.jpgDer Wandel ist eingeleitet, freie Theaterschaffende und Politiker sind sich völlig einig: Theaterarbeit in Deutschland verdient angemessene Rahmenbedingungen. Ein gemeinsamer Dialog soll nun die gegenwärtige Schieflage im System korrigieren. Den Anstoß gab ein Symposium auf Initiative des Fonds Darstellende Künste vom 23.-25. Januar 2006 in Berlin. Von Nona Schulte-Römer

Unter dem Symposiumstitel Förderstrukturen des Freien Theaters in Deutschland hatte der Fonds Darstellende Künste 150 Theaterschaffende aus allen Bundesländern zur “Klausurtagung” ins Haus der Kulturen der Welt eingeladen. Bereits am ersten Abend, nach sechsstündiger Gruppenbesprechung, verständigten sich die Kollegen überraschend einstimmig über Leer- und Schwachstellen im deutschen Fördersystem. Erstaunlich war dieser Konsens insofern, da sich die Profession der Anwesenden in der Sache teilweise stark unterscheidet. Sie arbeiten als Darsteller, als Choreografen, führen Regie, produzieren, leiten Spielstätten oder alles gleichzeitig. Ihre Arbeit lässt sich ästhetisch wie produktionstechnisch selten vergleichen, sprengt Genregrenzen und spielt sich nicht notwendigerweise auf einer Bühne ab, sondern auch einmal im Freien oder in Kaufhäusern.

Deutschlandweites Korsett trotz Kulturhoheit der Länderfreies

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Theater – site specific

Was sie jedoch eint, sind Arbeitsstrukturen, Unterfinanzierung und Rahmenbedingungen, die länderabhängig mehr und weniger unzulänglich sind. “Oft genug werden wir durch Verwaltungsvorschriften eingeengt, die offenkundig nicht für uns “geschneidert” sind und dementsprechend beim Gehen ganz schön zwicken”, so Ensembleleiter Zeha Schröder pointiert vor dem Auditorium aus Politik und Gesellschaft zum Auftakt des zweiten Tages.

Natürlich kommen nicht alle darstellenden Künstler in Sachen Förderung in den Genuss des Berliner Sonderstatus. Förderwege in Sachsen sind im Saarland vielleicht gar nicht begehbar und laufen in Nordrhein-Westfalen unter anderem Namen. Der Förderdschungel wird noch unwegsamer durch umständliche Antragsprozeduren, durch haushaltsjährlichen Geldregen an Spielzeiten vorbei und teils undurchsichtige Vergabekriterien.

Die Theaterschaffenden fordern daher Fachjurys, eine vereinfachte Antragsbürokratie sowie einen umfassenden Reformprozess, der angemessene Rahmenbedingungen für freie Theaterarbeit schafft. Dabei wollen die Künstler die Vielfalt der deutschen Fördertöpfe sowie des Stiftungswesens jedoch unangetastet wissen, um kulturpolitischer Gleichschaltung entgegenzuwirken.

Die freie Szene lebt den Arbeitsmarkt der Zukunft bereits heute

Die freie Tanz- und Theaterszene beeindruckt auch aus der wirtschaftlichen Perspektive. Schließlich arbeiten freie Theater höchsteffizient, mit schlanker, ja fast magersüchtiger Verwaltung, um alles verfügbare Geld in die Produktion und Präsentation ihres kulturellen Outputs investieren zu können. Freie Künstler entsprechen schon längst dem aktuell in den Sozialwissenschaften diskutierten Typus des “Arbeitskraftunternehmers“, der auch vor Selbstvermarktung und Selbstausbeutung nicht zurückscheut. Am Wissenschaftszentrum Berlin stellt man die Frage, ob die flexiblen Beschäftigungsverhältnisse von Künstlern den Arbeitsmarkt der Zukunft bereits vorweg nehmen.

Das Unternehmen Theater häuft im Unterschied zum Unternehmen am freien Markt kein Finanzkapital an, sondern arbeitet ohne Chance auf Kostendeckung an flüchtigen Produkten, die sich als kulturelles und Humankapital einem Wertmaß entziehen: Bildung und Integration für die Zuschauer, Reputation, Vernetzung und fachliche Qualifikation für den Künstler. Schon lange vor der Initiative haben international agierende Künstler Europa eine Seele gegeben. Dennoch können viele freie Theaterschaffenden von ihrer Arbeit nicht leben.

Trotz der Künstlersozialkasse (KSK), die selbständigen Künstlern seit 1983 das Privileg gesetzlicher Versicherungsleistungen gewährt, drängt die gegenwärtige Gesetzeslage freie Theaterschaffende an den Rand der Legalität und sozialen Sicherung. Beschäftigen Choreografen oder Regisseure mehrere Darsteller, sprengen sie den Rahmen der KSK. Meist sind freien Künstler in einer Grauzone zwischen befristeter abhängiger Beschäftigung und Selbständigkeit tätig und oftmals nicht versichert.

Theater revisited – Kultur als Grundrecht und Wirtschaftsfaktor

Die Politik ist es den Künstlern schuldig, ihre Gesetzgebung an die realen Verhältnisse der Kunstproduktion anzupassen. Die freie Szene schafft nicht nur Arbeitsplätze, sondern deckt auch Kultur- und Bildungsaufträge ab, die öffentlich getragene Theater längst nicht mehr leisten können. Die Unterhaltungsindustrie profitiert von hoch qualifizierten Nachwuchskünstlern und künstlerischen Ideen, die ohne das Experimentierfeld der freien Szene nie der Vermarktung zur Verfügung stünden.

Und tatsächlich rannten die Künstler mit ihren Forderungen beim Symposium bei Kommunal- wie Bundespolitikern offene Türen ein. So betonte Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seinem Grußwort “Ich kann alle kulturpolitisch Verantwortlichen nur eindringlich bitten, nicht den Weg des scheinbar geringsten Widerstands zu gehen und [�] denjenigen ihre Existenzbedingungen zu entziehen, die mit ungeheurer Kraft, ästhetischer Experimentierfreude vor allem aber enormer gesellschaftlicher Relevanz unter oft denkbar schwierigen Umständen unseren kulturellen Nährboden fruchtbar halten.”

Die Vizepräsidentin der Kultusministerkonferenz, Prof. Johanna Wanka, bot sich gerne an, freies Theater erstmals zum Thema der Konferenz zu machen. Es folgten Einladungen in den Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages durch den Vorsitzenden Hans-Joachim Otto und in den Kulturausschuss des Deutschen Städtetages durch den Vorsitzenden Ulf Großmann. Otto entsprach einem weiteren Wunsch der Künstler, indem er sich für die gesetzliche Verankerung eines Grundrechts auf Kultur aussprach.

Mit beiden Beinen fest auf dem Boden nach Sternen greifen

Die Tagung hat deutlich gemacht, dass ein Dialog auf allen politischen Ebenen mit Vertretern der freien Szene überfällig ist. Klar ist, wo nichts zum Umverteilen ist, muss Qualität und Effizienz an erster Stelle stehen. Unrealistische Geldforderungen sind angesichts kommunaler Schuldenberge ebenso kontraproduktiv wie Futterneid gegenüber Staats- und Stadttheatern, zumal auch hier Budgets gekürzt und Mitarbeiter zunehmend “frei” werden.

Doch bis die Ländersache “Kultur” bundesweit und ohne Kompetenzgerangel auf ihre Zukunftstauglichkeit geprüft wird, müssen die Vertreter der freien Szene wohl ihren langen Atem behalten und politische Lobbyarbeit nachhaltig in ihr Berufsprofil integrieren. Das Symposium in Berlin könnte der viel versprechende Startschuss für einen gemeinsamen Versuch sein, der außergewöhnlichen deutschen Theaterlandschaft ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen und ihr Wirkungspotential zu erhalten.


Weiterführende Literatur:

Voß, G. Günter (2001): “Der Arbeitskraftunternehmer. Ein neuer Typus von Arbeitskraftund seine sozialen Folgen

Haak, Carroll; Schmid, Günther (2001): “Arbeitsmärkte für Künstler und Publizisten. Modelle einer zukünftigen Arbeitswelt?

Haak, Carroll (2005): “Künstler zwischen selbständiger und abhängiger Erwerbsarbeit”

 


Weiterführende Links:

mahagonny – Theater Kunst Kulturarbeit Berlin e.V.

 


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Die Bildrechte liegen bei Christian Bertram bzw. Freuynde + Gaesdte.


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