Schulden und Geburtenstreik

cover_ausbeutung_der_enkel.jpgMit 1,49 Billionen Euro und einem Zuwachs von 2.113 Euro pro Sekunde rast die Staatsverschuldung voran und belastet unsere Kinder. Durch den Geburtenknick werden die aber immer weniger. Kurt Biedenkopf spricht in seinem neuen Buch von einer „Ausbeutung der Enkel“. Auf der Leipziger Buchmesse hat er es vorgestellt. Von Petra Sorge

Dass die Gesellschaft immer älter, die Kassen immer leerer und die Beitragszahler immer weniger werden, ist nicht erst seit gestern bekannt: „Schon vor 20 Jahren hatte ich diese Gedanken, die ich jetzt veröffentlicht habe“, sagte Kurt Biedenkopf (CDU) während seines Vortrags auf der Buchmesse. „Die Menschen müssen um diese Probleme wissen, um an der Gestaltung der neuen Realität teilnehmen zu können.“ Biedenkopf, erster Ministerpräsident Sachsens bis 2002, will in seinem Buch Die Ausbeutung der EnkelPlädoyer für die Rückkehr zur Vernunft den Blick auf dieses Generationenproblem lenken. Er analysiert die zunehmende Isolierung und Individualisierung der Gesellschaft und klagt die verantwortungslose Schuldenpolitik des Staates an, der es in 20 Jahren, in denen sich der Bevölkerungsrückgang schon abzeichnet, nicht gegenzusteuern vermochte.

Versagen der Politiker

Der Sozialdemokrat Franz Müntefering, Minister für Arbeit und Soziales, hätte die Wahrheit im Gegensatz zu seinem christdemokratischen Vorgänger zumindest anerkannt, so Biedenkopf weiter. „Müntefering hat gesagt, ihr müsst selbst vorsorgen, die Rente wird für euch nicht reichen“. Zwanzig Jahre lang hat Norbert Blüm das Gegenteil behauptet. Damals haben die Leute es vielleicht geahnt, aber nicht verinnerlicht. Jetzt ist es für viele Menschen zu spät vorzusorgen“, so Biedenkopf. Damals hätte man nur Gründe gesucht, um dem Thema auszuweichen. Laut dem CDU-Politiker sind „Reformfragen immer auch Machtfragen“: Egal, welcher der vielen an der Politik beteiligten Machtblöcke hierbei die Wahrheit sagt, stoße auf Widerstand.

Weniger Kinder mangels Geld und Bindungsfähigkeit

Biedenkopf2.jpgDa dem Problem langfristig nur mit einer höheren Geburtenrate begegnet werden kann, befürwortet Biedenkopf eine stärkere Unterstützung junger Familien. Er schlägt eine andere Einkommensverteilung über die Lebensarbeitszeit vor. „In der Berufswelt gibt es die Gewohnheit steigender Gehälter bei steigendem Alter. Eltern haben also, wenn die Kinder raus sind, wieder mehr Geld. Man müsste aber jungen Familien dieses Geld geben, das sie erst in der Zukunft verdienen, denn Kinder sind eine hohe finanzielle Belastung“, so der CDU-Politiker.
Er warnt jedoch davor, die derzeitige Krise und den Geburtenknick nur mit ökonomischen Gründen zu rechtfertigen. Zwar wollen 26 Prozent der jungen Männer im zeugungsfähigen Alter keine Kinder haben. Das größte Problem bei der Familiengründung sei jedoch die Partnersuche, da die Entscheidung für ein Kind „die wichtigste Verpflichtung im Leben eines jeden Menschen“ bedeute. Der Drang nach Unabhängigkeit und den Freiheiten des Single-Daseins stehe dem Kinderwunsch somit entgegen.

Kritik an Reformen

Als Verteidiger des Subsidiaritätsprinzips kritisierte Biedenkopf in seinem Vortrag die neue Richtlinie des Familienministeriums zum Elterngeld. Unterstützt wird danach langfristig nur diejenige Familie, in der auch der Mann einmal zu Hause bleibt. „Jede Familie kann doch selbst entscheiden, wie sie ihre Kindererziehung organisiert. Daher halte ich diese Regelung für einen unzulässigen Eingriff, eine Bevormundung der Familie“, so Biedenkopf.
Insgesamt hält er die Reformen der „Agenda 2010“ für unzureichend: „Nichts von dem ist eine wirkliche Neuorientierung. Das ist ein Basteln an einem System, das jetzt schon nicht mehr funktioniert.“ In Zukunft werde die Minderheit der Jungen für die Mehrheit der Alten aufkommen müssen, und das würden die Jungen nicht lange dulden.

Freiheit als Patentrezept

Biedenkopf3.jpgNach der ausführlichen Gesellschaftsanalyse, die aufgrund der Zeitverzögerung von 30 auf 60 Minuten auch in Längen möglich war, fiel die Konsequenz daraus verhältnismäßig kurz aus. Neben den von Parteien und Verbänden oft zitierten Vorschlägen von besserer Familienförderung, einem „Umdenken in der Wertedebatte“ und einem nicht abreißenden Appell an die biologischen und gesellschaftlichen Pflichten der Bürger bietet Kurt Biedenkopf ein Patentrezept an: mehr Freiheit. Er schließt sich Kanzlerin Angela Merkel mit dem Zitat „Lasst uns mehr Freiheit wagen“ an, das er als Leitmotiv zu Beginn seines Buches gestellt hat. „Die Würde des Menschen wird verletzt, wenn er nicht genug Freiheit hat“, sagte Biedenkopf unter lautstarkem Beifall und „Freiheit ohne Verantwortung gibt es nicht“. Er holte noch ein besonders anschauliches Beispiel aus der Trickkiste: Die Fabel von dem Herren, der immer von seinen Dienern in der Sänfte getragen wurde, bis er nicht mehr laufen konnte. Als die Diener das bemerkten, wurden sie selbst zu Herren über ihren Gebieter. Ebenso würde der derzeitige Wohlfahrtsstaat das Leben seiner Bürger in allen Einzelheiten vorschreiben, bis diese zum eigenen Leben unfähig seien. Sicher eine korrekte Feststellung. Doch was mit der Freiheit anstellen, wenn es keine Kinder mehr gibt, um die gewonnene Freiheit zu genießen?

Biedenkopf, Kurt: „Ausbeutung der Enkel – Plädoyer für die Rückkehr zur Vernunft“
Propyläen, Berlin, (2006), 224 Seiten
ISBN: 3-549-07292-9, 16,95 Euro


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Die Bildrechte liegen beim Propyläen-Verlag (Cover) und bei dem Autor (Veranstaltungsbilder).

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