Polnische Geschichten

Cover_Soboczynski.JPGPolski Tango nennt Adam Soboczynski das Büchlein mit dem Untertitel Eine Reise durch Deutschland und Polen. Es trägt vermutlich stark autobiografische Züge. Von Wolfgang Mehlhausen

Adam Soboczynski kam als Kind aus der realsozialistischen Volksrepublik Polen in den Westen, wo seine Eltern wohl nie richtig ankamen. Er studierte Germanistik und Philosophie, unter anderem auch in England und den USA. Später schrieb er für den Tagesspiegel und Monopol, heute ist er bei der ZEIT. 2005 erhielt der erfolgreiche Journalist den Axel-Springer-Preis.  

Ein Paar tanzt

Der Prolog seines neuen Buches Polski Tango beginnt nicht sonderlich spannend: Ein älteres Paar tanzt in einer Kneipe in der Krakauer Altstadt. Nach Belanglosigkeiten nähert sich der junge Mann, der als Kind nach Westdeutschland übersiedelte und nach 20 Jahren in seine Heimat Polen zurückkehrt, regiert von den „Kaczynski-Brüdern“, die Polens Geschicke lenken.

Es folgen dann 15 kleine Kapitel, die allesamt sehr flüssig, manchmal sogar zu flüssig geschrieben sind, denn erst Seiten später bemerkt man, dass der junge Mann von einem „bösen Taxifahrer“ ausgeraubt wurde. Soboczynski vermischt gekonnt scheinbar Unwichtiges mit wichtigen Botschaften. Wer Polen nicht kennt und sich für dieses Land und Leute nur wenig interessiert, dem dürfte gleichgültig sein, wie man dort Kaffee zu bereiten pflegt. Liebhaber hingegen kommen auf ihre Kosten, werden sie doch ständig an liebenswerte wie weniger geschätzte Eigenschaften unserer Nachbarn erinnert, ohne dabei verletzend zu sein.

Politische Belletristik

Vielleicht gibt es dieses Genre in der Literatur, zutreffend dürfte der Begriff in jedem Fall auf dieses Büchlein sein, denn der junge Mann trifft nicht nur auf eine Jugendfreundin, sondern auch einen russischen Emigranten, der ohne Papiere in Polen lebt, ständig auf der Flucht ist und zweifelsfrei den Asylantenstatus verdient hat, wie kaum ein anderer, wenn seine Story denn wahr ist. Deutlich wird es auch, was die Frage der Homosexualität in der Gesellschaft angeht. Die Einstellung des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski ist aus seiner Zeit als Oberbürgermeister von Warschau hinlänglich bekannt.

Deutsch-polnische Vergleiche

Dass es Spießer in Polen wie bei uns und zweifellos in der ganzen Welt gibt, auch wenn man sie dort nicht so nennt, darf man voraussetzen. Beschrieben werden sogenannte Stammtischmeinungen aus Polen, die den Äußerungen in deutschen Bierkneipen nicht unähnlich sind. Dass in Polen nur Kinder und Jugendliche Fahrrad fahren und Mülltrennung ein Fremdwort ist, erfährt man nebenbei.

Portrait_Soboczynski.JPGImmer wieder klingt an, dass die Eltern unseres jungen Reisenden sich auch nie ganz in Deutschland integriert haben und später ihren Alterssitz wieder in den Masuren nehmen wollen. Im Epilog erfahren wir, wie der Tanz des älteren Paars in Krakau ausgeht: Sie fliegen hin und stürzen dabei einen Tisch um.

Eigentlich ist Polski Tango auch falsch, denn Tango ist ein Neutrum, so müsste es richtig „Polskie Tango“ heißen. Doch das zu wissen, ist nicht wichtig, so wie viele Geschichten nicht sonderlich wichtig, sondern nur lesenswert sind. Sie sind handwerklich perfekt geschrieben und enthalten nicht selten eine tiefgründige Botschaft. Deutsche Leser erhalten dazu eine Sichtweise von Polen über ihr Land.

Amüsante Lektüre

Dieses Büchlein kann jenen empfohlen werden, die Polen, Land, Leute und Traditionen, kennen und mögen. „Polophile Leser“ werden Spaß an der Lektüre haben und zum Nachdenken angeregt. Wer nie in Polen war, kaum oder keinen Kontakt zu unseren Nachbarn hat, wird jedoch nicht verstehen, was der Autor sagen möchte.

 

Soboczynski, Adam: „Polski Tango – Eine Reise durch Deutschland und Polen“

Gustav-Kiepenheuer-Verlag, Berlin, (2006), 207 S.

ISBN 3-378-00675-7, 17,90 Euro



Die Bildrechte liegen bei der Aufbau Verlagsgruppe.  


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