Neues von Onkel Herbert

18. Jul 2006 | von Wolfgang Mehlhausen | Kategorie: Politisches Buch

cover_wehner.jpgZum 100. Geburtstag von Herbert Wehner erschien eine neue Biographie. Sie erinnert an einen Mann, der es wert ist, nicht vergessen zu werden, gerade in der heutigen Zeit. Wehner gehörte zu den umstrittensten und bedeutendsten Politikern der Bundesrepublik Deutschland. Von Wolfgang Mehlhausen

Der 1966 geborene Historiker Christoph Meyer erlebte “Onkel Herbert” nicht mehr selbst als Politiker und großen Sozialdemokraten. Er beschreibt sein Leben anhand von Recherchen und mit Hilfe von Greta Wehner, seiner letzten Ehefrau. Meyer ist sei 1998 Leiter des Herbert-Wehner-Bildungswerks in Dresden, der Geburtsstadt des Politikers. Sein Buch ist ein wissenschaftliches Werk, aber es fehlt nicht an Sympathie für den kantigen Mann mit Pfeife, der oft “aneckte” und dessen Leben so widerspruchsvoll war, wie das vergangene Jahrhundert.

Herbert Wehners Weg zur Sozialdemokratie

Eindrucksvoll wird vom Autor nicht nur das Leben von Wehner, sondern die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg beschrieben. Wehner wollte kompromisslose Gerechtigkeit und wurde zum Kommunisten, weil er glaubte, dass diese Bewegung radikal für die Interessen der Arbeitenden eintritt. Schnell machte er Karriere und arbeitete eng mit Ernst Thälmann, Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht zusammen. Seine Wege führten ihn zweifach nach Moskau, wo er schließlich im berüchtigten Hotel Lux landete und bald den Stalinschen Terror erleben sollte. Auch er wurde Objekt dieses Terrors und wurde in der Lubjanka, der KGB-Zentrale, vernommen.

Bis in die 1990er Jahre versuchten Wehners politischen Gegner zu beweisen, dass er selbst bei Säuberungen und Verfolgung von Genossen beitrug, doch schlüssige Beweise, dass er Menschen schadete, gibt es nicht. Als er die UdSSR 1941 verließ, war sein Glaube an die kommunistische Idee noch nicht gebrochen, aber stark erschüttert. In Schweden sollte er eine funktionierende Demokratie kennenlernen, während seiner Haftzeit dort gewann er Abstand zum Kommunismus Stalinscher Prägung. Nach dem Kriege wurde er Journalist und trat der SPD bei, in der er ebenfalls schnell Karriere machte. Seine Intelligenz, Durchsetzungsvermögen, Überzeugungskraft und menschliche Gradlinigkeit befähigten ihn, es bis zum Minister, stellvertretenden Parteivorsitzenden und langjährigen Fraktionsvorsitzenden der SPD im Bundestag zu bringen.

Ein bescheidener Mensch

In der neuen Biographie wird nicht vordergründig herausgestellt, wie bescheiden und einfach, anfangs spartanisch, Wehner lebte und welche Ansprüche er ans Leben hatte. Kaum zu glauben ist, dass er noch in den 1950er Jahren mit Zelt in den Urlaub fuhr und es erst später zu bescheidenem Besitz brachte: Reihenhaus in Bonn und Sommerhaus in Schweden. Es behagte ihm nicht, dass Willy Brandt als Bundeskanzler eine Villa mit Bediensteten bezog. Nicht erwähnt wurde, dass “Onkel Herbert” in tragischen Fällen, bei denen er nicht helfen konnte, den Antwortschreiben oft auch einen 50-DM-Schein beifügte, aus seinem “Privatvermögen” wohl bemerkt. Die Frage drängt sich auf, ob es heute noch solche Politiker gibt?

Schmähungen und Beleidigungen

Bemerkenswert ist, dass Herbert Wehner schon vor der berühmten Adenauer-Reise von 1955 sich für in der UdSSR zurückgehaltene Kriegsgefangene einsetzte. Der Autor verweist hier auf die Autobiographie Streit und Friede hat seine Zeit von Eugen Gerstenmaier (CDU), in der er fälschlich behauptet, ganz allein in den USA in dieser Angelegenheit gewesen zu sein. Der CDU-Politiker unterschlägt schlicht Wehners Anteil an den Bemühungen. Hier weist der Autor auf die Fragwürdigkeit von Autobiographien für die Wissenschaft hin.

Großen Raum in dem Buch nehmen die Schmähungen und Beleidigungen der politischen Gegner ein. Wehner und Brandt konnten beide keine typische “deutsche Biographie” vorweisen, was immer wieder Gegenstand von Verleumdungen war. Dass Wehner einst Kommunist war, verzieh ihm die “feine Gesellschaft” nie. Mit Nazi-Vergangenheit konnte man hingegen alles werden, sogar Bundeskanzler oder Ministerpräsident. Viele Grobheiten, die Wehner austeilte, waren ihm nicht nützlich, doch meist waren sie heftige Gefühlsausbrüche, die durch eigene Verletzungen provoziert wurden.

Notwendige Richtigstellungen

Bis zum heutigen Tag gibt es böse Unterstellungen, gegen die der Autor mit überzeugenden Argumenten vorgeht. So sollen Wehners Bemerkungen während einer Moskaureise, dass “der Bundesrepublik der Kopf fehle”… und der “Kanzler (Brandt) gern lau bade”, so nie gefallen sein. Wehner hat auch nie Willy Brandt zum Rücktritt nach der Guillaume-Affäre gedrängt. Dies hat Brand schon damals schriftlich dokumentiert, dennoch wird dies bis heute immer wieder behauptet.

Auch die spätere Heirat mit seiner Stieftochter Greta erfolgte nicht, um Versorgungsansprüche für sie zu retten. Der Begriff “Zuchtmeister” wird auch nur einmal von Meyer erwähnt, um die Schwierigkeiten zu illustrieren, die er bei der Führung in der Bundestagsfraktion hatte. Im Buch fehlt zum Beispiel, dass er Bundeskanzler Schmidt einmal vorwarf, dass er Solidarität “nicht im Offizierskasino, sondern in der Arbeiterbewegung” gelernt hat. Herbert Wehner fühlte sich als Vertreter der Arbeiterbewegung, er hielt nichts von der “neuen Mitte” und setzte sich mit aller Kraft für die “kleinen Leute” ein. Vieles bewirkte er in aller Stille.

Dem Autor ist es ausgezeichnet gelungen, das Leben von Herbert Wehner zu beschreiben, das von Brüchen und Kontinuität gezeichnet ist, so wie es das vergangene Jahrhundert war. Leider konnte er den Niedergang des Realsozialismus und die sich anbahnende Wiedervereinigung nicht mehr mit vollem Bewusstsein erleben. Wehner hätte der SPD gewiss geraten, anders mit ehemaligen SED-Mitgliedern nach 1990 umzugehen. CDU und FDP griffen sofort zu und übernahmen Vermögen, Immobilien und notgedrungen auch Mitglieder der “Blockflöten-Parteien” im Osten.

Wehner hatte einen entscheidenden Anteil daran, die SPD in die Regierungsverantwortung zu bringen. Er beeinflusste über Jahrzehnte die sozialdemokratische Politik. Ein Mann wie Herbert Wehner fehlt den deutschen Sozialdemokraten heute. Die Parteiführung täte gut daran zu überlegen, wie “Onkel Herbert” einige Entscheidungen in der Sozialpolitik sehen würde.
Niemand wird bestreiten wollen, dass die Zeiten damals schwerer waren als heute.

Christoph Meyer
“Herbert Wehner- Biographie”
Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, (2006),
16,00 Euro,280 S., ISBN 10: 3-423-24551-4


Die Bildrechte liegen beim dtv Verlag. Der Verlag im Internet.


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