Mythos Kennedy

Cover_Dallek.JPGRobert Dallek hat eine Neuland erschließende Biographie zu John F. Kennedy vorgelegt. Seine Arbeit verzichtet auf abenteuerliche Hypothesen zu dessen Tod und betont die Umwege JFKs auf dem Weg zum amerikanischen Präsidenten. Dazu wird der lange versteckt gehaltene medizinische Lebenslauf Kennedys detailliert dargestellt. Von Christoph Rohde

Robert Dalleks John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben gehört zu den Biographien, die sich zum Verkaufsschlager entwickelt haben und demzufolge auch oft rezensiert wurden. Der Autor einer Vielzahl von Büchern über amerikanische Persönlichkeiten, darunter auch Franklin D. Roosevelt, ist Professor für Geschichte an der Universität in Boston. Dalleks Biographie verzichtet in wohltuender Weise auf übliche Konstruktions- oder Dekonstruktionstechniken. Dennoch scheiden sich in Bezug auf die Bewertung des Werkes sich die Geister. Wo Stefan Kornelius von der Süddeutschen Zeitung Dalleks Arbeit feiert, da gibt es auch eine Menge kritischer Stimmen.

Eine extravagante Jugend

Dallek beginnt klassisch. Zunächst stellt er die Sozialisationsbedingungen heraus, unter denen der junge Kennedy aufwuchs. Dabei geht der Autor noch weiter in die Familiengeschichte hinein. Der mühsame Weg für irische Einwanderer, sich im New England des 19. Jahrhunderts zu emanzipieren, ist von besonderer Bedeutung für den Ehrgeiz der Familie Kennedy und für den Aufstieg von John F.’s (Jacks) Vater Joe Kennedy. Jacks Vater wurde einer der reichsten Unternehmer an der US-Ostküste.

Aber der umtriebige Vater hatte eine große Schwäche, die Jack gänzlich übernehmen sollte – eine geradezu exzessiv ausgeprägte Schürzenjägermentalität. Dalleks psychobiographischen Ableitungen sind dann allerdings etwas zu konventionell – wenig bewiesene Common Sense-Intuitionen, für die einiges spricht, mehr jedoch nicht. Und elaboriert argumentiert Dallek auch nicht, wenn er Kennedys Sexsucht mit der Krankengeschichte und der Furcht vor dem frühen Tod und einem daraus resultierenden Erlebniszwang entschuldigt.



Jacks horrible Krankengeschichte

Als erheblich besser fundiert erweist sich in der Tat die Krankengeschichte und ihre Bedeutung für Jacks Lebensweg. Denn die Befunde und Daten über Krankenhausaufenthalte, Fehldiagnosen und Rehabilitationsmaßnahmen erweisen sich als detailliert und nachprüfbar. Dazu wird lebendig geschildert, auf welch kreative Weise es Vater Joe und Bruder Robert vermochten, die gesundheitlichen Schwierigkeiten des politischen Menschen John F. zu verharmlosen, wenn nicht sogar vollständig unter die Decke zu kehren. JFK hatte sein Leben lang mit schweren Darm- und Rückenproblemen zu kämpfen, die ständiger medizinischer Beobachtung bedurften.



Der Retter seiner Kameraden

Der Mythos Kennedy wird durch den Aufstieg der irischen Einwanderer zu einer der reichsten Familien New Englands mitbedingt. Aber Jack machte auch Erfahrungen, die in den USA fast unerlässlich für eine politische Karriere sind. Dallek zeigt den steinigen Weg ins Militär. Ohne die Kontakte seines Vaters wäre Jack sang- und klanglos ausgemustert worden. Seine gesundheitlichen Probleme ließen eine aktive militärische Laufbahn als aussichtslos erscheinen.

Plastisch schildert der Biograph den Weg John F. Kennedys im Militär, wo er ebenfalls mit Hilfe externer Einflussnahme zum Kommandanten eines Torpedobootes im Pazifik wurde. Das Boot des unerfahrenen Jack wurde von einem japanischen Zerstörer regelrecht zerschnitten, aber dem physisch stark beeinträchtigten Kommandanten gelang es auf heroische Art und Weise, einige seiner Kameraden auf eine nahe gelegene Insel zu retten.

Dallek prüft diese Geschichte in durchaus kritischer Weise und kommt zu einem sorgfältigen Urteil. Hier handelt es sich nicht um eine „publizistisch konstruierte“ Heldensage, sondern um ein tatsächliches Ereignis. Dabei bleibt jedoch die Frage ungeklärt, ob Jack den Untergang seines Bootes nicht habe verhindern können.

Politische Karriere auf Umwegen

Die politischen Ereignisse seiner Jugend gingen an Jack relativ spurlos vorbei. Weit mehr als für Politik interessierte er sich bekanntlich für das andere Geschlecht, aber auch für gesellschaftliche Attitüden. Der Verfasser zeigt nachdrücklich, wie Jacks Vater eigentlich seinen „erstgeborenen“ Sohn Joe Jr. für eine politische Karriere trainierte. Dessen Charaktereigenschaften waren weit besser geeignet als diejenige Jacks. Als Joe Jr. jedoch bei einem waghalsigen Flugmanöver in England im Jahre 1944 ums Leben kam, entstand ein Vakuum in den Ambitionen der Kennedys, das im Folgenden Jack füllen sollte.

Dabei wird Jacks beeindruckende Wende von einem relativ haltlosen Mitglied einer neureichen Gesellschaftskaste zu einem ernsthaften jungen Mann, der sich für die Belange des einfachen Volkes interessiert, sehr gut thematisiert. Jack stand um 7 Uhr morgens vor den Werktoren, um seine politische Agenda zu vertreten.

Doch Dallek lässt keinen Zweifel: Mit Jack wurde ein Mann aufgrund seiner Berühmtheit und Prominenz gewählt. Die Macht des Mythos verhalf ihm bei den Präsidentschaftswahlen zum letztlich sehr knappen Sieg über seinen Widersacher Richard Nixon.

Dallek führt Jacks Popularität auf den impliziten Wunsch der Amerikaner nach einem König zurück. Aber dieser Mythos musste beschützt und bewahrt werden. Wie Dallek zeigt, hielten Jacks Bruder Robert und FBI-Direktor J. Edgar Hoover dem Präsidenten den Rücken frei, wenn es um dessen Affären ging. Gefährlich war nicht zuerst seine Affäre mit Marilyn Monroe, sondern mit Ellen Rometsch, einer attraktiven, in der Ostzone aufgewachsenen Frau, die als potenziale Spionin betrachtet wurde.

Politische Leistungen

Dallek zeigt, dass Jack von einem ins Amt gedrängten zu einem Politiker mit eigenem Profil wurde. Schließlich hatte er schon früh ein Buch über den Kalten Krieg geschrieben und eigene politische Urteilsfähigkeit erworben. Dass er als Katholik in einem protestantischen Land Präsident wurde, liegt an seiner proaktiven Wahlkampfstrategie.

Indem er Lyndon B. Johnson zum Vize-Präsidenten machte, gewann er eine Klientel, die ihm sonst verschlossen geblieben wäre. Vor allem aber zeigte er mehr Ausstrahlung als sein Kontrahent Nixon, was er auch in den erstmals eingeführten TV-Duellen mit Nixon nachwies.

Dazu machte er einen entschiedeenren Eindruck in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Immer wieder griff er auf die Strategie der Übertreibung von Bedrohungen hin, um dieser mit einfachen Rüstungsmaßnahmen öffentlichkeitswirksam entgegen treten zu können. Das bekannteste Beispiel dafür ist sein Hinweis auf eine faktisch nie vorhandene Raketenlücke gegenüber der Sowjetunion. Die während seiner Amtszeit erzielten Fortschritte bei der Rassengesetzgebung sind auf Johnsons Einfluss zurückzuführen, so Dallek. Die Schweinebucht-Affäre schwächte den jungen Präsidenten und ließ in Nikita Chruschtschow den Glauben an ein leichtes Spiel im Umgang mit Kennedy erwachsen. Die aggressive Haltung Chruschtschows beim ersten Gipfeltreffen in Wien und bei der Bewaffnung Kubas weckten Kennedys Stärken, der sich als formidabler Krisenmanager erwies.

Eine unvollendete Präsidentschaft

Portrait_JFK.JPGMit der Ermordung John F. Kennedys, so sein Berater Theodore C. Sorensen, starb ein Stück Zukunft. Zwar brachte er Fortschritte im Bereich des Atomwaffenteststopps und der Rassengesetzgebung auf den Weg; er konnte die Schritte jedoch nicht zur Vollendung bringen. Mit Martin Luther King hatte er einen Partner, dessen „I have a Dream“-Rede dem Visionär Kennedy gefiel. Aber aus taktischen Gründen, so kritisiert Dallek, verzichtete Jack auf eine konsequente Durchsetzung einer Gleichstellungsgesetzgebung, basierend auf moralischen Aspekten. Hier wäre mehr möglich gewesen.

Mit Kuba und Vietnam hinterließ Kennedy seinem Nachfolger politischen Morast. Wo sich der Präsident in Kuba als entschiedener Staatsmann erwiesen hatte, da blieb er in peripheren Konflikten im Dominotheorie-Denken gefangen. In den US-sowjetischen Beziehungen und beim Teststoppabkommen war er erfolgreich.

Über seine Sexskandale und seinen Umgang mit Mafia-Boss Sam Giancana hüllte die nach einem Helden hungernde Öffentlichkeit einen schützenden Mantel des Schweigens. Der Biographie tut es gut, dass sie Jacks Affäre mit Marilyn ebenso knappen Raum einräumt wie den weiter unbewiesenen Spekulationen über die Hintergründe seiner Ermordung. Das, was an politischen Tragödien unter Johnson und Nixon folgte, erhärtet die Annahme, dass unter Kennedy alles besser geworden wäre. Auch das trägt zu seinem bis in die Gegenwart lebendig gebliebenen Mythos bei.

Politisches und Biographisches gut verbunden

Dalleks Werk ist für den politisch interessierten Laien ebenso gut lesbar wie für Experten im Feld. Denn seinem Anspruch gemäß liefert der Autor systematischere Erkenntnisse über Kennedys Gesundheitsgeschichte. Leider erweist sich das Inhaltsverzeichnis als zu unspezifisch für Forschende. Beeindruckend sind jedoch die Bezüge zu außenpolitischen Ereignissen, die der Verfasser sachkundig herstellt. Im Nachwort wird dieser Bezug erfreulich systematisch zusammengefasst. John F. Kennedys Scheitern in der Schweinebucht-Affäre und der entschlossene Sieg in der Kuba-Krise sind keine Indizien für Widersprüchlichkeit, sondern von Kontinuität und Lernbereitschaft in dessen Charakter, zeigt Dallek seinen Lesern. Insgesamt ist die Biographie spannend zu lesen, ohne an intellektueller Qualität Kompromisse zu machen.

Dallek, Robert: „John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben“

DVA, München, (2006), 800 S.

ISBN 3-421-04233-0, 20,- Euro


Die Bildrechte liegen beim DVA Verlag (Cover), der UCLA (Portrait Dallek) und bei www.fiftiesweb.com (Porträt John F. Kennedy).


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