Liberales Universum?

Cover_Schmitt.jpgFühren normative Überzeugungen auch zu entsprechendem normgebundenen Handeln? Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen? Annette Schmitt gibt kontroverse Antworten. Von Christoph Rohde


Liberale Theorien der Gesellschaftsbegründung gehen davon aus, dass eine politische Ordnung legitim sein muss, um von ihren Bürgern anerkannt zu werden. Basiert dieser Legitimitätsglaube aber auf einer anspruchsvollen normativen Grundlage, die nur einer „liberalen“ Elite zugänglich ist oder ist Legitimität auch von der breiten Masse einforderbar?

Vor allem aber: Können normative Begründungsleistungen zu stabilen Handlungsstrukturen bei Individuen führen, so dass als Ergebnis eine stabile Gesellschaftsordnung entsteht? Diese Fragen stellt Annette Schmitt in ihrem Werk Bedingungen gerechten Handelns.

John Rawls“ politische Ethik

Schmitt greift auf einen bedeutenden Teil des vertragstheoretischen Denkens von John Rawls, dem 2002 verstorbenen Philosophen zurück. Sein maßgebliches Werk A Theory of Justice von 1971 bildet den analytischen Ausgangspunkt. Sie erweitert die von Rawls als normative und Rechtfertigungstheorie gedachte Arbeit um die Frage der empirischen Anwendbarkeit ihrer Prämissen. Schmitt untersucht Rawls“ Handlungs- und Motivationstheorie.

Zur Konstituierung einer gerechten und stabilen Gesellschaftsordnung dürfen, so lautet Rawls“ von Thomas Nagel geteilte Grundannahme, die Handlungsmotivationen der Bürger nicht rein extrinsischer Natur sein. Das heißt, ein Staat darf seine Stabilität nicht nur durch Anreizstrukturen von Zuckerbrot und Peitsche erreichen. Ein Großteil der Bürger eines Gemeinwesens muss über intrinsische Motivationen zur Einhaltung der Normen einer Gesellschaft verfügen. Schmitt versucht unter Rückgriff auf bekannte moralpsychologische Annahmen zu belegen, dass liberale Gesellschaften mit entsprechenden Erziehungsstrategien einen Großteil ihrer Mitglieder zu gerechtigkeits- und urteilsfähigen Subjekten erziehen können.

Moralische Ressourcen im Menschen

Das liberale Projekt proklamiert oftmals den Anspruch, den Anforderungen einer wertneutralen Wissenschaft zu folgen. Schmitt verschweigt nicht, dass auch die liberale Theorie auf einem fundamentalen Wertmaßstab basiert – der Annahme, dass Menschen zu einem selbstbestimmten Leben unter bestimmten Rahmenbedingungen befähigt sind.

Für diese Annahme spricht die Diversität menschlicher Lebensumstände und die Fähigkeit, seine Umwelt kreativ zu gestalten. Auf der anderen Seite braucht der Mensch die Einbettung in eine soziale Gruppe – nicht nur aus Gründen der Arbeitsteilung, sondern auch hinsichtlich einer normativen Selbstentwicklung. Die Balance zwischen dem individuellen Entfaltungsraum und der sozialen Einbettung muss stets neu definiert werden.

Der Liberalismus Rawlscher Provenienz glaubt, so Schmitt, die moralischen Ressourcen im Individuum zugunsten einer stabilen Gesellschaftsordnung konstruktiv ausnutzen zu können: „Wenn hinreichend viele Bürger gerechte Regeln intrinsisch motiviert befolgen, ist eine notwendige Bedingung für die Stabilität des normativ gerechtfertigten Systems gegeben, d. h. das System besitzt dann sowohl Legitimität als auch Legitimation.“

Erziehungsmethoden als Allheilmittel

Liberale Theoretiker sehen in der pluralistischen Erziehung der Bürger das Allheilmittel auf dem Weg zur Herstellung und Bewahrung einer stabilen und legitimierten Gesellschaftsordnung. Dazu kommt die Meinungsfreiheit, die eine medial vermittelte pluralistische Aufklärung garantieren soll. Der aufgeklärte Bürger bleibt die zentrale Einheit, die in ihrer Interaktion mit anderen aufgeklärten Bürgern eine „gerechte“ Gesellschaft bildet.

Schmitt erkennt jedoch, dass das Wissen um „richtige“ Prinzipien nicht automatisch ein Handeln im Sinne dieser Prinzipien nach sich zieht. Zu sehr ist das Individuum auch von anderen Motivationen durchdrungen. Der Erwartungsnutzen gerechten Handelns wird prinzipiell mit dessen Kosten in Verbindung gesetzt. Doch muss das Resultat dieser Kalkulation immer in den sozialen Beziehungskontext des Individuums einbezogen werden, um zu tragbaren, handlungsleitenden Ergebnissen zu führen.

Grenzen der Gerechtigkeit

Die Kenntnis gerechter Handlungsprinzipien muss, so Schmitt, in konkrete Handlungsprinzipien konvertiert werden. Hier jedoch befindet sich ein entscheidender Bruch in der Lebenswirklichkeit dieses Liberalismus. Die Toleranz im Umgang mit Intoleranten soll gelten, so Schmitt, solange die Verfassung nicht gefährdet ist. Rawls und Schmitt helfen uns jedoch nicht, Kriterien zu definieren, ab welchem Punkt diese Gefährdung gegeben ist. Im Kampf gegen Terroristen wird diese Frage bedeutungsvoll.

Hoher Anspruch ans Individuum

Die Frage lautet, inwieweit die hier vorgelegten Ideen universalen Charakter beanspruchen können. Rawls Ansatz ist explizit auf okzidentale Gesellschaftsordnungen bezogen. Was ist mit autoritären, anti-liberalen islamischen Gesellschaften? Der ganze liberale Ansatz trägt normativen Charakter – er begründet Prinzipien einer gerechten Gesellschaft. Dass die Ungleichverteilung von Gütern und Inkompatibilität von Werten in der „Welt draußen“ die Anwendungsbedingungen an vielen Plätzen auf null reduzieren, soll das Begründungsprogramm nicht entwerten.

Das Problem des Terrorismus hat gezeigt, dass die normative Politiktheorie keine befriedigenden Antworten auf externe Bedrohungen liefern kann. Die Reaktionen der liberal-demokratischen Systeme auf die Terroranschläge waren unmäßig und nicht aus immanenten Prinzipien heraus begründet – entweder zu stark oder zu unentschlossen. Das Problem, dass ein nicht wehrhafter Liberalismus sich selbst abschaffen kann, ist nicht entschärfbar. Schmitt hat zu wenig auf die reduzierten Anwendungsbedingungen der Theorie hingewiesen.

Bewertung

Dennoch ist die Arbeit eine Abhandlung auf höchstem Niveau. Die Autorin hat eine unglaublich umfassende und anspruchsvolle Dissertation vorgelegt, die zukünftig als Standardwerk bei der Diskussion liberaler Handlungstheorie ihren Platz einnehmen wird. Doch die Interdisziplinarität, von Schmitt vorbildlich praktiziert, hat den Preis einer abnehmenden Konsistenz in der Argumentation. Für Fortgeschrittene im Bereich der Sozialphilosophie ist das Buch spannend zu lesen, für Studenten im Grundstudium ist es insgesamt eine Nummer zu groß.

Annette Schmitt: „Bedingungen gerechten Handelns, Motivations- und handlungstheoretische Grundlagen liberaler Theorien“

VS Verlag für Sozialwissenschaft, Wiesbaden, 2005

ISBN: 3-531-14883-4, 218 S., 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim VS Verlag (Cover) und der Universität Mainz (Portait).

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