Leipzig in der zweiten Liga?

medien2.jpgSchnittchen, Cordsakkos und bunte Plastikkarten sind unverzichtbare Bestandteile von vielen Medienveranstaltungen. Bei größeren Veranstaltungen kommen noch bunte Promo-Stände, kalt-warme Buffets und ehrgeizige Nachwuchsjournalisten auf der Suche nach Praktika dazu. All dies bot der „Medientreffpunkt Mitteldeutschland“ zu Genüge. Aber ob das jährliche Treffen von regionalen und nationalen Machern Leipzig wirklich zur „Medienstadt“ macht, bleibt nach wie vor fraglich. Von Nadine Lindner

Größenwahn allein ist nicht genug. So oder ähnlich ließe sich Leipzigs Stellung als deutscher Medienstandort beschreiben. Leipzig schreibt, Leipzig produziert, keine Frage. Aber ob das reicht, um mit Köln, Berlin oder Hamburg in einer Liga zu spielen?
Eine Studie der Medienwissenschaft an der Uni Leipzig geht ins Detail und liefert Zahlen. Die Studie von Prof. Dr. Günther Bentele geht dabei allerdings von einem erweiterten Medienbegriff aus. Medien sind nicht nur Rundfunk, Film und Zeitung. Auch Werbung, Datenverarbeitung, Telekommunikation, Messen und Kultureinrichtungen werden als „Medien“ gezählt. Damit gelten auch Mitarbeiter von Call Centern und Vermieter  von Medienimmobilien als Angehörige der „Medienbranche“.

2006: 30.200, 1.700

Das sind die wichtigsten Zahlen für 2006, denn rund 1.700 Firmen in der Medienbranche beschäftigen 30.200 feste und freie Mitarbeiter, so die Leipziger Medienwissenschaftler. Bedeutender Arbeitgeber ist der Mitteldeutsche Rundfunk, nach Angaben des Unternehmens sind etwa 2.000 feste und freie Mitarbeiter am Standort Leipzig beschäftigt. Die Leipziger Volkszeitung, größte Zeitung am Standort, machte dagegen keine Angaben zu Mitarbeiterzahlen.
Momentan lässt sich die Stimmung am Standort als „verhalten optimistisch“ beschreiben. Auf der einen Seite ist die Zahl der Beschäftigten erneut gesunken (2000 waren es noch über 40.000). Auf der anderen Seite steht eine beachtenswerte Zahl von Firmen Neugründungen. Da etwa vierzig Prozent aller Leipziger Medienunternehmen im kommenden Jahr mit einer guten Geschäftsentwicklung rechnen, freut man sich hier auf neue Arbeitsplätze. Diese sollen vor allem in den Bereichen Datenverarbeitung und Informationstechnik entstehen. Eine gute Nachricht ist auch, dass nur eine Minderheit der Firmen (4,4 Prozent) ihre Beschäftigtenzahl weiter senken will und jeder fünfte Betrieb ausbildet.

Platz Fünf

Je nach Berechnungsgrundlage werden in Leipzig zwischen 10 und 13 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung in der Medienbranche verdient. Damit steht Leipzig auf Platz fünf der deutschen Medienstandorte. In München, Hamburg, Köln und Berlin verdienen mehr Menschen mehr Geld mit Medien. Für Manfred Schmidt von der Mitteldeutschen Medienförderung kommt es allerdings auf die Größe nicht an: „Leipzig spielt seine Rolle in der Konkurrenz der Medienstandort. Es ist vollkommen illusorisch, dass Leipzig als Medienstandort München oder Berlin platt macht, das ist vollkommener Quatsch. Es ist die Frage, wie die Standorte ihr Profil finden können und da ist Leipzig auf einem guten Weg. Es kann bestehen und das hat es bewiesen.“ Laut Manfred Schmidt kann Leipzig dabei vor allem in den Bereichen TV-Produktionen und Dokumentarfilmen punkten. Die Mitteldeutsche Medienförderung verteilt in diesem Jahr rund zwölf Millionen Euro Fördergelder für regionale und lokale TV- und Filmprojekte.
Dr. Dieter Frank ist Geschäftsführer der Bavaria Film und sieht allein schon diesen Platz in der zweiten Reihe als bemerkenswert an: „Leipzig hat sich von fast nichts innerhalb von zehn, fünfzehn Jahren zu einem mittelgroßen Medienstandort entwickelt und wird heute von einer lebendigen Struktur aus einer großen Rundfunkanstalt und vielen spezialisierten kleinen Firmen getragen.“

Medienstandort – Standortrhetorik

Selten genug, dass in Dresden über Leipzig gejubelt wird, dennoch, Staatsminister Hermann Winkler ist voller Lob: „Im Vergleich zur wirtschaftlichen Gesamtentwicklung wird deutlich, wie wichtig die Medienbranche für Leipzig ist. Es war richtig, dass die Staatsregierung schon früh auf den Medienstandort Leipzig gesetzt hat. Mit dem Mitteldeutschen Rundfunk, der Mitteldeutschen Medienförderung und dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland sind Einrichtungen geschaffen worden, deren Ausstrahlung weit über Leipzig hinaus reicht. In Zukunft muss es uns gelingen, die gute wirtschaftliche Entwicklung noch stärker in Arbeitsplätze umzusetzen Der Medienstandort Leipzig ist auf einem guten Weg.“
Hermann Winkler setzt dabei vor allem auf Filmproduktionen.
Hansjörg Stiehler, Medienwissenschaftler an der Universität Leipzig, bleibt angesichts des Jubels skeptisch: „Der Begriff Medienstadt kommt aus der Zeit des Standortmarketings. Es ist somit eine Art Leitbild für die Stadt, das sowohl nach innen als auch nach außen wirken soll. Früher sind solche Bezeichnungen gewachsen, wenn es eine Börse gab, war es halt eine Börsenstadt. Das ist heute nicht mehr so, denn hinter solchen Bezeichnungen verbirgt sich oft nicht mehr als eine Zielgröße für Standortpolitik.“

Wer sich von vorhandener oder nicht vorhandener Substanz der „Medienstadt Leipzig“ überzeugen will, kann dies gerne am nächsten „Medientreffpunkt Mitteldeutschland“ tun. Schnittchen, Plastikkarten und Cordjackets gibt es dort reichlich – aber ob das eine Stadt zur Medienstadt macht?


Die Bildrechte liegen bei medientreffpunkt.de.

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