Hebron und die Kinder Abrahams

Inga_7.JPGErstaunliches spielt sich in Hebron ab, der Grabesstätte von Ur-Vater Abraham. An diesem religiösen Ort treffen gläubige Muslime auf gläubige Juden, jedoch füreinander unsichtbar. Sichtbar ist lediglich die weiträumige militärische Abriegelung der Siedlergemeinde mitten in Hebron, auf palästinensischem Territorium. Von Inga Haese

Die Tage werden kürzer in Jerusalem. Wenn die Sonne um halb fünf Uhr hinter die Berge sinkt, bricht die Nacht innerhalb von Minuten ein; Tagesausflüge wollen unter diesen Prämissen gut geplant sein. Ich will in die Westbank fahren – mein Ziel ist Hebron. Ein Vorhaben, dass von meinen israelischen Freunden ein wenig neidisch kommentiert wird, denn sie dürfen die besetzten Gebiete „zu ihrer eigenen Sicherheit“ nicht so bereisen, wie es mir vergönnt ist.  

Lediglich der panzerverglaste israelische Bus mit der Nummer 160, der die jüdische Siedlung Qiryat Arba mit Jerusalem verbindet, darf von ihnen zur Einreise nach Hebron genutzt werden, und dort wiederum gibt es als einzigen Ausstieg im israelisch-kontrollierten Teil der Stadt die 500-Seelen-zählende jüdische Gemeinde.  

Inga_1.JPGMit 200.000 palästinensischen Einwohnern ist Hebron nicht nur die größte Stadt der Westbank, sondern gleichzeitig ihr industrielles Zentrum. Seit 1997 ist eine Teilung in palästinensisches (80%) und israelisches Hoheitsgebiet (20%) in Kraft, die zur militärischen Abriegelung der beiden Teile führte. Mehr oder weniger zum Schutz der israelischen Siedler, obwohl manchen klar ist, dass es die Palästinenser sind, die vor den extremistischen Siedlern geschützt werden müssen. Die Straßen, die der Bus Nr. 160 passiert, sind weiträumig abgesperrt und gesichert, sie führen durch eine Geisterstadt.  

Das Grab Abrahams verbindet und trennt zugleich  

Ich fahre also mit dem arabischen Sherut, einem 18-Personen-Taxi, vom Damaskus Tor aus Ost-Jerusalem ab, und das bedeutet für mich, die abgeriegelten Straßen von der palästinensischen Seite aus besuchen zu dürfen. Hier herrscht buntes Treiben, die Innenstadt erscheint wie ein großer arabischer Straßenmarkt.

Inga_3.JPGHebron, das ist die Stadt, in der die Wurzeln unserer Kultur im wahrsten Sinne des Wortes beerdigt liegen: Adam und Eva, Abraham und Sarah, Isaak und Rebecca. Hebron ist eine der ältesten Städte der Welt. Ihre Gründungszeit wird auf etwa 3500 Jahre vor Christus geschätzt. Die Grabstätte Abrahams ist der Kreuzungspunkt für eine Moschee ostwärts und eine Synagoge westwärts ein und desselben Gesteins, jedoch stellt das eingefasste Grabmahl keine Verbindung unter den Gläubigen her.  

Die einander gegenüber stehenden Betenden, die aus einer Entfernung von drei Metern den gleichen Ur-Vater anbeten, sehen und hören sich nicht. Sie sind füreinander unsichtbar – sie sind blind für die Religiosität des Bruders, während sie Gottes Wort predigen. Auch das ist eine der makaber-ironischen Seiten des Nahost-Konfliktes, der an den heiligen Stätten wie Jerusalem oder Hebron zutage tritt – den Kristallisationspunkten und Ursprüngen von Frömmigkeit und Hass zugleich.

Religion und Militarismus

Inga_4.JPGDie Brisanz der Lage spiegelt sich in der Abriegelung von Moschee- und Synagogeneingang wider. Um von der Moschee zum jüdischen Gotteshaus zu gelangen, riskieren mein Begleiter und ich nicht nur die skeptischen Blicke unserer palästinensischen Bekannten, sondern vor allem der Soldaten und Soldatinnen, die an diversen Straßenecken für die Sicherheit des israelischen Transitverkehrs sorgen. Zwar wären die Eingänge unter Halbmond und Davidstern theoretisch innerhalb von wenigen Sekunden zu erreichen, praktisch jedoch muss erst die israelisch-kontrollierte Straße erreicht werden, damit wir auf diesem Weg die weiteren drei Passkontrollen und zwei Sicherheitschecks passieren können.  

Noch vor „Where are you from?“ ist „Are you christian?“ hier die meistgestellte Frage, deren Bejahung uns dann die Eintrittskarte in beide Gotteshäuser beschert. Mein Begleiter, ein amerikanischer Jude, tat wahrscheinlich gut daran, sich in diesem Moment ebenfalls als Christ auszugeben – zumindest die Moschee wäre ihm sonst verschlossen geblieben, und vielleicht auch die Freundlichkeit unserer arabischen Gastgeber.  



Geschichte der Gewalt
 

Die Sicherheitsvorkehrungen gründen sich in den grausamen Höhepunkten, die Hebron in seiner jüngsten Geschichte erleben musste. Im Jahre 1929 wurde die jüdische Gemeinde in Hebron, die bis dahin älteste in Palästina, auf brutale Art und Weise überfallen. Palästinensische Araber verübten ein Massaker, bei dem 67 Menschen ums Leben kamen, etliche gefoltert und vergewaltigt wurden. Auch wenn viele Juden Zuflucht bei arabischen Nachbarn finden konnten, bedeutete dieser Pogrom das Aus der jüdischen Gemeinde in Hebron.

Inga_5.JPGNach der jordanischen Besatzungszeit, die 1967 zur israelischen Besetzung der Westbank führte, begannen extremistische und ultra-religiös Siedler mit der Revitalisierung der jüdischen Gemeinde in Hebron, die bis heute existiert. Der religiöse Fanatismus äußerte sich 1994 in einem weiteren Massaker; 29 betende Muslime wurden getötet und mehr als 200 verletzt, als ein bewaffneter, extremistischer Siedler aus Kiryat Arba die Moschee betrat und das Feuer eröffnete. Die Tat wird von extremistischen Religiösen bis heute an ihrem Jahrestag als Heldentat gefeiert.  

Paradoxa

An Orten wie diesen ist der Nahost-Konflikt in seiner Absurdität, aber auch in seiner tief schürfenden Geschichtlichkeit zu erkennen und gerade deshalb in seiner schieren Unlösbarkeit. Die Sicherheitsspirale setzt eine Gewaltspirale in Gang, deren Dynamik auch durch den israelischen Grenzzaun nur kurzfristig angehalten werden kann. Das Spiel geht in die nächste Runde, oder, in den Worten einer israelischen Soldatin: „We just have to play that game.“ Aber dieses Spiel ist das um Leben und Tod, und es setzt sich Tag für Tag fort. 

Am 4. Oktober 2001 schießen Palästinenser auf jüdische Bewohner, am Tag darauf erschießen Soldaten aus Helikoptern die mutmaßlichen Mörder, und die Geschichte geht blutrünstig weiter. Am 1. Dezember 2006 wirft ein Jugendlicher einen Molotow-Cocktail auf israelische Soldaten, die die Synagoge in Hebron bewachen und wird erschossen.  

Inga_6.JPGAber vor allem demokratietheoretische Diskurse werden in Nah-Ost ad absurdum geführt: Die Berufung auf die Religion ist es, die die staatliche Existenz Israels legitimiert und damit den Grundpfeiler einer Demokratie in Israel sichert. Eine ethnische Demokratie jedoch ist und bleibt ein Paradox, das nur schwer mit demokratischen Grundsätzen zu vereinbaren ist. Eine friedliche Lösung des Konfliktes kann, wie seit Jahren von israelischen Friedensaktivisten konstatiert, wahrscheinlich nur mit der Abkehr von religiösen Grundsätzen des Staates einhergehen. Davon aber, und das zeigen die Konflikte in Hebron, sind wir so weit entfernt wie die Glaubensgruppen an Abrahams Grab: Einen Steinwurf zwar, aber der bedeutet eine ganze Welt.    



Inga Haese besuchte im November und Dezember Israel. Die meiste Zeit hat sie in Jerusalem gelebt und von dort aus einige Ausflüge unternommen, wie z.B. in die Westbank nach Hebron.

 



Die Bildrechte liegen bei der Autorin.



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