Gutes Leben nur mit Arbeit

27. Jan 2006 | von | Kategorie: Arbeitsmarkt

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Philosophin Gürtler fordert ein Recht auf Arbeit.

Jedem steht ein Recht auf Arbeit zu, denn nur wer arbeiten kann, hat die Chance auf ein gutes Leben. Das sagt Sabine Gürtler und begründet ihre Forderung mit philosophischen Argumenten. Sie betont die ethische Dimension von Arbeit. Von Maria Lang

Sabine Gürtler ist Philosophin und deshalb nähert sie sich dem Thema Arbeit in grundsätzlicher Weise. Sie ist verwundert darüber, dass Bundespräsident Horst Köhler in einem Interview zur Jahreswende ebenso grundsätzlich geworden ist. Mit seinem Vorschlag, ein Grundeinkommen für Arbeitslose einzuführen, habe er für einen Politiker ungewöhnliche Töne angeschlagen. "Wie erreichen wir es, dass jeder Einzelne erlebt: Ich werde gebraucht?", hatte Köhler gefragt und damit Sabine Gürtlers Reflexionen auf den Punkt gebracht. Der Bundespräsident hat mit seinen Worten darauf aufmerksam gemacht, dass Arbeitslosigkeit nicht allein ein ökonomisches und nicht nur ein politisches Problem ist. Arbeitslosigkeit, das betont auch Sabine Gürtler, ist nicht zuletzt ein moralisches Problem.

Arbeit bestimmt die Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft, so Gürtlers Grundannahme. Wenn jemand keine Arbeit bekommt, dann fühle er sich nutzlos. Arbeit vermittle das Gefühl des Gebrauchtwerden. "Dieses Unrecht trifft vor allem weniger Gebildete. Und die können das kaum ausgleichen, weil sich andere soziale Geflechte wie Familie und Nachbarschaft immer mehr auflösen." Auch ehrenamtliches Engagement sei kaum ein Ersatz für normale Arbeit, denn Ehrenämter würden überwiegend von bürgerlichen Schichten angestrebt.

Daraus folgt für Gürtler: ein Recht auf Arbeit für jedermann. "Dieses Recht steht bereits in der Sozialcharta, aber voll verwirklicht ist es nicht", sagt sie. Selbst wenn Arbeitslose durch Sozialleistungen wie das Arbeitslosengeld II finanziell abgesichert seien, geschehe ihnen Unrecht, argumentiert Gürtler. Die Politik müsse tatsächlich Arbeit schaffen. Für diese doch recht weit gehende Forderung hat sie drei Argumente parat. Damit will sie zeigen, dass Arbeit dem Menschen ermöglicht, drei wichtige moralische Motive zu verwirklichen.

Selbsterhalt und Selbstverwirklichung

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“Jeder hat eine ethische Verpflichtung zur Arbeit.”

Das erste ist das Bedürfnis nach Selbsterhaltung aus eigener Kraft. Der Mensch möchte sich unabhängig von anderen absichern. Schon der Naturrechtsphilosoph John Locke hat dieses Bedürfnis erkannt. Bei Locke können sich Menschen Dinge aus der Umwelt erst durch Arbeit aneignen. So entsteht rechtmäßiges Privateigentum, das dem Menschen die Möglichkeit gibt, sich zum Beispiel zu ernähren oder zu verteidigen. Arbeit ermöglicht demnach Selbsterhalt.

Beim zweiten Argument greift Sabine Gürtler auf Karl Marx zurück. Mit Marx argumentiert sie, "Arbeit ermöglicht Selbstverwirklichung und soziale Kooperation". Nach Marx ist der Mensch das Resultat seiner Arbeit. Sie sei materielle Grundlage für alle Kulturleistungen und bringe den Menschen als Wesen erst hervor. "Bei Marx ist Arbeit dem Menschen ein tiefes Bedürfnis. Erst durch sie realisiert er sein Verhältnis zu anderen Menschen", sagt Gürtler. 

Ethische Verpflichtung zum Geben und Nehmen

Auf ihr drittes Argument legt die Philosophin Gürtler den größten Wert, wonach Arbeit auch ethische Selbstverwirklichung und Anerkennung liefert. "Den Menschen ist es gemäß gebraucht zu werden und für das Gemeinwesen nützlich zu sein." Keiner würde gern dauerhaft auf Kosten anderer leben. Ebenso wenig wolle jemand ständig nur für andere Opfer bringen. Deshalb müssten Menschen in einen "einigermaßen gerechten Zusammenhang von Geben und Nehmen eingebettet sein". Der Staat, so schlussfolgert Gürtler, müsse jeden Einzelnen dabei unterstützen, dieser ethischen Verpflichtung von Geben und Nehmen nachkommen zu können. Kurz: Jeder muss vom Staat einen Job bekommen.

Mit ihrem Ansatz will Gürtler nicht zur "Vergötzung der Arbeit" beitragen. Natürlich sei Arbeit auch mühsam und nicht immer eine Freude. Dennoch habe jeder ein Recht darauf, "an der Erarbeitung des gesellschaftlichen Reichtums teilnehmen zu können", sagt sie mit Nachdruck. Ihre Überlegungen sind außerdem ein Plädoyer für mehr Teilzeitarbeit. So könnten mehr Leute vom kleiner werdenden Kuchen Arbeit ein Stück abbekommen.

Dass die meisten Menschen tatsächlich so etwas wie eine ethische Verpflichtung zur Arbeit verspüren, will Sabine Gürtler selbst beobachtet haben: "Viele machen Jobs, bei denen sie das Gefühl haben, nützlich zu sein, und nehmen dafür lange Arbeitszeiten oder schlechte Bezahlung in Kauf."


Weiterführende Links:

Gürtler, Sabine: Die ethische Dimension der Arbeit und die Bedeutung von Teilnahmegerechtigkeit

 

 

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Die Serie: Neue Arbeit braucht das Land

 


Die Bildrechte liegen bei Maria Lang.


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