Gibt es eine Chance auf Frieden?

07. Aug 2006 | von Peter Eitel | Kategorie: Internationale Politik

abbasinterview1.JPGDie Lage im Nahen Osten erscheint derzeit unlösbar. /e-politik.de/ sprach mit dem palästinensischen Generaldelegierten Hael Al-Fahoum über den Konflikt in Palästina, im Libanon, Israel und die Rolle der internationalen Gemeinschaft im Nahost-Konflikt. Ein Interview von Peter Eitel

Täglich zeigen die Nachrichten schreckliche Bilder vom Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah. Vergessen wird dabei die zu Grunde liegende Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina. Nur eine Lösung dieser Frage kann für nachhaltigen Frieden im Nahen Osten sorgen. Wer könnte besser über die derzeitige Lage aus palästinensischer Sicht berichten, als der palästinensische Generaldelegierte?

/e-politik.de/: Herr Al-Fahoum, die derzeitigen Medienberichte über die Auseinandersetzung zwischen Israel und Hisbollah im Libanon rücken die Palästinenserfrage in den Hintergrund. Wie ist die derzeitige Lage in den palästinensischen Autonomiegebieten?

Hael Al-Fahoum: Sie ist nicht besser als die Lage im Libanon. Die Autonomiegebiete sind durch 650 israelische Checkpoints zerschnitten, die Bevölkerung ist ihrer Mobilität beraubt. Wir leben in einem kollektiven Gefängnis. Die Israelis kontrollieren die gesamten Lebensbereiche, sogar die Luft, die wir atmen. Und wer keine Luft zum Atmen hat, der kann nicht logisch denken.

/e-politik.de/: Man hat nicht den Eindruck, als wollten die Palästinenser Frieden.

Al-Fahoum: Leider lesen sie nicht die Zeitungen, die ich lese. Palästinensische Zeitungen haben in einer Umfrage festgestellt, dass 78 Pronzent der Bevölkerung die Rückkehr an den Verhandlungstisch befürworten.

/e-politik.de/: Warum gibt es dann Extremisten?

Al-Fahoum: Die israelische Armee versucht Bedingungen zu schaffen, die den Extremismus fördern; sie versucht Argumente zu finden, den Einsatz ihrer Waffen zu rechtfertigen. Allerdings wollen und wissen auch viele Zivilisten in Israel, dass ein Frieden absolut notwendig ist. Die israelische Regierung betrügt ihr Volk, wenn sie ihr einredet, Frieden mit Waffen sichern zu können.

/e-politik.de/: Und wie konnte es zur Wahl der Hamas kommen, einer Partei, die von vielen Ländern als terroristische Vereinigung eingestuft wird?

Al-Fahoum: Sehen sie, die Wahl der Hamas war ein SOS Signal des palästinensischen Volkes an die internationale Gemeinschaft. Es war eine Reaktion auf die Sackgasse in der sich die Friedensbemühungen befinden, hervorgerufen durch die einseitige Politik Israels.

/e-politik.de/: Wird die israelische Offensive von Erfolg gekrönt sein?

S4200228-sw.jpgAl Fahoum: Das Militär kontrolliert die israelische Regierung. Der jetzige Verteidigungsminister Peretz vertrat im letzten Wahlkampf die Seite der Arbeiter. Er besitzt kaum Kenntnisse vom Krieg. Und jetzt rasselt er mit den Säbeln. Auch Ehud Olmert scheint die Faktoren im Nahen Osten zu verkennen. Der Gedanke, die arabischen Völker mit Waffen zu vertreiben, ist ein Ausdruck der Hybris. Das musste selbst Ariel Scharon erkennen, und das, obwohl er selbst von sich gesagt hat, er sei der einzige Israeli der die Palästinenser auslöschen möchte. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder es wird in Zukunft eine Anerkennung von zwei souveränen Staaten geben, die graduell eine engere Verbindung miteinander aufbauen, oder wir werden uns gegenseitig zerstören. Statt uns gegenseitig zu zerstören, sollten wir unsere finanziellen Mittel darauf konzentrieren, nach Lösungen zu suchen. Ich will nicht besser sterben, sondern besser leben!

/e-politik.de/: Welche Rolle kann dabei die internationale Gemeinschaft spielen?

Al-Fahoum: Israel und Palästina sind wie Blinde. Ein dritter muss sie an den Verhandlungstisch führen, und die Gespräche mit einem Höchstmaß an Sachlichkeit leiten. Nur wenn ein Höchstmaß an Objektivität gewährleistet ist, kann festgestellt werden, was die minimalen Anforderungen beider Seiten sind, um einen Friedensschluss zu sichern.

/e-politik.de/: Solche Gespräche gab es bereits – und sie sind oft an der Haltung der Palästinenser gescheitert.

Al-Fahoum: Weil sie einseitig waren. Die internationale Gemeinschaft hat sich darauf konzentriert Israel zu schützen. Wir waren das Problem, vor dem es die Israelis zu schützen galt. Wie will man die Nöte der Palästinenser dann ernst nehmen?

/e-politik.de/: Gab es eine Initiative, die von ihnen begrüßt wurde?

Al-Fahoum: Ja, die arabische Beirut-Initiative. Sie wurde auch von den Europäern begrüßt, von den USA und Israel jedoch abgelehnt. Gegenseitige Anerkennung und die Existenz zweier souveräner Staaten stellten die Grundpfeiler der Initiative dar. Und darauf sollte nach wie vor jede Lösung basieren.

/e-politik.de/: Welche Rolle kann die EU an einer Beteiligung an Friedensgesprächen haben? Bisher war die Europäische Union eher zurückhaltend, wenn es um die politische Beteiligung im Nahen Osten geht.

S4200212.jpgAl-Fahoum: Die EU ist ein wichtiger Partner für uns, mit dem wir gute Beziehungen unterhalten. Insbesondere die Beziehung zu Deutschland ist für uns wichtig. Aber auch mit Israel unterhält die Union und auch Deutschland gute Beziehungen. Allerdings sollte Deutschland der israelischen Regierung keine Waffensysteme liefern, sondern andere Wege finden, einen Friedensprozess zu unterstützen. Die EU wäre also ein Partner am Verhandlungstisch, der eine sehr gute Einschätzung der Situation hat, da sie mit allen betroffenen Parteien gute Kontakte pflegt. Darüber hinaus hat sie natürlich einen guten Draht zur USA.

/e-politik.de/: Gibt es eine Chance auf Frieden im Nahen Osten, Herr Al-Fahoum?

Al-Fahoum: Wenn die Israelis bereit sind, über Frieden zu sprechen, dann sind wir es auch. Mehr als 50 Jahre Blutvergießen müssen ein Ende haben. Genug ist genug. Wir müssen die Dinge hinter uns lassen, die uns auf diesen blutigen Pfad geführt haben. Ich hoffe, dass die schlimmen Bilder, die wir täglich in den Medien sehen, dazu führen, dass wir erwachsen werden, und sachliche Friedensverhandlungen führen können.

/e-politik.de/: Herzlichen Dank für dieses Gespräch


Die Bildrechte liegen bei Johannes Kurt.


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