Gesundheit als globales Gut

22. Aug 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Gesundheit und Gesundheitspolitik geraten zunehmend in den Fokus europäischer und globaler Diskurse um die Gestaltung von Gesundheitssystemen. Neue Bücher greifen diese Debatte auf und beziehen Stellung. Von Fabian Engelmann

In der deutschen Gesundheitspolitik ist in diesen Tagen wieder mächtig was los. Es ist mal wieder so weit, eine große Gesundheitsreform steht vor der Tür. Alle Jahre wieder kündigt die Politik den großen gesundheitspolitischen Wurf an. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Auseinandersetzung um den geplanten Gesundheitsfond, der die Handlungsautonomie der Krankenkassen empfindlich einschränkt.

Von der europäischen zur globalen Gesundheitspolitik

Während der sozial- und gesundheitspolitische Alltag unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, diskutieren Gesundheitswissenschaftler, Ärzte, Politologen, Epidemiologen und andere in aktuellen Veröffentlichungen Perspektiven nationaler, europäischer und globaler (Gesundheits)politik und deren Auswirkung auf die Gestaltung nationaler Gesundheitssysteme sowie den Zustand von Bevölkerungen.

Cover_Rosenbrock.jpgBereits in zweiter Auflage ist das bislang überaus erfolgreiche Lehrbuch Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung von Rolf Rosenbrock und Thomas Gerlinger erschienen. Die Autoren haben ihr Buch von 2004 aktualisiert und um wichtige Aspekte ergänzt. Ihnen gelingt es, Gesundheit und das deutsche Gesundheitswesen nicht nur als System der Krankenversorgung, sondern Gesundheit (nicht Krankheit) immer auch als politisch gestaltbare Größe zu diskutieren. Insofern ist ihre fundierte Einführung auch ein Plädoyer für eine Umgestaltung des Gesundheitswesens, das einen wesentlichen Schwerpunkt auf Prävention und Gesundheitsförderung setzten sollte.

Lebenswelten im Blickfeld von Gesundheitspolitik!?

In diesem Sinne haben die Autoren ihr Kapitel zur Präventionspolitik erweitert. Ausführlich diskutiert wird der so genannte Setting-Ansatz. Ein Setting wird dabei als soziales System verstanden, welches einen wichtigen Einfluss auf die Lebensverhältnisse von Menschen ausübt. Settings können Stadtteile, Schulen, Betriebe, Kindergärten, etc. sein. Es handelt sich um Orte, an denen Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Die Idee ist einfach und dennoch einleuchtend. Es sind die Lebensverhältnisse, die Einfluss auf Gesundheit haben. Damit hebt sich dieser Ansatz von der verhaltensorientierten Sichtweise ab, die Gesundheit vor allem über risikominimierende Maßnahmen wie Aufklärung, Kurse und ähnliche Strategien steuern will.

Entscheidend ist, die Lebensverhältnisse durch unspezifische Maßnahmen wie Bildungs- und Integrationsangebote zu verbessern. Es geht darum, das Setting nicht nur als institutionellen Zugangsweg für gesundheitsförderliche Maßnahmen zu nutzen, sondern es selbst gesundheitsfördernd zu entwickeln. Prävention und Gesundheitsförderung nutzen hier Ansätze der Organisationsentwicklung und Systemtheorie.

Cover_Haisch.jpgDer Setting-Ansatz beginnt sich auch in der Sozialgesetzgebung zu etablieren. Krankenkassen führen inzwischen Setting-Angebote durch. Selbst im medizinischen Präventionsdiskurs findet der Ansatz Berücksichtigung. Ein neues Lehrbuch Medizinische Prävention und Gesundheitsförderung von Jochen Haisch, Klaus Hurrelmann und Theodor Klotz diskutiert neben Prävention und Gesundheitsförderung in somatisch-medizinischen und psychosozial-medizinischen Kernfächern auch Themen der medizinischen Prävention in Schulen und Betrieben.

Portrait Rosenbrock.jpgDas Buch von Rosenbrock/Gerlinger ist im Bereich der Präventionspolitik auf dem neuesten Stand und hebt sich von anderen Einführungen positiv ab. Die gesundheitswissenschaftliche und gesundheitspolitische Innovation "settingorientierte Prävention und Gesundheitsförderung" ist nicht zuletzt dem persönlichen Engagement Rosenbrocks (Bild rechts) zu verdanken, der seit Jahrzehnten Verfechter dieser Politik ist und an ihrer Gestaltung maßgeblich mitgewirkt hat.

Gefährdet die europäische Integration das deutsche Gesundheitssystem?

Die Neuaufnahme eines Kapitels Europäische Integration und deutsche Gesundheitspolitik ist in der Darstellung ebenfalls positiv zu bewerten. In europäischer Perspektive spielt die Gesundheits- und Sozialpolitik der Mitgliedstaaten eine nachgeordnete Rolle. Explizite Regelungskompetenzen sind der EU derzeit vor allem in Bezug auf den Gesundheitsschutz in der Arbeitsumwelt und dem gesundheitlichen Verbraucherschutz zugewiesen. Darüber hinaus sind derzeit zwei wesentliche Entwicklungen absehbar. Die europäische Integration wirkt sich auf die deutsche Gesundheitspolitik aus, indem das deutsche Sozialrecht durch das europäische Wirtschafts- und Wettbewerbsrecht beeinflusst wird. Diese Entwicklung hat Einfluss auf die grenzüberschreitende Inanspruchnahme von Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung. Zum anderen wird das für das deutsche Gesundheitswesen charakteristische Kollektivvertragsrecht beeinflusst.

De facto gilt durch die Rechtssprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), dass die Grundsätze des europäischen Binnenmarktes, freier Dienstleistungs- und Warenverkehr, auch für medizinische Leistungen gelten. Damit haben die Versicherten grundsätzlich Anspruch, medizinische Leistungen auf Kosten ihrer Krankenkasse in Anspruch zu nehmen.

Die zweite Entwicklung betrifft das Verhältnis von europäischem Wettbewerbsrecht und deutschem Kollektivvertragsrecht. Das europäische Wettbewerbsrecht sieht ein Verbot "wettbewerbsbeschränkender Vereinbarungen und Verhaltensweisen" und das Verbot des "Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung" vor. Daraus könne sich ein Spannungsverhältnis mit dem deutschen Krankenversicherungsrecht ergeben.

Es werde die Frage ausgeworfen, ob es sich bei den (kollektiven) Vertragsbeziehungen zwischen den Krankenkassen und den Leistungserbringern nicht um wettbewerbswidrige Kartelle durch den Markt beherrschende Unternehmen handelt. Hier stellt sich die Frage, ob Krankenkassen Unternehmen sind, womit sie unter europäisches Wettbewerbsrecht fallen würden. Derzeit ist dies nicht der Fall, würden Krankenkassen durch den EuGH jedoch als funktionale Unternehmen klassifiziert, könnten die für das deutsche Gesundheitssystem typischen Kollektivverträge als vertragswidrig erklärt werden. Damit würden, so die Autoren, die Kernelemente des gesundheitspolitischen Regulierungssystems in Deutschland in Frage gestellt werden. Die Autoren zeigen, wie komplex das Verhältnis von nationaler Gesundheits- und Soziapolitik sowie europäischer Integration ist.

International Public Health

Cover_Razum.jpgDen Blick über Europa hinaus wagen Oliver Razum, Hajo Zeeb und Ulrich Laaser. Als Herausgeber des Sammelbandes Globalisierung – Gerechtigkeit – Gesundheit. Einführung in International Public Health widmen sie sich erstmalig dem Thema. Eine deutschsprachige international vergleichende Einführung in das Fachgebiet gab es bislang nicht. Das Buch ist – dem Handlungsfeld entsprechend – sehr breit angelegt. Eine Vielzahl von Autoren diskutieren Themen, die von Kindersterblichkeit und Fehlernährung über die Surveillance von Infektionskrankheiten bis zu Terrorismus und Public Health reichen.

Obgleich die Herausgeber den Band in drei Teile Gesundheitliche Ungleichheit: politisch-historische Dimensionen und mittelbare Ursachen (Teil 1), Prinzipien und Lösungsansätze im internationalen Vergleich (Teil 2), Prioritäre und neue Public-Health-Probleme und Lösungsstrategien unterteilen, ist nicht ganz klar, was Ziel und Zweck ihrer Einführung sein soll. Sie sehen den Band als Ergänzung. Ihr Buch ist – mehr als eine Ergänzung – ein erster zu würdigender Versuch, die Debatte um International Public Health einem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Dazu wurden wichtige Themen ausgewählt, die allerdings weit ausführlicher in den World Health Reports der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nachzulesen sind. Verdienst der Herausgeber ist es, den Startschuss für eine unverzichtbare Debatte um Global Public Health gegeben zu haben. Vielleicht sollten die Herausgeber in einer zweiten Auflage den Diskurs um Global Public Health stärker beleuchten und sich thematisch konzentrieren. Dann kann das Buch zum Standardwerk werden.

Die Gesundheitsgesellschaft

Cover_Kickbusch.jpgDen Diskurs um nationale und internationale Gesundheitspolitiken fasst Ilona Kickbusch  in ihrem aktuellen Buch Die Gesundheitsgesellschaft. Megatrends der Gesundheit und deren Konsequenzen für Politik und Gesellschaft zusammen. Kickbusch ist als langjährige Direktorin bei der Weltgesundheitsorganisation sowie als Professorin an der Yale University eine ausgewiesene Kennerin der Materie. Ihr Buch befasst sich mit der zentralen Rolle, die der Gesundheit in modernen Gesellschaften zukommt. Gesundheit wird nach Kickbusch von vier Maximen bestimmt. Sie ist grenzenlos und überall (globale Gesundheit) und sie ist machbar (Gesundheit ist gestaltbar). Jede Entscheidung ist zugleich auch eine Gesundheitsentscheidung.

Kickbusch beleuchtet ein neues Verständnis, nach dem Gesundheit in allen gesellschaftlichen Bereichen und Politikfeldern verortet werden muss. Zudem richtet sie den Blick auf die Aufgaben des Staates, der sich einem gesundheits- und gesellschaftspolitischen Paradigma stellen muss, dass sie mit den Begriff Gesundheitsförderung umschreibt. Es löst die Paradigmen Gesundheitssicherung (19. und frühes 20. Jahrhundert) und Gesundheitssicherung durch den Staat kontinuierlich ab. Schließlich diskutiert Kickbusch auch die globale Perspektive. Sie unterstellt, dass viele Gesundheitsdeterminanten in einen globalen Markt und globale Entwicklungsströme eingebettet sind, auf die das Gesundheitswesen selbst nur wenig Einfluss hat. Insofern bedarf es einer impliziten ressortübergreifenden Gesundheitspolitik, die in allen Bereiche der Gesellschaft reicht.

Die Publikationen zeigen, dass Gesundheit mehr ist als die derzeitigen Debatten um die Ausgestaltung des deutschen Gesundheitswesens. Gesundheit ist grenzenlos und wirft in nationaler, europäischer und globaler Perspektive eine Vielzahl von Problemen auf. All jenen, die diese Perspektiven ausleuchten möchten, können die Bücher empfohlen werden. Bietet die Darstellung von Rosenbrock/Gerlinger eine ausgezeichnete Grundlage für die Auseinandersetzung, insbesondere mit dem deutschen Gesundheitssystem, stellen die anderen Bände eine hervorragende Ergänzung dar und ebnen den Weg für die breite Diskussion in Richtung Gesundheitsgesellschaft und International Public Health.

Rolf Rosenbrock/Thomas Gerlinger: Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung.
Verlag Hans Huber Bern, 2006, 383 Seiten, 29,95 Euro. ISBN: 3-456-84225-2

Jochen Haisch/Klaus Hurrelmann/Theodor Klotz (Hrsg.): Medizinische Prävention und Gesundheitsförderung. Verlag Hans Huber Bern, 2006, 276 Seiten, 29,95 Euro. ISBN: 3-456-84342-9

Oliver Razum/Hajo Zeeb/Ulrich Laaser (Hrsg.): Globalisierung – Gerechtigkeit – Gesundheit.
Einführung in International Public Health. Verlag Hans Huber Bern, 2006, 351 Seiten, 39,95. ISBN: 3-456-84354-2

Ilona Kickbusch: Die Gesundheitsgesellschaft. Megatrends der Gesundheit und deren Konsequenzen für Politik und Gesellschaft. Verlag für Gesundheitsförderung, 2006, ca. 200 Seiten, 18,70 Euro. ISBN 3-929798-36-0


Die Bildrechte liegen beim Hans Huber Verlag, dem Verlag für Gesundheitsförderung und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.


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