Echte Gefühle

19. Jun 2006 | von Christoph Rohde | Kategorie: Gesellschaft

373px-FIFA_Worldcup.jpgDeutschland erwacht aus seiner selbst gestrickten Depression. Dies ist das Resultateiner einfachen psychologischen Gleichung. Von Christoph Rohde

Können zwei Fußballspiele die Befindlichkeiten einer Nation verändern? Sicherlich nicht.Dass die Stimmung im Land sich durch zwei Siege gegen fußballerische Leichtgewichteändert, diese Annahme ist zu einfach. Und dann könnte der Stimmungs-Hype auch in einer Woche bei einer Niederlage wieder vorbei sein. Damit ist jedoch nicht zu rechnen.

Geben seliger als Nehmen

Es sind mehrere Faktoren, die das gute Klima im Land bedingen. Erstens kann der Deutsche mal davon abgelenkt werden, dass andere ihm und er selbst sich Reformunfähigkeit, Leistungsschwäche, wirtschaftlichen Niedergang und intellektuellen Stillstand vorwerfen. Unsere Jammermentalität erhält momentan keine Nahrung. “Geben ist seliger als nehmen” – dieser biblische Vers bewahrheitet sich in diesen Tagen. Denn wo funktionieren die Dinge so wie bei uns? Transportlogistik, Medienbetreuung, Durchführung von Spielen (mit Ausnahme einiger auf den Platz laufender Fans), Kulturprogramme und Fan Parks überzeugen.

Wenn man dieser Tage mit Gästen aus Asien oder Australien spricht, so verstehen sie nicht, warum Deutschland zu den Bremsern der Weltkonjunktur gehören soll. Die “alten deutschen Tugenden” kommen nicht nur auf dem Platz wieder zum Tragen. Deshalb sollte die Weltmeisterschaft doch etwas leisten, was die Politik in keiner Weise vermitteln konnte: Das Vertrauen der Deutschen in ihre eigene Leistungsfähigkeit wiederherstellen.

Kollektive Stimmungen soziale Konstruktionen

Ob wir Fußball mögen oder nicht, ist wohl eine Sache der Sozialisation. Wenn der Papa jubelt, dann löst dies im Kind Nachahmeeffekte aus. Diese Fanatiker stammen also von Fanatikern ab. Beim Verfasser liegt jedoch ein autonomer Fanatismus vor! Kritische Sozialpsychologen und besonders kluge Analysten warnen schon jetzt vor der Depression nach der Manie. Sind die Deutschen nur manisch momentan, weil sie vorher so depressiv waren?

Viele Ausländer freuen sich, dass die Deutschen wieder zu einem “spielerischen Patriotismus” fähig sind. Es sind nur ein paar Super-Apostel aus der Medienwelt wie Marietta Slomka vom ZDF, die fragen, ob die deutschen Fahnen “eine Bedrohung” für andere darstellen.

Kollektive Stimmungen sind soziale Konstruktionen und haben damit eine eigene handlungsleitende Realität. Auf den Effekt dieser sozialen Konstruktion kann man auch dauerhaft hoffen. Es muss nicht immer nur erwartungsinduzierter Pessimismus sein, der die Unternehmertätigkeit eines Landes blockiert – auch optimistische sozialpsychologische Impulse können sich verstetigen. Der kosmopolitische Geist erfasst viele Bürger und ist die beste Lektion für alle, die zu ausgrenzenden Ideologien neigen.

Rekordquoten

Die Dortmunder Randale zwischen deutschen und polnischen Fans hat die Dimensionen, die bei derartigen Großereignissen üblich sind, nicht überschritten. Der entschlossene Zugriff der Polizei tat sein Übriges, um die Lage zu beruhigen.

25,43 Millionen Menschen haben das Spiel am Fernseher verfolgt - einsamer Rekord mit einem Marktanteil von 77,3 Prozent. Netzer und Delling, die Grimme-Preisträger, taten ihr Übriges, um dem ganzen Spektakel noch einen intellektuellen Überbau zu geben. Dellings Motto “Die Luft, die nie drin war, ist raus aus dem Spiel” kann man zum Glück nur von den Spielen in Gruppe G behaupten.

Fußballerisches: Gefährliche Situation

Die selbsternannten Weltmeister in spe aus England haben mit Wrestling-Methoden eine Fußball-”Kolonie” (Trinidad-Togago) “besiegt”, nachdem sie vorher durch ein Eigentor gegen Paraguay mit Mühe die Punkte behalten haben. Auch die sich selbst hoch dekorierenden Schweden konnten erst nach 179 Minuten ein Tor schießen. Beide sind eigentlich keine Mannschaften, vor denen sich Deutschland fürchten müsste.

Doch im Fußball ist Ungerechtigkeit ein konstitutives Prinzip. Wer selber gespielt hat, weiß, dass sooo oft der Bessere nicht gewinnt. Selbstverständlich hat Deutschland in der WM-Historie davon mehrfach profitiert. Aber man kann im Fußball auch ohne Torchance gewinnen und mit hundert Torchancen verlieren.

Argentinien, Weltmeister unter der Militärjunta in den 70ern und 80ern, hat zu neuer Bescheidenheit gefunden und wäre allein deshalb wohl ein würdiger Champion. Aber die bereits beerdigten Brasilianer haben am Anfang immer keine Lust…


Die Bildrechte sind Public Domain.


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