Die konservative Kritik

16. Mrz 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover Opoczynski.jpgMichael Opoczynski kritisiert in seinem Buch den deutschen Kapitalismus. Obgleich seine Parolen dabei oft denen der Linkspartei gleichen, entpuppt sich seine Argumentation als zutiefst konservativ. Von Werner Schäfer

Die Welt ist ja ach so schlimm. Und der Kapitalismus in Deutschland ganz besonders. So in etwa ließe sich das Buch Die Blutsauger der Nation des ZDF-Journalisten Michael Opoczynski zusammenfassen. Darin beschreibt er – der Untertitel kündigt es an – “wie ein entfesselter Kapitalismus uns ruiniert.”

Die Blutsauger, das sind Manager großer Konzerne. Diese “zocken ab” – und zwar jeden, der ihnen in die Quere kommt, ob Kunde, Mitarbeiter, Steuerzahler, Wettbewerber, Zulieferer oder Anleger. Letztere, die Anleger, wiederum, zocken auch ab. Denn – au weia – auf der Suche nach Rendite erdreisten sie sich manchmal, den anderen Abzockern – den Managern – zu widersprechen, deren Strategie zu hinterfragen, gar sie zu ersetzen.

Die Schattenseiten der Marktwirtschaft

Opoczynski klagt an. In elf Kapiteln beschreibt er ausführlich, was ihm an der freien Marktwirtschaft und ihrer Entwicklung in den letzten 15 Jahren nicht gefällt. Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass Arbeitnehmer Kosten verursachen, die zu einem Wettbewerbsnachteil führen können. Und deshalb produzieren mehr und mehr Unternehmen da, wo Arbeit billiger ist: im Ausland.

Ebenfalls unerhört ist die enge Verflechtung großer deutscher Konzerne. So sitzt der Allianz-Aufsichtsratsvorsitzende Henning Schulte-Noelle gleichzeitig in den Aufsichtsräten von E.ON, ThyssenKrupp und Siemens. Dort trifft er sich mit den Aufsichtsräten anderer Unternehmen, von Bayer etwa, von Beiersdorf, Continental und Karstadt-Quelle.

Damit nicht genug: Finanzinvestoren “ruinieren” mittelständische Unternehmen auf ihrer Suche nach Renditen; kurzfristig orientierte Börsenhändler zerstören reale Werte. Währenddessen vermehrt sich die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland. Kein Ausweg aus der Misere ist in Sicht.

Berechtigte Kritik und haltlose Widersprüche

Mit einigen seiner Kritikpunkte hat Opoczynski durchaus Recht. Der Aufstieg und Fall der Haffa-Brüder fällt sicher in die Kategorie “Abzocke”; auch das Victory Zeichen Joseph Ackermanns im Mannesmann-Prozess lässt sich jenseits der Grenzen des guten Geschmacks lokalisieren. Über die Sinnhaftigkeit von Private-Equity-Investitionen, die zur Entlassung hunderter Mitarbeiter führen, nur um eine ohnehin schon gute Rendite noch weiter zu steigern, lässt sich ebenfalls streiten.

Bei aller berechtigten Kritik verstrickt sich Opoczynski jedoch in Widersprüche. Er moniert aus sozialen Gründen, dass bestimmte Arbeiten heute nicht mehr in Deutschland, sondern in Polen oder China erbracht werden. Dabei denkt er jedoch nur an die Betroffenen in Deutschland. Dass es auf dieser Welt Milliarden Menschen gibt, für die ein Lohn von drei oder vier Euro am Tag bereits einen enormen Aufstieg bedeutet, scheint Opoczynski wenig zu interessieren.

Außerdem kritisiert er einerseits “entfesselte” Kapitalmärkte, andererseits die Kapitalverknüpfungen zwischen den führenden deutschen Unternehmen. Dabei waren diese engen Verknüpfungen zwischen Banken, Versicherungen und Unternehmen ein wesentliches Merkmal des alten – von Opoczynski geschätzten – rheinischen Kapitalismus .

Freie Kapitalmärkte sind “brutal” – sie bestrafen Klüngelei, da diese meist nicht besonders effizient ist. Aber sie bieten auch Chancen: denjenigen mit den besten Ideen verschaffen sie das nötige Kapital für die Umsetzung. Als Freund innovativer Unternehmen, als den er sich ausgibt, sollte sich der Autor dafür begeistern, nicht darüber schimpfen.

Zurück zur guten alten Zeit

Portrait Opoczynski.jpgWas er eigentlich will, beschreibt Opoczynski nur in Andeutungen. Seine Helden sind Familienunternehmer, zumeist Männer, die ihre Unternehmen oft geerbt haben und sie erfolgreich, wenn auch bisweilen patriarchalisch, führen. Diese Helden entsprechen ein wenig dem Typus des Tocquevilleschen Adeligen, der zwar gewisse Privilegien genießt, dessen Welt für andere nur schwer zugänglich ist, der dafür aber eine Rolle der gesellschaftlichen Verantwortung übernimmt.

Doch schon bei Tocqueville sind diese Adeligen Teil des alten Regimes, vergangener Zeiten. Nach denen sehnt sich auch Opoczynski zurück: nach einer Welt, die noch einfach und westlich dominiert war, in der China noch ein exotisches Land war, vor dessen Exporten sich keiner zu fürchten brauchte.

Mit Sehnsucht nach der Vergangenheit sind die Herausforderungen der Zukunft jedoch kaum zu meistern. Insofern hilft Opoczynskis Buch nur denjenigen weiter, die über die böse Welt klagen und lamentieren wollen. Zu mehr taugt es nicht.

Opoczynski, Michael: "Die Blutsauger der Nation, Wie ein entfesselter Kapitalismus uns ruiniert"
Droemer/Knaur, München, (2005), 272 Seiten
ISBN: 3-426-27380-2, 16,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Drömer/Knaur Verlag (Cover) und dem ZDF (Portrait).


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