Der Kapitalismus in der Geschichte

Cover_Frieden.jpgDer Harvard-Historiker Jeffry A. Frieden legt das neue Standardwerk zur Geschichte des globalen Kapitalismus vor. Dabei ist er beseelt von den Fehlern der Vergangenheit. Von Tobias Heinrich

Die Welt von heute hält mindestens ebenso viele Anreize zu Wohlstand und Freiheit für Menschen, Firmen und Staaten bereit wie vor 50 Jahren. Oder vor mehr als 100. Doch sie könnte wieder so auseinander fallen wie vor rund 60 Jahren. Oder wie vor 90 Jahren. In Global Capitalism liefert Jeffry A. Frieden das Verständnis für diese frühen Jahre und dafür, wie die Welt wieder zu dieser Offenheit gelangte. Dies macht sein Buch zu einem faszinierenden Werk.

Lehrreiche Geschichte

Die Offenheit vom 19. auf das 20. Jahrhundert ruhte auf dem Goldstandard. Er garantierte stabilen Austausch zwischen Gütern und Geldern und diente als Anker für die Weltwirtschaft. Dies entfaltete eine disziplinierende Wirkung auf alle Staaten, ihre Währung stabil zu halten und wenig wirtschafts- und ordnungspolitischen Unfug zu treiben. Somit reduzierte sich die Unsicherheit für Unternehmen, die zeitgleich von sinkenden Transportkosten und Handelsschranken profitierten. Im großen Maße fand der Austausch von Geld, Gütern und Gesichtern statt, was wiederum „benefits from trade“ brachte. Diese Entwicklungen ließen Staaten empor schießen und rapide an Wohlstand gewinnen. Jene Staaten, die nicht vom rasanten Wachstum profitierten, wurden von verschlossenen und repressiven Regimen regiert.

Ähnliches findet sich heute wieder. Frieden zitiert zustimmend Walter Wriston, einen der mächtigsten Banker der 1980er: „The gold standard […] has now been replaced by the information standard [which] is more draconian than any gold standard.“ Die disziplinierende Wirkung des Goldstandards konnte durch Politiker einfach aufgehoben worden, was aber beim neuen Standard quasi unmöglich ist. Wie sollte aber der Fluss von Informationen über Staaten, Märkte, Firmen, Menschen oder Regionen gestoppt werden können? Schlechte Politik eines Staates bedeutet, dass Firmen und die klügsten Köpfe abwandern und grosso modo die Masse der Menschen leidet.

Fakten! Fakten! Fakten!, so dass sich Geschichte nicht wiederhole

Frieden ist introspektiv und geneigt genug, um den Leser den Impetus zu Global Capitalism mitzuteilen. Die sich entwickelnde Welt der Jahrhundertwende von neunzehnten zum zwanzigsten mit der wunderbaren Offenheit für Menschen, Geld und Güter, welche John Maynard Keynes so elegant und abgehoben beschrieb, konnte implodieren. Es dauerte bis in 1990er hinein, bis ähnliches wieder am entstehen war. So klingen Friedens zusammenfassende Zeilen zum Niedergang des Pax Britannica, als seien sie aus dem Meinungsteil der mahnenden heutigen Wirtschaftspresse entnommen. Die Ähnlichkeit ist verblüffend.

Folgt man der historischen Analogie, die Frieden demonstriert, so könnten die zarten, neuen Demokratien, die seit Ende des Kalten Krieges entstanden, kollabieren und paranoidere, Freiheiten eingrenzenden Regierungen an die Macht kommen. Einem ökonomischen Schock folgt eine defensive, angstgeleitete Reaktion des Wahlvolkes, welche dann eine Regierung an die Macht spült, die ganz augenscheinlich „irgendwas“ tut. Diese Politik untergräbt damit genau das, was zuvor zu breitem Wohlstand verhalf.

Frieden schließt sein Buch mit der Folgerung, welche eine Handlungsanweisung nach sich zieht: „Theory and history indicate that it is possible for globalization to coexist with policies committed to social advance.“ Es ist nur schade, dass auch bei Frieden als „sozial“ nur das angesehen wird, was der Staat umverteilt. Das englische Wort „social“ hat den ursprünglichen Sinn gewahrt, nachdem sozial ist, was Menschen frei miteinander tun. Aber dies ist mit Friedens Forderung nach Politik, die „social advance“ beeinflusst, ausgeschlossen.

Menschen und Geschichte

Jeffry Friedens Historiographie des globalen Kapitalismus illustriert die Geschehnisse zusätzlich mit Biographieskizzen wichtiger Akteure. Hier wird die an sich schon anschaulich und verständlich präsentierte Wirtschaftsgeschichte „bemenschelt“: Dean Acheson und Jean Monnet sind die Protagonisten nach dem Zweiten Weltkrieg als es hieß, die Welt in stabilere Bahnen zu bringen.

Hjalmar Schacht wird als exemplarische Ausprägung für eine ganze Epoche dargestellt: der hoch respektierte Bankier schließt sich dem Nazi-Regime an, saniert die Finanzen des Landes und bringt die Wirtschaft wieder wieder auf Vordermann – natürlich auf eine Art, wie es nur in einem totalitären Staate geht -, und wird dann von Hitler entlassen.

Nebst den Akteuren werden auch vereinzelte Theoretiker gewürdigt. So werden Adam Smith, David Ricardo, Eli Heckscher, Bert Ohlin, Paul Samuelson und Wolfgang Stolper mit ihren Beiträgen kurz vorgestellt. Jedoch bleiben die intellektuellen Aspekte um den globalen Kapitalismus blutarm. Die Darstellung der Kritiken von Karl Marx ist zu kurz (Das Kapital ist nicht einmal in der insgesamt erratischen Bibliographie zu finden), die neueren Attacken von Antonio Negri und Michael Hardt bleiben außen vor, der Wettkampf um die Idee der Liberalismus durch die Mont Pelerin Society bleibt unerwähnt. Im intellektuellen Streit um Inflation und Staatsinterventionismus wird die Leistung Milton Friedmans mit weniger als einer halben Seite abgetan. Schade, dass der Leser nicht alles serviert bekommen kan. Die Parallellektüre von beispielsweise Jerry Mullers The Mind and the Market oder Daniel Yergins The Commanding Heights brächte große Synergien.

Im ersten Sechstel des Buches wirkt die Sprache etwas holprig, die Sätze sind kurz und haben wenig sprachliche Verbindungen. Frieden scheint anfangs darauf aus zu sein, die Sprache extrem zugänglich zu machen. Dies geht auf Kosten des Leseflusses, welcher sich aber nach einer Weile findet. Kapitel enden immer mit kleinen Zusammenfassungen, so dass der Gesamtbogen nicht verloren geht. Diese Gefahr besteht nämlich, wenn spannende Entwicklungen und Observationen (Wusste der Leser, dass das Geschäft mit der Kaffeebohne im Gegensatz zu Kakao dazu neigte, Arbeiter in hohem Maße am Gewinn partizipieren zu lassen? Oder dass die sozialistisch anmutende New Deal-Gesetzgebung der USA enthusiastisch von Firmen unterstützt wurde?) mit solch Fülle daherkommen.

Jeffry A. Frieden,

Global Capitalism. Its Fall and Rise in the Twentieth Century,

2006, W.W. Norton & Company, Inc.,

558 S.,
ISBN: 0-393-05808-5, 29,95 Dollar



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