Das Pulverfass ‚Welt‘

KUHLMANN-Photo_Gross_web.jpg/e-politik.de/ sprach mit Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann, Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit an der Universität Greifswald, über sein Seminar ,,Berlin als Krisenherd der Weltpolitik 1945-1971″. Ein überarbeitetes Interview von Stephanie Torge

Man darf bei der Betrachtung der deutschen Zeitgeschichte nicht immer nur den einen Aspekt sehen, „welche Gefahren deutsche Regierungen in zwei Weltkriegen von Berlin aus über die Welt gebracht haben“, sondern muss auch zur Kenntnis nehmen, dass Berlin selbst während des Kalten Krieges als „Objekt der Weltpolitik reiner Zündstoff war“. Ein Seminar, das Tiefgang vermuten lässt. Vor allem durch Konzentration auch auf menschliche und emotionale Zustände geht man hier über den politischen Horizont hinaus. Auch an Aktualität büßt die Thematik keinesfalls ein, rufe man sich bestimmte Wahlergebnisse ins Gedächtnis, die durchaus eine Tendenz Richtung rechts aufweisen.

/e-politik.de/: Herr Prof. Stamm-Kuhlmann, was richtet Ihr Interesse ausgerechnet auf Berlin?

Prof. Thomas Stamm-Kuhlmann: Die Zeit des Kalten Krieges stellt einen wichtigen Moment unserer heutigen Geschichte dar. Man muss Berlin als einen Ort sehen, an dem zwischen 1945 und 1971 die gesamte Weltpolitik verwoben war. Die jüngeren Generationen können sich daran gar nicht mehr erinnern. Das Schicksal der Stadt während jener Zeit soll im Seminar wieder ins Gedächtnis gerufen werden.

/e-politik.de/: Welche Bedeutung kommt Ihrer Meinung nach dem emotionalen Aspekt im Rückblick auf die Krisenzeit zu?

Stamm-Kuhlmann: Man darf das Geschehen nicht nur von der politischen Seite betrachten, sondern auch von der menschlichen und daher, wie es erlebt wurde. Der Historiker hat die Chance und muss sie nutzen, die Gefühle, von denen die Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt bewegt werden, zu reflektieren. Um mal ein Beispiel zu nennen: Als Kennedy damals Berlin besuchte, wühlte das die Gefühle der Menschen wahnsinnig auf. Man möchte natürlich herausfinden, woher das kam und warum das so war. Die Frage nach den Gefühlen ist eine wichtige Fragestellung historischer Forschung. Ein aktuelles Beispiel ist die WM. Alles ist in den Medien festgehalten und so auch später noch präsent. Heute wird sie mit Begeisterung gefeiert, in 20 Jahren ist das nicht mehr nachvollziehbar. Heute wird es positiv aufgenommen, wird es dann später auch noch so sein? Es gilt also, die Veränderung menschlicher Emotionen im Laufe der Zeit zu erforschen.

/e-politik.de/: Nun sind Sie aber nicht in Berlin, sondern in Solingen geboren. Warum können Sie trotzdem über die Gefühle der Berliner Auskunft geben? Woher schöpfen Sie da Ihre Quellen?

Stamm-Kuhlmann: Die Geschichtsforschung sollte nicht allein den Betroffenen überlassen werden. In der gesamten Zeitgeschichte gibt es das Risiko, dass aus dem begrenzten Horizont Einzelner, die „es miterlebt haben“, ein Urteil auf das Ganze übertragen wird. In abgewogenen historischen Büchern wird man folglich oft den  Konflikt zwischen Buch und Zeitzeugen wahrnehmen können. Doch letztere sind eben nicht in der Lage, das Geschehene als Ganzes zu überblicken. Wenn man sein Tagebuch von vor 30 Jahren liest, wird man außerdem oft feststellen, dass man die Dinge zum Zeitpunkt ihres Geschehens ganz anders beurteilt hat, als es jetzt die Erinnerung wahrhaben will. Ich sehe die Beschäftigung mit dieser Kluft zwischen zeitgenössischer Wahrnehmung und Erinnerung als eine der wichtigsten Aufgaben der Geschichtswissenschaft.

/e-politik.de/: Was glauben Sie, wie fest die Teilung Deutschlands im Bewusstsein der Deutschen verankert ist?

Stamm-Kuhlmann: Das ist generationsabhängig. Die Geschehnisse können tief ins Gedächtnis abrutschen und kommen erst Jahrzehnte später wieder hoch. 1999 gab es zum Thema „Zehn Jahre Friedliche Revolution und Wiedervereinigung in Greifswald“ an unserer Uni eine Vortragsreihe, die aus Mangel an Zuhörern nicht ins zweite Halbjahr verlängert wurde. Schon wenige Jahre später – zum Beisiel jetzt- aber könnte das Thema bereits wieder hochaktuell sein. Oft fehlt auch die Zeit, um über Erlebtes nachzudenken, weil man den Alltag bewältigen muss. Viele, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben,  wollten damals auch nicht darüber reden, sondern erst jetzt, denn gerade zum Lebensende hin möchte man Bilanz ziehen. Vieles sieht man erst, wenn man eine gewisse Distanz zu dem Erlebten aufgebaut hat. Man will eine Periode als abgeschlossene Zeit betrachten können. Darüber hinaus will man natürlich als jüngere Generation sein Elternhaus verstehen, die jeweilige Familiengeschichte, und wissen, ob man sich mit ihr identifizieren kann.

/e-politik.de/: Im Buch Die Welle zeigt der Autor Morton Rhue an einem erschreckenden Experiment mit seinen Schülern, wie schnell gesellschaftliche Situationen eskalieren können. Glauben Sie, auch der deutschen Gesellschaft mit dem aktuellen Wissensstand und dem historischen Hintergrund könnte so etwas nochmals widerfahren?

Stamm-Kuhlmann: In bestimmten Situationen, gerade in Notlagen, neigen Menschen dazu, sich zu unterwerfen. Wenn Existenzängste übermächtig werden, wird man anfällig für Versprechungen. Doch „Retter“ gibt es nie und daran sollte man seine Mitmenschen auch gewöhnen. Nachdem während der 50er Jahre in der DDR die „Bürgerlichen“ entmachtet worden waren, konnte nur noch studieren, wer sich anpasste. Als Konsequenz gehörten dann in den späteren Jahren der DDR bis 1989 die Studenten zu den letzten, die sich gegen das Regime aufgelehnt haben. Dadurch, dass die DDR ihre Bürger zur Konformität erzog, trägt sie selbstverständlich eine Mitschuld, wenn eine autoritäre Mentalität in Teilen Deutschlands weiter existiert. Was die heutige Situation betrifft, kann ich, gerade unter Berücksichtigung der letzten Ergebnisse der Landtagswahlen, nicht davon ausgehen, dass die Deutschen ein für allemal vom Nazismus geheilt sind. Offensichtilich steht nicht mehr nur der Protest im Vordergrund, sondern das NS-Gedankengut selbst scheint auf einige Wähler noch heute einen gewissen Reiz auszuüben.

/e-politik.de/: Welche Ziele verfolgen Sie mit ihrem Seminar? Was wollen Sie ihren Studenten als Quintessenz mit auf den Weg geben?

Stamm-Kuhlmann: In erster Linie natürlich ein Gefühl der Dankbarkeit, dass es heute so ist, wie es ist. Dass wir sicherer leben. Denn man muss vor allem bedenken: Das mit atomaren Waffen voll gepackte Pulverfass Deutschland, das mit den übrigen Krisenherden der Welt, zum Beispiel dem raketenbestückten Kuba, in enger Beziehung stand, hätte in die Luft gehen können, und alles wäre zu Ende gewesen. Für die Zukunft kommt es darauf an, alle Tendenzen zu stärken, die jeder Art von Fanatismus entgegen wirken.

/e-politik.de/: In diesem Sinne bedanke ich mich für das Gespräch.

 


Die Bildrechte liegen bei Herrn Prof. Dr. Stamm-Kuhlmann.

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