Berlinale 2006 – der Auftakt

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Sigourney Weaver im Schnee

Dass die Komödienseligkeit, die vor allem in den 1990er Jahren das deutsche Kino prägte, einer neuen Ernsthaftigkeit wich, zeigt bereits die Auswahl der Eröffnungsfilme der einzelnen Sektionen. Die Themen reichen vom permanenten Bedrohungsgefühl in Jerusalem über prekäre Beschäftigungsverhältnisse in einer globalisierten Weltwirtschaft bis zu sexuellem Missbrauch. Von Konrad Kögler

Der Wettbewerb um die Goldenen Bären, das öffentlichkeitswirksame Herzstück, startete mit der Gala-Vorführung von Snow Cake. In diesem Drama von Marc Evans verkörpert Sigourney Weaver sehr eindrucksvoll das Schicksal einer Autistin, die vom Unfalltod ihrer Tochter erfährt. Ihre Unfähigkeit, Emotionen zu spüren, wird mit vielen kleinen Beobachtungen plastisch nachgezeichnet. Bislang galt Dustin Hoffmans Darstellung des Rain Man von 1988 als die klassische Studie über Autismus. Es wird spannend sein zu sehen, ob Snow Cake in einigen Jahren einen ähnlichen Bekanntheitsgrad erreichen wird.

Indische Call-Center im Forum des Jungen Internationalen Films

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indisches Call-Center in John & Jane

Das Forum des Jungen Internationalen Films widmete sich zunächst den prekären Arbeitsbedingungen in einem Call-Center auf dem indischen Subkontinent in Ashim Aluwalias` Dokumentarfilm John & Jane. Viele Mitarbeiter sprechen voller Frust über die schlechte Bezahlung und den enormen Leistungsdruck, dem sie bei ihrer eintönigen, als sinnentleert empfundenen Tätigkeit ausgesetzt sind. Einige klammern sich jedoch fest an diesen Strohhalm und erträumen sich davon den schnellen Weg zum großen Reichtum. Bald wird jedoch deutlich, dass die derzeitige unbefriedigende Lage den Betroffenen keine Perspektive bieten kann.

Alltäglicher Terror in Jerusalem

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israelische Soldatinnen in Close to home

Etwas schwächer war dagegen der israelische Spielfilm Close to home, der den Alltag zweier junger Soldatinnen in Jerusalem zeigte. Der Anfang des Films ließ zwar durch plastische Szenen an einem Checkpoint einige Erwartungen aufkommen. Insgesamt konnte der Film diese jedoch nicht einlösen, weil sich die Regisseure Dalia Hager und Vidi Bilu nicht so recht entscheiden konnten, ob sie eher die Probleme der jungen Heldinnen in der hierarchischen Armeestruktur oder die Problematik des nahöstlichen Dauerkonflikts in den Mittelpunkt stellen sollten.

Sexueller Missbrauch aus Japan polarisiert

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Der japanische Regisseur Sono Sion

Kein Film hat jedoch so polarisiert wie Strange Circus des Japaners Sono Sion. Dieser Film fordert Einiges von seinem Publikum. Sich abwechselnde Rot- und Weißtöne, das Largo von Johann Sebastian Bach sowie einige prägnante Dialogfetzen bilden das Grundgerüst dieses Films. Dazwischen treibt der Regisseur eine rätselhafte Geschichte mit ineinander verwobenen Handlungsebenen rund um das Rachedrama nach einem sexuellen Missbrauch.

Wer bereit ist, sich auf die Experimentierfreude des ostasiatischen Kinos und den Bruch mit den Sehgewohnheiten des Mainstream-Kinos einzulassen, sollte auf jeden Fall die Chance nutzen, sich ein eigenes Bild zu machen.


Weiterführende Links:

Internetseiten der Berlinale


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