Auge um Auge

09. Okt 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

hurra_wir_kap.jpgHenryk M. Broder vertritt in seinem polemischen Essay Hurra, wir kapitulieren die Position, dass man auf islamischen Terror nicht mit Angst und Appeasement-Politik reagieren darf, da beides ihn nur verstärkt. Doch wie geht man angemessen mit Terror um? Broder versucht sich an einer Antwort. Von Christian Noss

Um nicht missverstanden zu werden: Henryk M. Broders Buch ist keine philosophische Abhandlung, sondern eine politische Streitschrift gegen den Islamismus und den Umgang der westlichen Welt mit islamischem Terror in seinen unterschiedlichen Abstufungen. Es ist eine Mischung aus Ansammlung von Fakten, bösem Kommentar und Propaganda.

Die Stärke des Essays liegt in dem Zusammentragen von Informationen. Broder verknüpft in seinem Buch jüngere Ereignisse, die für ihn deutliche Anzeichen für einen sich ankündigenden Weltkrieg darstellen. Der Streit um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitschrift Jyllands Posten, die Gewalt an deutschen Hauptschulen, die Ausschreitungen Jugendlicher in Frankreich und die verbalen Attacken des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel zeigen seiner Meinung nach mehr als deutlich, dass die islamische Welt den Konflikt mit der westlichen Welt sucht und dass sie dabei ist, Grenzen auszutesten.

„Nur nicht provozieren, die Irren könnten böse werden.“

Zu den Höhepunkten des Bandes gehört es, wenn Broder pointiert die Reaktionen von Politikern und Medienprominenz auf die islamische Empörung aufzählt und kommentiert. Selbst auf die bösesten Entgleisungen Ahmadinedschads, die an menschenverachtender Eindeutigkeit nichts zu wünschen lassen, wird mit der besorgten Frage reagiert, was man denn falsch gemacht habe. Ursachenforschung lautet die Maxime. Entschuldigen ist angesagt.

Broder wehrt sich gegen diesen seiner Meinung nach voreiligen und völlig unangebrachten Entschuldigungsreflex. Er zeichnet ein Bild von der islamischen Welt, die nur darauf wartet, provoziert zu werden, um protestieren zu können. Er macht dabei deutlich, dass nicht der jeweilige Anlass das Entscheidende ist. Vielmehr handelt es sich um grundlegende Werteunterschiede, die ein friedliches Zusammenleben unmöglich machen.

Die lauter werdenden Forderungen der islamischen Welt nach der Übernahme ihrer Werte in der westlichen Welt vermutet Broder als das wahre Ziel ihrer Proteste. Es ist daher vergebene Liebesmüh, nach den gesellschaftlichen Ursachen der gewaltbereiten Jugendlichen in Frankreich und an deutschen Hauptschulen zu forschen. Der dahinter stehende religiöse Konflikt ist durch Entschuldigung nicht zu lösen, nur durch die Aufgabe seiner eigenen Werte.

Der Nazi-Vergleich oder die Unterschätzung des Offensichtlichen

Ein weiteres Indiz für den sich ankündigenden Kulturkrieg sieht Broder in der Entwicklung des Konfliktes um Israel. Die offenen Forderungen der islamischen Welt nach der Vernichtung des israelischen Staates beunruhigen ihn. Israels Entscheidung für den Krieg hält er für die richtige Reaktion auf den Terror. Keineswegs ironisch fragt er: Wie hoch muss der Ölpreis steigen, bis die Existenz Israels zur Disposition steht?

Die Frage, die dahinter steht, lautet: Glaubt jemand ernsthaft, dass sich die islamische Welt mit der Vernichtung des Staates Israels zufrieden stellt? Broder warnt vor der Unterschätzung der Forderungen von Ahmadinedschad oder vom palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Hanija, der eine neue Ära des Friedens ankündigt, der sich über die ganze Welt ausbreiteten wird. Dieses tendenziell Größenwahnsinnige sei schon einmal nicht ernst genommen worden.

Und nun zu den Schattenseiten von Broders Essay. Propaganda ist immer unschön. Leider neigt der Autor zu Verallgemeinerungen und Überzeichnungen, die das Buch stellenweise nur schwer erträglich machen. So wehrt er sich gegen die Unterscheidung von Islam und Islamismus, weil er für möglich hält, „dass der Islamismus den Islam nicht missbrauchen, sondern ihn wörtlich nehmen könnte“. So kommt es, dass Broder gern von der islamischen Welt spricht. Wiederholt stellt Broder die islamische Kultur Klischees bedienend und „natürlich in Abstufungen“ als minderwertig dar. „Wie könnt ihr es euch leisten, wochenlang zu toben und zu rasen? Habt ihr nichts Besseres zu tun? Müsst ihr nicht zwischendurch mal arbeiten?“

Gegen Ende zieht er gar eine Trendauswertung von Google über die Nutzung von Sexseiten im Internet heran, nach der sieben muslimische Staaten unter den Top-Ten-Nationen sind. Es gehe ihm darum, die Doppelmoral der unmodernen sexuellen Auffassungen der Muslime aufzuzeigen. An solchen Passagen ist zu erkennen, dass Broder in Feindbildern verharrt. „Die Friedensbewegung, deren Wortführer ihr Birchermüsli gerne in atomwaffenfreien Wohnküchen zu sich nahmen und Atomkraft – Nein Danke!’ – Sticker auf ihre Fahrräder klebten, demonstriert inzwischen für das Grundrecht des Iran, Uran anreichern zu dürfen.“ Broders Wettern gegen die Altlinken ist umso erstaunlicher, da er selbst in seiner guten Auswahl der Reaktionen auf den Konflikt deutlich gemacht hat, dass unqualifiziertes Geplapper in allen politischen Reihen zu finden ist.

Das Bedauerlichste an diesem Buch aber ist, dass es seiner interessantesten Frage nur halbherzig nachgeht. Broder sucht keine Antwort auf den richtigen Umgang mit dem Terror. Für ihn steht sie von der ersten Zeile an fest. Sie lautet: Stärke zeigen, und letztlich wohl auch Krieg. Darüber kann auch die originelle Titelidee nicht hinwegtäuschen, die einen dänischen Vorschlag aus den Zeiten des Kalten Kriegs aufgreift. Danach sollen die Armeen abgeschafft werden und stattdessen ein Anrufbeantworter besprochen werden mit den Worten: „Wir kapitulieren!“ Broder möchte das Gegenteil. Für ihn lauten die entscheidenden Fragen: Wie wichtig sind uns unsere Werte und welchen Preis sind wir bereit, für ihre Verteidigung zu zahlen? Noch sträubt sich Europa vor einer Antwort. Das ärgert Broder. Zu Recht.

Broder, Henryk M.: „Hurra, wir kapitulieren. Von der Lust am Einknicken“

WJS-Verlag, 1. Auflage, 2006, 167 Seiten

ISBN: 393798920X, 16 Euro



Die Bildrechte liegen beim WJS-Verlag.


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