Wirkungsmächtig

Cover_RohdeII.jpg„Politik ist ein ewiger Kampf um die Macht“, meint Hans Morgenthau. Trifft diese 1948 getätigte Aussage in der Welt des 21. Jahrhunderts noch zu? Rohdes Buch diskutiert Morgenthaus Thesen in Bezug auf aktuelle politische Entwicklungen. Von Rafael Pjotr Humpert

Hans J. Morgenthau (1904-1980), ein Deutscher jüdischer Herkunft aus Coburg, gehört zu den einflussreichsten Gelehrten aus der deutschen Emigration. Der von ihm entwickelte politikwissenschaftliche Ansatz des Klassischen Realismus gilt als der geistesgeschichtliche Ausgangspunkt für das systematische Studium der internationalen Politik überhaupt.

Diese Buch schließt eine Lücke

Um so verwunderlicher ist es, dass es außer der hervorragenden Biographie von Christoph Frei (1994) keine Monographie über diesen maßgeblichen Denker der internationalen Beziehungen im deutschsprachigen Raum gegeben hat. Christoph Rohde hat sich dieser Aufgabe mit Akribie angenommen.

Mit der Auswertung von Originalmanuskripten in der Library of Congress in Washington D. C. sowie der Befragung bedeutender Morgenthau-Kenner stellt Rohde eine umfassende und gut gegliederte Darstellung des „Klassischen Realismus“ vor.

Morgenthaus Denken

Auf eine gute Darstellung des Klassischen Realismus  kontrastiert Rohde den Realismus Morgenthaus, indem er die dessen Menschenbild prägenden geisteswissenschaftlichen Einflüsse und dessen Methodologie sorgfältig darstellt. Die große Bedeutung der Anthropologie für das Verständnis des Coburgers wird in dessen eigener Feststellung deutlich, dass „alle Erscheinungen, die wir politische nennen, […] zur Seele des Menschen als der Trägerin des Politischen hin(führen)“. Während Morgenthau selbst nur Reinhold Niebuhr explizit erwähnt, wurde er doch insbesondere von Friedrich Nietzsche stark beeinflusst.

Im Folgenden unternimmt Rohde eine tiefgehende Analyse der zentralen Ideen. So wird Morgenthaus Name eng mit dem Begriff der Macht verbunden. Dementsprechend versucht Rohde, die mehrdeutige Interpretation des Begriffs in seiner essenzialistischen und soziologischen, auf Arendt beruhenden Auslegung darzustellen. Der Machtbegriff wird mit dem Begriff des nationalen Interesses gekoppelt. Dabei ist Morgenthau von Friedrich Meinecke wie von Max Weber beeinflusst. Anschließend entwickelt Rohde Morgenthaus Konzept des Machtgleichgewichts vor dem Hintergrund des Klassischen Realismus. Dabei macht er ausgiebig von historischen Fallstudien Gebrauch.

Macht und Moral

Dem Realismus wird unterstellt, er sei eine machtapologetische Denkschule. Dies trifft jedoch nicht zu. Morgenthaus Hauptwerke, „Politics among Nations“ und „Scientific Man“, fielen in eine Zeit der scharfen Debatte über den Charakter internationaler Politik, die das bisher vorherrschende Bild des Wilsonschen Idealismus in Frage stellte. Wie Rohde herausarbeitet, wendet sich Morgenthaus harte Kritik gegen die politische Utopie mit dem praktischen Zweck, dem Staat erneut Handlungsfreiheit zu schaffen. Immerhin zwei Drittel von „Politics Among Nations“ widmen sich der Frage der Befriedung der Welt.

Zwar steht Morgenthau einer gesinnungsethischen Herangehensweise an die Weltpolitik skeptisch gegenüber, jedoch fordert er von Diplomaten eine empathische Anerkennung der vitalen Interessen anderer Nationen. Wie Rohde zeigt, sieht Morgenthau in der europäischen Integration eine weltpolitische Revolution, die er befürwortet. Interessant ist der aktuelle Bezug dieser Themen, den Rohde bei der Darstellung von Morgenthaus Kritik an der Tendenz der amerikanischen Politik zum Manichäismus beispielhaft herstellt.

Politische Fallstudien

Richtig Fleisch erhält die Analyse durch Fallstudien. Rohde legt hier einen Schwerpunkt auf Morgenthaus Kritik an der Ideologisierung von Außenpolitik. Morgenthau zeigte auf, wie die USA sich durch den Einfluss eines falschen globalistischen Denkens in politische Krisen involvierten, die nicht ihr vitales Eigeninteresse betrafen. So griff er 1956 die Dominotheorie an und wies auf die Heterogenität des Kommunismus hin. Die UdSSR sei nur an einzelnen geopolitischen Brennpunkten einzudämmen. Vehement setzte er sich gegen das amerikanische Vietnam-Abenteuer ein. Die Annäherung der USA und Chinas unter Nixon nahm Morgenthau intellektuell zwanzig Jahre vorweg.

Rohde führt den historisch-empirischen Bezug seiner Arbeit mit einer aufschlussreichen Darstellung von Morgenthaus Analyse zum Kalten Krieg weiter aus. So zeichnete Morgenthau das Ende der Sowjetunion vor. Rohdes Analyse von Morgenthaus Deutschland-Politik ist als Neuland zu betrachten.

US-Hegemonie ist Folge des Machtwillens

Morgenthaus Denken ähnelt dem George F. Kennans. Beide sprechen sich für eine gezügelte Interessenpolitik der USA in der Welt aus und kritisieren einen US-Exzeptionalismus. Der Realismus Morgenthaus ist eine Denkschule der Zurückhaltung. Doch der Mächtige würde seine Macht auch ausnutzen, das beweist Morgenthau an vielen historischen Beispielen. Rohde stellt jeweils umfassende Bezüge zur Politik der Gegenwart her.

Perspektiven des Realismus

Im letzten Teil seiner Arbeit stellt Rohde die Entwicklung des Realismus dar. Durch Anwendung des Morgenthauschen Denkens auf die aktuelle Politik zeigt er dessen bleibenden Wert auf. Christoph Rohde versucht in seinem Werk keine theoretische Weiterentwicklung der Theorie Morgenthaus, sondern beschränkt sich auf deren Darstellung und Anwendung. Doch darf man in Zukunft auf eine Erweiterung der neoklassischen Gegenwartstheorie durch den Autor gespannt sein.

Er widmet einen wesentlichen Teil seines Buches der Diskussion von Morgenthaus Theorie und seiner Einflüsse, wobei er einen breiten Querschnitt von Morgenthaus Schriften – veröffentlicht wie unveröffentlicht – heranzieht. Dabei werden eine große Anzahl unterschiedlicher Denkschulen detailreich in Bezug gesetzt. Sein Buch hat für Politologen, die sich ernsthaft mit Morgenthau beschäftigen, echten Mehrwert.

Allerdings hätte sich der Rezensent mehr pointierende Original-Zitate gewünscht. Diese zu finden, bleibt häufig dem Leser überlassen. Das erschwert die Zugänglichkeit nicht unerheblich. Auch Studenten der internationalen Beziehungen werden sich für dieses Buch interessieren. Die vielfältigen, inkorporierten Fallstudien bieten kurzweilige und fruchtbare Lektüre. Zuletzt kann der Band auch als Prüfungsvorbereitung zur Theorie des Realismus dienen.


Rohde, Christoph,Hans J. Morgenthau und der weltpolitische Realismus,(2005), Wiesbaden, VS-Verlag für Sozialwissenschaften,ISBN 3-531-14161-9, 387 S., 34,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag.

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