Was bestimmt Außenpolitik?

cover_masala.gifCarlo Masala hat ein wertvolles Büchlein über eine in Deutschland diskreditierte Theorie der internationalen Politik geschrieben – den Neorealismus von Kenneth Waltz. Was sind die Faktoren, die staatliches Handeln beeinflussen? Von Christoph Rohde

Ein Vierteljahrhundert nach dem Erscheinen von Kenneth Waltz“ bekannter Theory of International Politics hat Carlo Masala aktuell eine wichtige Einführung in das gesamte Denken des in der Disziplin hoch renommierten Theoretikers geschrieben.

Das kompakte Werk ist das Ergebnis eines Hauptseminars an der Universität Köln mit dem Titel „Der Neorealismus und seine Kritiker“. Es ist dem Kölner Politikwissenschaftler Werner Link gewidmet, der neben Masala selbst, Gottfried-Karl Kindermann und Alexander Siedschlag zu den wenigen Vertretern dieses Ansatzes in Deutschland gehört.

Denn im deutschen Forschungsfeld „Internationale Beziehungen“ (IB) dominiert das sprachanalytische Paradigma, das wenig Raum lässt für positivistische Analysemethodik, die Waltz in seinem Ansatz verwendet. Statt dessen wird der Rolle des sozialen Kontexts, in dem internationale Akteure agieren, breiterer Raum zugestanden als einer konventionellen Machtanalyse.

Darstellung der Grundtheorie

Masala zeigt, dass es sich bei Waltz` Theorie um eine Antwort auf die intellektuellen Schwächen des zu jener Zeit vorherrschenden Klassischen Realismus handelt. Dieser Ansatz wurde von Hans Morgenthau begründet und dient der Analyse der Außenpolitik verschiedener Nationen. Waltz hatte in seiner Dissertation von 1959 Morgenthaus Versuch, das Verhalten von Staaten aus der Natur des Menschen oder der internen Verfasstheit von Staaten heraus abzuleiten, kritisiert. Er weist in seiner systematischen neorealistischen Theorie darauf hin, dass das Verhalten von Staaten in der Weltpolitik auch aus der Struktur des internationalen Systems zu erklären sei. Diese Struktur ist Ergebnis der Interaktionen von Staaten unterschiedlicher Machtquanten im internationalen System.

Staaten, so Waltz, nehmen ihre Machtposition im internationalen System wahr und passen sich den vorherrschenden Machtverhältnissen an. Da sie in einer Welt ohne regulative Herrschaftsinstanz um ihre Sicherheit fürchten müssen, verbinden sich verschiedene Mächte in Allianzen gegen die stärkste Macht im System. Diese Mächtegleichgewichtspolitik von Staaten, von Waltz deduktiv-logisch ermittelt, beinhaltet eine nicht immer bewusst ausgeführte Verhaltensweise von Staaten. Permanent vorhandene Machtbalancierungsprozesse sind konstitutiv für die Struktur. Waltz“ Theorie ist von einer bemerkenswerten internen Konsequenz und theoretischen Eleganz. Dass sie nicht immer der politischen Wirklichkeit entspricht, entwertet die Theorie nicht.

Kritik an verkürzten Interpretationen

Masala möchte den oft missverstandenen Ansatz von Waltz rehabilitieren. Dies gelingt ihm in vorzüglicher Weise. Denn wie er zu Recht sagt, kann man dessen Theorie nur dann verstehen, wenn man Waltz“ Wissenschaftstheorie zu Grunde legt. Waltz geht es darum, dass eine Theorie nicht die komplexe Weltwirklichkeit abzubilden versteht, sondern nur einige wenige wichtige Dinge über die Welt erklären kann.

Die Kritiker an Waltz“ Theorie monieren jedoch die mangelnde Erklärungsreichweite der Theorie – eine unpassende Kritik. Denn Waltz selber weiß um die Komplexität der sozialen Welt, möchte aber lediglich auf die nach wie vor vorhandene Bedeutung des Faktors Macht in der Welt hinweisen.

Waltz beansprucht, die großen Züge des Großmachtverhaltens in der internationalen Politik analysieren und auf rudimentärem Niveau auch prognostizieren zu wollen. Es trifft seinen Ansatz deshalb besonders hart, dass er das Ende des Kalten Krieges in keiner Weise vorhersagen konnte. Doch das Ende des Kalten Krieges bedeutet deshalb nicht das Ende der strukturalistischen Theorie, da der Zusammenbruch der UdSSR  zu einem Wandel im System, nicht jedoch des Systems geführt hat.

Schlussteil für Fortgeschrittene

Masala beherrscht das Schrifttum von Waltz in souveräner Weise. Ihm ist es nicht nur gelungen, von dem Berkeley-Professor ein Nachwort zu erhalten. Auch John Mearsheimer, Begründer des „offensiven Realismus“ und eine Kapazität im Feld, hat ein Geleitwort beigetragen, in dem er betont, dass Waltz“ Theorie von bemerkenswertem Beharrungsvermögen ist.

Masala stellt im Schlussteil die neorealistische Theorie konkurrierenden Ansätzen gegenüber. Während der neoliberale Institutionalismus die Möglichkeiten internationaler Kooperation besonders im Bereich der Ökonomie betont, weist der Neorealismus auf die Probleme der Gewinnverteilung bei Kooperation und damit auf dessen Grenzen hin. Postmoderne Theorien versuchen die Bedeutung des Neorealismus dadurch zu untergraben, dass sie auf die abnehmende Bedeutung des Staates in der Weltpolitik hinweisen. Die Staatszentristik stellt eine maßgebliche Annahme des Waltzschen Strukturalismus dar. Die „Kritik an der Kritik“ ist profund und gut lesbar.

Für die aktuelle Debatte in den IB ist Waltz“ Aussage wichtig, dass die gegenwärtige unipolare Struktur des Systems dazu führt, dass die dominante Macht weniger Beschränkungen ausgesetzt ist. Unilaterale Handlungsstrategien sind die Folge dieses systemischen Zustandes. Bei aller Kritik an fehlendem militärischen Balancing gegen die USA kann jedoch die These vertreten werden, dass die militärischen Alleingänge der Vereinigten Staaten zumindest auf den politischen Widerstand der größeren Mächte Frankreich, Russland, Deutschland und China gestoßen sind.

Gute Aufteilung und Didaktik

Masala hat sein Buch nachvollziehbar in vier große Bereiche gegliedert. Der Leser kann bequem den Themenbereich auswählen, der ihn besonders an Waltz“ Gesamtkonzept interessiert. Nützlich für Studenten sind die Kontrollfragen, die jeden Unterabschnitt abschließen. Hilfreich ist das angenehme Pocketformat des Buches. Es bleibt zu wünschen, dass durch dieses Buch die Debatte um den Neorealismus auch in Deutschland neue Nahrung erhält.


Masala, Carlo,

Kenneth N. Waltz –

Einführung in sein Theorie und Auseinandersetzung mit seinen Kritikern,

Nomos Verlag. Baden-Baden (2005),

150 Seiten. 17,90 Euro, ISBN 3-8329-1066-2


Die Bildrechte liegen beim Verlag. Der Verlag im Internet.

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