Visionärer Künstler

Stanley Kubrick (1928-1999) gilt als einer der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte. Sein Nachlass ist der Öffentlichkeit nun erstmals in einer Ausstellung zugänglich. Vom 20. Januar bis zum 11. April 2005 ist das Gesamtwerk Kubricks auf rund 1.000 Quadratmetern im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Von Susanne Eschbach

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Stanley Kubrick
"Sein Gehirn funktionierte wie ein Schachcomputer; Stanley war zweifellos genial", beschreibt Sir Kenneth Adam seinen Freund Stanley Kubrick, mit dem er zusammen mehrere Filme produziert hatte. Einen guten Einblick in die Welt dieses Ausnahmekünstlers geben die Exponate der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Bei einem Rundgang stößt der Besucher auf einen riesigen Materialfundus zu seinen Projekten: Requisiten, Kameraequipment, Trickfilmtechnik sowie umfangreiche Arbeits- und Rechercheunterlagen. Extra für die Ausstellung angefertigt wurden Modelle aus seinen Filmen, begehbare Räume wie das Labyrinth aus Shining (1980) und eine Hörstation mit Kubricks Filmmusiken.

Die meisten Objekte der Ausstellung stammen aber aus dem persönlichen Arbeitsarchiv des Regisseurs, die anderen Exponate sind Leihgaben aus internationalen Museen und Privatsammlungen. Ein Archivar des Deutschen Filmmuseums erschloss im Jahr 2003 Kubricks Nachlass, der sich als einer der größten Privatbestände der Filmgeschichte erwies. Mit dieser Sichtung erfüllte sich ein letzter Wunsch des Regisseurs. "Mein Mann träumte immer davon, dass irgendwann seine vielen Sachen aufgeräumt würden", verrät Christiane Kubrick, die 42 Jahre lang mit Kubrick verheiratet war.

Auf der Suche nach Perfektion

Von den ersten Vorarbeiten für einen Film bis zum Director´s Cut vergingen bei Kubrick oft viele Jahre. Er recherchierte die Umsetzung seiner Filme bis ins Detail. Dies erklärt, warum Kubricks Werk insgesamt "nur" dreizehn Spielfilme umfasst. Vom ersten kurzen Dokumentarfilm Day of the Fight (1951) bis zum Spätwerk Eyes Wide Shut (1999) werden in der Ausstellung alle Filme vorgestellt.

Insgesamt 18.000 Dokumente habe Kubrick allein für seinen unveröffentlichten Napoleon-Film gesammelt, berichtet Hans-Bernhard Nordhoff, Dezernent für Kultur und Freizeit der Stadt Frankfurt am Main, wo die Ausstellung bereits Station gemacht hat. Die umfangreiche und akribische Arbeitsweise dieses Filmschaffenden lässt sich auch in der Ausstellung entdecken. So stehen in einem der Räume mit unzähligen Kisten gefüllte Regale, die Aufschriften zu verschiedenen Themenbereichen für den ebenfalls verworfenen Film Aryan Papers tragen.

Kubrick hat mit seinen Ideen die Möglichkeiten des Mediums Film erweitert. "Wenn es geschrieben oder gedacht werden kann, kann es auch gefilmt werden", lautete sein Motto. Diesem Prinzip folgend, entwickelte er mit seinem Team immer neue kamera- und tricktechnische Verfahren. Für seinen Historienfilm Barry Lyndon (1975) nutzte er beispielsweise eine Spezialoptik, um Innenaufnahmen bei Kerzenlicht filmen zu können.

Die politische Dimension in den Werken Kubricks

Kubrick arbeitete in allen Genres: Er drehte Komödien, Science Fiction und Horrorfilme. Werke über den Krieg bildeten einen besonderen Schwerpunkt seiner Arbeiten. Auch sein erster Spielfilm Fear and Desire (1953), dessen Handlung auf einem fiktiven Krieg basiert, war ein Kriegsfilm. In drei weiteren Filmen, Paths of Glory (1957), Dr.Strangelove or: How I learned to stop worrying and love the bomb (1964) und Full Metal Jacket (1987), setzte sich der zeitkritische Regisseur mit diesem Thema auseinander.

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Kirk Douglas in Path of Glory
Paths of Glory mit Kirk Douglas in der Hauptrolle gilt als sein frühes Meisterwerk und als einer der besten Antikriegsfilme überhaupt. Der Film spielt im Ersten Weltkrieg und offenbart schonungslos das Grauen des Krieges und die Ruhmsucht des Militärs. Die Aufführung des Films wurde in der Schweiz und Israel offiziell verboten; in Frankreich wagte sich bis 1975 kein Verleih, den Film zu zeigen.

Die reale Atomkriegsangst griff Kubrick mit der Kriegssatire Dr. Strangelove auf, in welcher der Wahnwitz des nuklearen Wettrüstens zwischen den Supermächten UDSSR und USA dargestellt wird. Mit diesem Film etablierte sich Kubrick endgültig als einer der eigenwilligsten Erfolgsregisseure des internationalen Kinos. Einer der Hauptschauplätze dieser Kriegssatire, der War Room des Pentagon, ist in der Ausstellung als Modell detailgetreu nachgebaut.

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Filmszene aus Full Metal Jacket
Mit Full Metal Jacket, in dem er den Vietnamkrieg thematisierte, gelang Kubrick ein weiterer Meilenstein im Genre des Antikriegfilms. Er zeigt die Soldaten in diesem Film nicht nur als Opfer wie in Paths of Glory, sondern auch als Täter. Full Metal Jacket wird deshalb als Kubricks gnadenlosester Kriegsfilm bezeichnet.

Kubrick auf der Berlinale

Kubrick habe den Spagat geschafft zwischen elitären Ansprüchen und Publikumswirksamkeit, urteilt Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. Und auch die vom 10. bis 20. Februar 2005 stattfindenden 55. Internationalen Filmfestspiele in Berlin räumen Kubricks Filmen ein besonderen Platz ein: Seine Werke laufen dort in der Retrospektive "Schauplätze – Drehorte – Spielräume" zum Thema Production Design. Kooperationspartner ist das Filmmuseum Berlin – Deutsche Kinemathek.

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Ausstellungsort: Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstr. 7, 10963 Berlin

Ausstellungsdauer: 20. Januar bis 11. April 2005

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 20 Uhr, außer dienstags (geschlossen)

Die Bildrechte liegen beim Kinokunstmuseum, Bern

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