Türkisches Schicksal

Clouds.jpgIm türkischen Hochland muss sich eine einsame alte Frau mit ihrer wahren Identität auseinandersetzen. Die Regisseurin Yesim Ustaoglu wollte mit Waiting for the clouds einen politischen Film mit einem persönlichen Schicksal nach realem Vorbild verknüpfen. Dabei verzettelte sie sich vor lauter Themen und Ambitionen. Von Barbara Stößel

Der Nord-Osten der Türkei Mitte der 70er Jahre: Die 60jährige Ayshe lebt mit ihrer kranken Schwester in einem kleinen Fischerdorf. Als diese stirbt, zieht sich Ayshe völlig von den restlichen Dorfbewohnern zurück. Nur der kleine Junge Mehmet dringt noch zu ihr durch, doch auch er weiß nicht, was Ayshe plötzlich so bedrückt.

Die Frage nach der wahren Identität

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Ayshe sucht nach Identität

Seit über 50 Jahren hütet diese ein Geheimnis: Nach dem Tod ihrer Schwester ist Ayshe wieder alleine mit sich und alte, lange unterdrückte Gedanken und Gefühle brechen wieder auf. Ihr Leben lang musste sie ihre wahre Identität verleugnen. Ayshe wurde vor über 50 Jahren adoptiert. Ihr wahrer Name ist Eleni und sie ist die Tochter orthodoxer pontischer und in der Türkei lebender Griechen. Im Zuge der Verfolgung wurden sie aus der Türkei vertrieben. Fast die ganze Familie kam damals ums Leben –  nur Ayshe und ihr kleiner Bruder nicht. Nachdem  Ayshe ihn auf der Flucht im Stich lassen musste, haben sich ihre Wege getrennt. Er wurde nach Griechenland deportiert, Ayshe lebte in Sicherheit bei einer Adoptivfamilie. Seither verfolgt sie ein Gefühl der Schuld.

Die Ankunft des Griechen Tanasis in ihrer einsamen Berghütte reißt Ayshe aus ihrer Lethargie. Er hat ein ähnliches Schicksal durchgemacht und Ayshe macht sich nun doch auf die Reise nach Griechenland um ihren verlorenen Bruder zu suchen.

Dokumentarische Erzählweise

Die türkische Regisseurin Yesim Ustaoglu wollte einen Teil kaum beachteter Geschichte ihrer Heimat erzählen. Sie geht dabei sehr ruhig und genau vor, zeigt dem Zuschauer in langen, malerischen Einstellungen die Landschaft des türkischen Hochlands und ruht oft auf Ayshes zerfurchtem Gesicht. Ihre Lebenswelt wird beherrscht von alles durchdringender Feuchte, trüber Dunkelheit und einer kalten Ungemütlichkeit; über den Tälern hängen schwere Nebelschwaden. Als mittendrin eine traditionelle Hochzeit gefeiert wird, wird der Film endgültig zum Dokumentarfilm.

Dem Zuschauer wird dabei einiges an Konzentration und Ausdauer abverlangt. Vor allem, wer den politischen Hintergrund nicht kennt, wird Schwierigkeiten haben, die gezeigten Bilder in einen Kontext einzuordnen und sich lange fragen, was eigentlich erzählt werden soll.

Der emotionale Konflikt

Die Einsamkeit und die Verlorenheit in der eigenen Identität, die Ayshe schon seit 50 Jahren nur mit sich selbst ausmachen muss, erreichen den Zuschauer leider erst nach beinahe einer Stunde. Dann erst nimmt das Geschehen Fahrt auf: Ayshes Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, die Selbstgeißelung wegen einer eventuellen Schuld und schließlich die Suche nach dem verlorenen Bruder. Dieser Konflikt der Emotionen, der auch Ayshes Bruder mit sich kämpfen lässt, ist von Ustaoglu sehr präzise gearbeitet und schenkt die stärksten Szenen des Films.

Überambitionierter Patchwork-Film

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Yesim Ustaoglu
Yesim Ustaoglu, für ihren letzten Film Reise zur Sonne noch mit dem Friedenspreis und dem Preis für den besten europäischen Film bei den Berliner Filmfestspielen ausgezeichnet, hat sich bei Waiting for the Clouds sehr viel vorgenommen: sie will auf die Schwierigkeiten der pontischen Griechen in der Türkei, die Idee einer Nation und die Frage nach der eigenen Identität und der Integration fremder Ethnien hinweisen, verbunden mit der sehr persönlichen Geschichte eines Geschwisterpaares und das alles vor dem multikulturellen Hintergrund der Türkei und der Kulisse des türkischen Hochlands. Herausgekommen ist dabei leider nur ein Patchwork-Film, der dem Zuschauer vor lauter angerissenen Themen den Blick für das Wesentliche verstellt.


Waiting for the clouds (Frankreich/Deutschland/Griechenland/Türkei 2004)
Kinostart: 8. Dezember
Regie: Yesim Ustaoglu
Nach einer Idee von: George Andreadis „Tamama“
Mit: Rü

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