Terroristische Überfrachtung

Raf.JPGZwei Feuilleton-Redakteure der Süddeutschen Zeitung befanden in ihrer Rezension einer MTV-Show einst, dass „auch im Feuilleton die Wahrheit unplugged“ stehen dürfe. Die Show sei „erbärmlicher Dreck“ gewesen, zu viel Tamtam um nichts. Die RAF-Ausstellung in den Kunstwerken (KW) Berlin ist zwar kein erbärmlicher Dreck, aber ein Kunstwerk ist den Kuratoren damit wahrlich nicht gelungen. Der intellektuelle Aufregungsmarathon im Vorfeld weckte Erwartungen, die nicht erfüllt werden konnten. Von Dominik Schottner

Wie schön, denkt man nach einer Stunde in der RAF-Ausstellung, wie schön wäre jetzt eine Tasse Kaffee, ein Schluck Luft oder ein Schokoladenriegel! Doch nichts dergleichen kreuzt den Weg. Stattdessen: Gähnende, Augen reibende, auffallend junge Ausstellungs-Besucher auf der Suche nach der RAF, wie Medien und Künstler sie sehen und sahen. Denn das ist Ziel der Ausstellung: „Die Reflexionen zur Roten Armee Fraktion (RAF) in den Medien einerseits und den künstlerischen Positionen, die sich direkt oder indirekt mit der Geschichte der RAF auseinandersetzen andererseits, zu recherchieren und erstmalig gemeinsam zu präsentieren.“ Die Rechercheleistung der Kuratoren – allein die Sichtung der ausgewählten Medien FAZ, SZ, BILD, SPIEGEL, STERN, ARD und ZDF muss Monate gedauert haben – ist in der Tat applausabel, zeugt sie doch von einer Zielstrebigkeit und Ausdauer, die gerade jungen Journalisten gerne abgesprochen wird. Doch während die auf wenig Raum viel erzählen sollen, verirren sich die Ausstellungsmacher Klaus Biesenbach, Ellen Blumenstein und Felix Ensslin im weiten Geläuf der KW.

Ermüdende Bleiwüste

Richter_Atlas.jpgEmpfängt der erste Raum der Ausstellung den Besucher noch mit einer übersichtlichen Bibliothek wissenschaftlicher Betrachtungen zum Phänomen RAF, so bleiben die eingangs postierten Fernseher mit angeschlossenen Telefonhörern, wie sie in Kinderecken von Kreditinstituten stehen, schon unbeachtet liegen. Der darauf folgende, große Ausstellungsraum gleicht einer Bleiwüste. In deren Mitte: ein weißer Klotz. Wie eine Wagenburg zieht sich die Masse der bleiernen Presseberichte über 29 wichtige Daten der RAF-Geschichte um diesen weißen Klotz. In dessen Inneren sind die Fotos von Opfern aus der Hochzeit der RAF ausgestellt. Der Kern des Übels im Zentrum der medialen Schlacht: Plumper hätten die Kuratoren die Besucher kaum ermüden können. Schon nach wenigen, mehr geschlurften denn gesprungenen Ausstellungsmetern deutet sich an, woran die Ausstellung im Allgemeinen krankt: Überfrachtung. Die schwerverdauliche Masse an Zeitungsberichten, Fotos, Fernsehschnipseln, Büchern und anderen Exponaten überfordert Augen und Gehirne der Besucher. Das künstliche Licht und die vergleichsweise hohen Temperaturen tun ihr Übriges dazu.

Orientierung durch Grüßgottaugusts

Man fragt sich außerdem: Wo ist hier die im Vorfeld arg gescholtene, weil sich mit der RAF befassende Kunst? Wo sind die Geröllsteine des Anstoßes? Fast ist man schon wieder an der Garderobe und somit am Ausgang angelangt, da springt einem ein kleines, weißes DIN-A 4- Blatt ins Auge, das dezent auf die Fortsetzung der Ausstellung in den Obergeschossen hinweist. Aha! Kunst, endlich! Gewiss, man hätte dies geschickter, auffälliger lösen können. Doch vielleicht beschlich die Kuratoren ja die Hoffnung, dass BILDSPIEGELFAZSZ die weniger kunstinteressierten Besucher so ermüden würden, dass sie ohnehin schnell wieder nach Hause gingen? Falsch gedacht. Scheinbar aufs Neue motiviert stapfen erstaunlich viele die Treppen nach oben. Freundliche, junge Menschen in KW-T-Shirts mimen die Grüßgottaugusts an jedem Etageneingang. Doch gegen das nervige Quietschen der Eingangstüren können auch sie nichts anrichten. Vielleicht ist es auch Teil der Inszenierung? Man weiß es nicht.

Beuys und die RAF auf der Dokumenta

Immendorf_Parlament.jpgNamhafte Künstler wussten mit der RAF eine Menge anzufangen, wenigstens aber haben sie sich von dem Phänomen inspirieren lassen. Joseph Beuys, Jörg Immendorf (Bild links) oder Gerhard Richter sind nur drei der „mehr als 50 internationalen Künstler aus drei Generationen“, die „mehr als 100 Arbeiten“ zu der Ausstellung beigesteuert haben, wie der spartanische Internetwerbetext verkündet. Doch auch in den drei Obergeschossen zeigt sich das Hauptproblem der Ausstellung wieder: Zu viele Filme, Bilder, Collagen, Installationen ermüden den Geist. Selbstredend, dass der Wert der Exponate im Rausch der sich breitmachenden Erschöpfung nicht ausreichend zur Geltung kommt. Dabei hätten es einige durchaus verdient, mehr als nur gestreift zu werden. Erin Cosgroves verfilmter Roman „Die Baader-Meinhof-Affäre“ etwa, in dessen Mittelpunkt eine Liebesgeschichte zwischen Terrorist und Terrorista steht. Oder besagte Installation von Joseph Beuys, die auf zwei Schildern dem „Dürer“ klarmacht, dass er, Beuys, „Baader+Meinhof durch die Dokumenta“ führen werde, „persönlich“ sogar. Oder oder oder

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