Politik als Beruf

Dass Politikstudenten in den allermeisten Fällen später nicht als Politiker arbeiten, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Womit man seine Brötchen sonst noch verdienen kann,  darüber berichteten am 8. Dezember vier Absolventen der Universität Leipzig bei der Veranstaltung „Politik als Beruf“. Ob sie „trotz“ oder „wegen“ ihres Politikstudiums eingestellt wurden und wie viele arbeitslose Politologen zurzeit auf Jobs warten. Von Nadine Lindner

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Namenspate: Max Weber und sein „Politik als Beruf“

„Für diese prekäre Jobsituation braucht man ein ganz schön gutes Nervenkostüm“, beschreibt Maren Lange, ehemalige Politik-Studentin in Leipzig, die Zeit nach ihrem Abschluss. Jetzt hat sie einen Job. Einen Job, der ihr gut gefällt, dennoch hangelt sie sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag. Maren Lange ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im GRÜNEN-Europabüro für Sachsen-Anhalt. Für den Moment sei ihre Lage ausgezeichnet, interessante Aufgaben bei guter Bezahlung. Aber es ist nur der Moment, der gut ist. „Wenn ich darüber nachdenke, was ich in fünf Jahren mache, dann weiß ich nur, dass ich bestimmt nicht mehr meinen jetzigen Job habe. Aber was ich dann mache, und wo, da hab ich keine Ahnung. Wäre ich Lehrerin geworden – platt gesagt – dann hätte ich diese Sorgen nicht.“

Politik als Beruf – aber nur mit Honorarvertrag

Diese Erfahrung können auch Andreas Lange, Oliver Pape und Klaus Wurpts bestätigen. Auch sie haben wie Maren Lange in Leipzig Politik studiert und arbeiten jetzt in Bereichen, die für Politologen einigermaßen typisch sind: als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt Universität Berlin, bei der SPD Fraktion im sächsischen Landtag oder im Regionenmarketing. Der Einstieg in den Job lief auch bei ihnen über befristete Stellen. Manche von ihnen haben auch schon den ersten Wechsel hinter sich. Ihre Erfahrungen sind durchaus typisch für die Situation von Studienabgängern im Fach Politik. Unbefristete Festanstellungen sind eine Seltenheit – Jobwechsel in den ersten Jahren sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. So stellt es die Bundesagentur für Arbeit in einer Studie dar.

Kurze Verträge, häufige Jobwechsel, das ist die oft geforderte Flexibilität, die vor allem arbeitsuchende Politologen an den Tag legen müssen. Denn sie sind Generalisten, das Beschäftigungsfeld ist weit, dennoch gibt es kaum Ausschreibungen, in denen explizit Politologen gesucht werden. Auf der Internetseite der Arbeitsagentur sind es zurzeit exakt drei – bundesweit.

„Vitamin B ist essentiell, aber Netzwerk klingt schöner“, fasst Andreas Lange die Voraussetzungen für den Einstieg zusammen. Ohne Praktika, ohne Aktivitäten neben der Uni ginge nichts.  Wer viele Leute kenne, habe größere Chancen „zufällig“ seinen Job zu finden. Aber auch die Grenzen des Prinzips Glück sind abzusehen, so Maren Lange: „Der Zufall heutzutage ist ganz schön anstrengend.“

Der Politologe: Gute Qualifikation trifft schwaches Selbstbewusstsein

Warum sollte also jemand – mal abgesehen von persönlicher Bekanntschaft – einen Politologen einstellen wollen? Das Gute an Politologen ist, dass sie Generalisten sind und sich mit Strukturen auskennen. Das macht sie vor allem für solche Positionen interessant, in denen es darum geht, neue Sachverhalte schnell zu erfassen und präsentabel aufzuarbeiten, wie zum Beispiel in Medienberufen, als Referenten bei Parteien und Verbänden, sagt die Arbeitsagentur.

Das Schlechte an Politologen ist, dass sie oft gar nicht wissen, was sie für gute Qualifikationen haben. Ihnen mangelt es schlicht und ergreifend an Selbstbewusstsein, sie könnten sich einfach nicht verkaufen, sagt Klaus Wurpts, Politologe, der jetzt im Regionenmarketing arbeitet. Er setzt statt Bescheidenheit auf konsequente Selbstvermarktung: „Jedes Individuum ist eine Marke.“

Dabei können die, die einen Abschluss in Politikwissenschaft haben, schon ein kleines Stückchen stolz auf sich sein, denn sie verfügen zumindest über ein gewisses Maß an Zähigkeit: Nur 25 Prozent der Studienanfänger schließen ihr Studium in Politikwissenschaft ab. Das sind pro Jahr etwa 1.900 Absolventen, wobei sich Frauen und Männer brav auf jeweils 50 Prozent verteilen. Etwa ebenso viele Politologen sind arbeitslos. Für das Jahr 2004 meldet die Arbeitsagentur 1890 Politologen auf Jobsuche, 2,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Die überwältigende Mehrheit von ihnen spricht mehrere Sprachen, hat bereits im Ausland studiert oder gearbeitet und kann journalistische oder Erfahrungen in der Projektarbeit vorweisen. Ein Drittel aller arbeitslosen Politologen ist unter 35. Damit sind Politologen laut Arbeitsagentur nicht überdurchschnittlich von Akademiker-Arbeitslosigkeit betroffen, für die Soziologen gelten ähnliche Werte. Auch die Karriere als Berufspolitiker scheint für Politikwissenschaftler nicht viel versprechend zu sein: im letzten Bundestag waren von 601 Abgeordneten nur 37 Politologen.

Aktives Studium bringt Wissen für den Job

In zwei Sachen sind sich jedoch alle Leipziger Absolventen einig. Erstens: Sie würden alle noch mal Politik studieren. „Jetzt sehe ich den Outcome meines Studiums, ich kann mein Wissen im Job anwenden und das ist gut“, sagt Oliver Pape, Diplom-Politologe, der jetzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der sächsischen SPD-Fraktion im Landtag arbeitet. Und zweitens: „Wer gut ist, kriegt auch einen Job.“ Wobei mit „gut“ nicht zwingend gute Noten gemeint sein müssen. Laut Oliver Pape geht es viel mehr darum „aktiv“ zu studieren, sich mit den Inhalten auseinander zu setzen und eigene Gedanken zu machen. Ein Praktikum oder zusätzliches Engagement schade natürlich auch nichts.

Die 25.000 Politikstudenten im Hauptfach an deutschen Unis können also verhalten optimistisch in die Zukunft blicken. Die Zeiten für sie waren schon mal härter. 1968 zum Beispiel. Damals sagte Helmut Schmidt – selbst ein gelernter Volkswirt– über sie: „Wir haben zu viele Politologen und Soziologen. Wir brauchen mehr Studenten, die sich für anständige Berufe entscheiden, die der Gesellschaft auch nützen.“ Also, liebe Politologen, an die Schreibtische und macht euch nützlich!


Das Bild von Max Weber ist Public Domain.

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