Moralische Täter?

Cover_Welzer1.jpgWie sind „normale Menschen“, gutmütige Familienväter, treue Freunde, zuverlässige Kollegen – kurzum: harmlose Durchschnittsbürger imstande massenhaft andere Menschen zu töten? Dieser Frage ist Harald Welzer in seinem neuen Buch Täter nachgegangen und hat dabei beunruhigende und verstörende Antworten über Tötungsbereitschaft und das Töten als „Arbeitsalltag“ zutage gefördert. Von Norman Gutschow

Welzers Hauptaugenmerk liegt auf den Tätern des Holocaust, aber auch der Völkermord in Ruanda und Jugoslawien sowie Massaker in Vietnam werden behandelt. Der Autor versucht dabei zu ergründen, wie die Täter ihre Taten vor sich selbst rechtfertigen und sich weiterhin als moralische Menschen betrachten konnten, die sich keiner Schuld bewusst sind und nicht nachvollziehen können, warum die Nachwelt sie als Unmenschen betrachtet.

„Ich habe doch nur Kinder erschossen“

Der Autor ist Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke und Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. Er hat sich bereits als Herausgeber des Buches Opa war kein Nazi  mit Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis beschäftigt.

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Harald Welzer
In seinem neuen Buch Täter – Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden untersucht er die Taten in ihrem jeweiligen sozialen und situativen Rahmen und zeigt, wie das Töten bereits innerhalb weniger Wochen zu einer Arbeit werden konnte, die mit dem gleichen Elan, der gleichen Pflichterfüllung und Disziplin erledigt wurde, wie jede andere auch.

Besonders erschreckend sind dabei Zeugnisse von Tätern, wie jenem Einsatzgruppen-Mitglied, der sich damit verteidigt, er habe doch nur Kinder erschossen. Diese unfassbare Aussage, empfand der Betreffende als Zeichen seines moralischen Handeln, weil sein Kamerad zuvor die Mütter erschossen hatte und er sich so sagen konnte, dass der Tod für die Kinder eine Erlösung unter den gegebenen Bedingungen sei – so ähnlich als erhielte ein Pferd den Gnadenschuss. Das Buch ist voll von solchen Beispielen, die zeigen, dass sich die Täter als moralisch rechtmäßig Handelnde empfanden und auch im Nachhinein nichts Schlechtes in ihren Taten erkennen können. Rechtfertigungen wie diese sind laut Welzer nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

„Nationalsozialistische Moral“

Die Täter konstruieren sich eine eigene Moral, in der sie Gräuel die sie begehen als notwendiges Übel betrachten können, welches einem höheren Zweck dient. Der Autor spricht hier denn auch von der „Nationalsozialistischen Moral“, die sich binnen kürzester Zeit nach Hitlers Machtantritt in Deutschland breit machte. Es sei weiterhin unmoralisch gewesen jemand anderen zu verleumden, ihn um sein Hab und Gut zu bringen oder Gewalt gegen ihn anzuwenden. Die moralischen Vorstellungen der Gesellschaft blieben scheinbar intakt.

Dies galt aber nur für „arische“ Deutsche. Wer als Jude, Zigeuner oder Homosexueller nicht teil der „Volksgemeinschaft“ war, gehörte auch nicht in das moralische Gefüge, sondern stand außerhalb, weshalb jedwedes Verhalten gegenüber diesen Minderheiten erlaubt war. Darüber hinaus wurde es, so Welzer, weiter als richtig angesehen, dass die Juden schuld am deutschen Unglück seien und ihre Ausgrenzung, Vertreibung, gar Ausrottung eine „Aufgabe“ sei, die für das Wohl künftiger Generationen erforderlich wäre.

Mord als Beruf

Damit versucht er nachzuweisen, dass jede Gesellschaft binnen kürzester Zeit zum Massenmord fähig sein kann, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Als Beispiel führt der Autor die rasanten Ethnisierungsprozesse im ehemaligen Jugoslawien an, die binnen weniger Monate zu Massakern an Nicht-Serben führten, ebenso wie den Genozid der Hutu an den Tutsi, der innerhalb kürzester Zeit durchgeführt wurde.

Bei allen Fällen von Massenmord ist allerdings immer der situative Rahmen Krieg zu beachten. Welzer mag mit seinen Ausgrenzungs- und Ethnisierungsprozessen, welche die allgemeine Moral nur noch für eine wie auch immer definierte Mehrheitsgesellschaft gelten lassen und Minderheiten aus diesem Kontext ausschließen, durchaus Recht haben, aber das tatsächliche Massenmorden bedarf, so scheint es auch im Buch durch, doch des Krieges.

Der Holocaust beginnt erst im Zweiten Weltkrieg, das Massaker von My Lai ist ohne den Vietnamkrieg nicht denkbar, die Völkermorde in Ruanda und Jugoslawien geschehen im Verlauf von Bürgerkriegen. Die Veränderung der moralischen Koordinaten weist Harald Welzer sehr gut nach, die Zwangsläufigkeit von Massenmorden kann er allerdings nicht schlüssig begründen.

Die wirkliche Stärke und der Verdienst dieses Buches ist es, zu zeigen, wie ganz normale Männer die „Aufgabe Massenmord“ annehmen und durchführen, wie jede andere Arbeit auch. Welzer zeigt die Stufen von der Initiation in das Töten, der physische und psychische Stress, die Suche nach „flexibleren Lösungen“, der Wunsch die gestellte Aufgabe zu erfüllen und effizienter zu gestalten, nicht aus Habgier, Begeisterung oder Sadismus, sondern Morden als Beruf.

Die Täter hatten und haben moralische Vorstellungen, wie die Mehrheitsgesellschaft, sie töteten nicht aus Lust, sondern im Bewusstsein eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, die von ihrer sozialen Umwelt als notwendig empfunden wurde. Harald Welzer scheint tragischerweise damit Recht zu haben, dass eine Koordinatenverschiebung im moralischen Gefüge ausreicht, um Menschen die „Chance auf Unmenschlichkeit“ (Günter Anders) zu geben und verantwortungslos Teil eines mörderischen Prozesses zu werden.

Welzer, Harald: Täter – Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden
Frankfurt/M. (2005), S. Fischer Verlag,323 Seiten
ISBN 3 – 10 – 089431 – 6, 19,90 Euro

Die Bildrechte liegen beim S. Fischer Verlag.

2 Kommentare auf “Moralische Täter?

  1. Der moralische Täter sind die meisten Menschen unseres Landes. Wir sind äußerlich tierlieb, hilfsbereit, aufmerksam und ehrlich! Aber was ist mit der moralischen Mitverantwortlichkeit gegenüber Behinderten und Kranken? Wie Tolerant sind wir den wirklich? Oder ist dies nur eine Scheinmoral bei der wir nach außen so sozial wirken aber im Körper der Satan persönlich sind.

    Es fängt bei ganz harmlosen Dingen des Lebens an bei der wir schon moralische Straftäter werden. Nehmen wir an ein Behinderter wird über Jahre diskriminiert. Niemand schreitet in öffentlichen Gebäuden und oder Straßen ein. Und schon sind wir ein nach meinem Verständnis Moralischer Straftäter.

    Das gleiche Prinzip gilt bei Unterlassene Hilfeleistung, Verschweigen von Sexualstraftaten und und und…

    Viel Spaß du feiges Moralschwein 😀

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