Geteiltes Land

Die aktuellen Entwicklungen in Korea geben neuen Anlass zur Sorge. Wer die Probleme verstehen will, muss Koreas Geschichte kennen. Gottfried-Karl Kindermanns neues Buch eignet sich dafür hervorragend. Von Christoph Rohde

Cover-Kindermann.gifKorea war Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Gottfried-Karl Kindermann stellte dort sein neues Buch Der Aufstieg Koreas in der Weltpolitik – von der Landesöffnung bis zur Gegenwart einem internationalen Publikum vor. Er gilt seit Jahrzehnten als ausgewiesener Kenner Koreas, der alle maßgeblichen Größen der südkoreanischen Politik persönlich kennen lernen durfte. Diese engen Kontakte führen zu einem spannend geschriebenen Buch, das die bis in die Gegenwart feststellbare tragische Rolle Koreas in der Weltpolitik in seinen Entwicklungszügen darlegt. Nobelpreisträger Kim Dae Jung, der krankheitsbedingt seinen Besuch auf der Buchmesse absagen musste, widmet Kindermanns Werk ein Vorwort.

Profunde historische Einleitung

Kindermann zeichnet die Entstehungsgeschichte Koreas, das seinen Namen der ein knappes halbes Jahrhundert bestehenden Korya-Dynastie verdankt, nach. Korea wurde bereits zu Ende des 16. Jahrhunderts zum Invasionsopfer von Japanern und Mandschus. Die Industrialisierung und damit verbundene Kolonialisierung Asiens durch die großen europäischen Mächte hatte für Korea weitere tragische Konsequenzen. Die Japaner erzwangen die gewaltsame Öffnung Koreas. Das Land wurde im Zuge des japanischen Imperialismus zu einem Quasi-Protektorat herunter gestuft. England, in einem weltpolitischen Strukturkonflikt mit Russland stehend, nutzte Japans Vorherrschaft in Korea zur geopolitischen Eindämmung Russlands in Asien.

Die Entstehung zweier Staaten – Fehlurteile großer Mächte

Wie Kindermann detailliert ausführt, änderte sich mit dem Eintritt der UdSSR in den Krieg der Alliierten gegen Japan auch die Landkarte Ostasiens. Korea wurde von den Siegermächten in einen Nord- und einen Südteil aufgeteilt. Die USA konzentrierten sich unter Außenminister Dean Acheson ab 1949 auf die Verteidigung einer dem asiatischen Kontinent vorgelagerten Inselkette. Sie zogen entgegen den Warnungen führender südkoreanischer Politiker ihre Truppen aus diesem Teil Koreas ab, während sich im Norden schwer bewaffnete kommunistische Einheiten befanden. Diese Machtasymmetrie führte 1950 zum Koreakrieg, dessen Entwicklung ein bis in die Gegenwart andauerndes militärisches Patt zwischen Nord- und Südkorea am 38. Breitengrad und die Festschreibung zweier unterschiedlicher Staatssysteme ergab.

Nordkoreas Militärstaat unter Kim Jong Il

Unter Kim Il Sung  wurde Nordkorea zu einer der schrecklichsten Diktaturen der Welt. Das Land, das im Kalten Krieg geschickt zwischen der UdSSR und China lavierte und seine Interessen durchsetzen konnte, war ideologisch eigenständig, da Kim Il Sung mit der Dschutsche-Ideologie  eine eigene Form des Kommunismus etabliert hatte. Kindermann, selber Experte für die Analyse geteilter Länder, verdeutlicht, welch gravierende Folgen der Zusammenbruch des weltweiten Kommunismus für Nordkorea hatte. Der Staat verlor fast seine gesamte außenpolitische Unterstützung. Das von Importen abhängige Land wurde von Hungersnöten und massiver Energieknappheit heimgesucht. Hungersnöte töteten in den neunziger Jahren mehrere Millionen Menschen.

Das politische System Nordkoreas entspricht der typischen Dreigliederung marxistisch-leninistischer Staaten mit der alles beherrschenden Partei an der Spitze, gefolgt vom Militär und dem zum Umsetzer des Parteiwillens degradierten Staatsapparat. Die Partei hat eine von der Willkür des Führers abhängige, rein instrumentelle Funktion, was sich in der unregelmäßigen Abhaltung von Parteitagen manifestiert. Meinungsfreiheit gibt es in keiner Form.

Eine Lektion, so zeigt Kindermann, zog Kim Jong Il aus dem Schicksal anderer kommunistischer Länder: die Öffnung des Landes hin zu Pluralismus und Marktwirtschaft würde das kommunistische Land zerstören. So bleibt bis in die Gegenwart der Personenkult das Legitimationszentrum des Militärstaates. In krassester Form muss die Bevölkerung dem Staatsgründer Kim Il Sung huldigen. In einem Land, wo die Bevölkerung vielerorts ohne Elektrizität auskommen muss, werden Denkmäler Kims angestrahlt. Die letzte Bastion des Stalinismus ist informationstechnisch völlig von der Außenwelt abgeschottet.

Massive Menschenrechtsverstöße

Der neue Jahresbericht von Amnesty International zeichnet ein trostloses Bild : Menschen werden überwacht. Flüchtlinge, die zuhauf nach China fliehen, wissen, dass ihre Verwandten für ihre Flucht büßen müssen. Tausende von Regimegegnern befinden sich in Konzentrationslagern oder werden in medizinischen Tests missbraucht.

Das Gros der Ressourcen des Landes fließt ins Militär, das logistisch für Blitzkriegeinsätze gegen Südkorea vorbereitet ist. Beobachter sprechen vom „Kasernenstaat“ Nordkorea.

Ganz andere Verhältnisse herrschen im Süden. Das Land kann auf eine der bestausgebildetsten Bevölkerungen weltweit zurückgreifen. Es ist wirtschaftlich konsolidiert. Die junge Demokratie steht auf soliden Pfeilern. Kindermann zeigt, dass der Weg Südkoreas zu einer modernen Zivilgesellschaft unter großen Schwierigkeiten erkämpft werden musste.

Die Hoffnung der Sonnenscheinpolitik

Wie der aus Wien stammende Politikwissenschaftler verdeutlicht, versuchten die USA unter der Führung ihres damaligen Präsidenten Bill Clinton gegenüber Nordkorea eine Politik der Deeskalation und materieller Anreize zu betreiben. Diese begann mit dem Rahmenabkommen über die Nuklearfrage von 1994. Pyöngyang wurden Energielieferungen im Austausch zur Aufgabe seines Nuklearprogramms angeboten. Im Jahr 2000 kam es auch zu einer inner-koreanischen Entspannungsperiode, der sogenannten Sonnenscheinpolitik, die ihren Höhepunkt im Gipfeltreffen zwischen dem südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung  und Kim Jong Il in Pyöngyang fand. Diese Politik ähnelt der Ostpolitik Willy Brandts gegenüber der DDR. Erleichterungen für die Bevölkerungen des Nordens wurden mit der Sonnenscheinpolitik beabsichtigt. Doch einer schnellen Wiedervereinigung stehen die Südkoreaner skeptisch gegenüber.

Die Nuklearfrage in der Gegenwart

Bush, so kritisiert Kindermann, sorgte nach seinem Amtsantritt schnell für eine neue Eiszeit in den Beziehungen zum Norden, indem er Nordkorea nebst Iran und Irak in die Achse des Bösen einordnete. Der nicht provozierte Angriffskrieg der USA gegen den Irak bestätigt die Befürchtungen der Nordkoreaner. Diese behaupten, bereits über einsatzfähige Nuklearwaffen zu verfügen. Ob es sich dabei um einen gezielten, der Abschreckung dienenden Bluff handelt oder um Fakten, können selbst Geheimdienste nicht zuverlässig bewerten.

Die seit August 2003 stattfindenden Sechs-Mächte-Gespräche zwischen Nord- und Südkorea, Russland, Japan, den USA und China verlaufen ergebnislos. Nordkorea möchte vorrangig Zugeständnisse im wirtschaftlichen Bereich erreichen. Die anderen Mächte stehen vor dem Dilemma, dass ohne ihre Unterstützung Tausende im Land leiden, ohne dass die korrupten Eliten getroffen würden. Ein militärischer Schlag gegen Nordkorea scheint aus geostrategischen Gründen ausgeschlossen.

Der Autor gibt zu bedenken, dass ein Nordkorea ohne Atomwaffen weltpolitisch völlig bedeutungslos wäre. Die Eliten würden ihren einzigen Trumpf nicht einfach aus der Hand geben.

Geschichte mit Gegenwartsrelevanz

Kindermann vermag es, Geschichte lebendig zu machen, indem er historisch-militärstrategische, kulturelle und persönlichkeitsabhängige Handlungsfaktoren zu einem zusammenhängenden, das Verständnis erleichternden Narrativ zusammenfasst. Das Buch ist sowohl für Experten im Feld als auch für historisch interessierte Studierende empfehlenswert.

Kindermann, Gottfried-Karl: „Der Aufstieg Koreas in der Weltpolitik – von der Landesöffnung bis zur Gegenwart“Olzog Verlag, München, (2005), 421 SeitenISBN  3-7892-8165-4, 34,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Olzog Verlag.


Lesen Sie auch bei /e-politik.de/ die Rezension zu Martin Fritz Buch Schauplatz Nordkorea, Das Pulverfass im Fernen Osten


Weiterführende Links: Studie der Stiftung Wissenschaft zur ökonomischen Krise Nordkoreas: hier

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