Gefälligkeits- oder Mobilisierungsdiktatur?

Hitlers_Volksstaat.gifGötz Alys Gefälligkeitsdiktatur-These hat im Jahr 2005 eine Debatte unter Historikern ausgelöst. Eine Rückschau. Von Fabian Engelmann

Kaum ein Buch über den Nationalsozialismus hat in den vergangenen Monaten für so viel Zündstoff gesorgt, wie Götz Alys Untersuchung Hitlers Volksstaat Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Aly, Gastprofessor für interdisziplinäre Holocaustforschung am Fritz Bauer Institut, argumentiert, dass die große Mehrheit der Deutschen mit einer Mischung aus soziapolitischen Wohltaten, überwiegend guter Versorgung und kleinen Steuergeschenken befriedet wurde. Die Kosten für diese Gefälligkeitsdiktatur hatten die besetzten europäischen Länder zu tragen, deren Existenz und Besitzgrundlagen zugunsten der deutschen Volksgemeinschaft enteignet wurden. Wer von den vielen Vorteilen für Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, so Aly, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen. Aly vollzieht damit, wie er selbst sagt, einen „Perspektivwechsel von der Elitenverantwortung zum Nutznießertum des Volkes“.

Ein Aufschrei in der Historikerzunft

Dieses Erklärungsmuster zog einen Aufschrei in der deutschen und internationalen Historikerzunft auf sich. So attackierte der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler Aly und unterstellte ihm einen engstirnigen Materialismus. Der radikale Antisemitismus werde bei Aly vehement vernachlässigt. Aly konterte, indem er auf Wehlers Hauptwerk Deutsche Gesellschaftsgeschichte verweist, in der Wehler unterstellt, die Mehrzahl der Deutschen seien keine aktiven Antisemiten gewesen. Die enorme Integrationskraft des nationalsozialistischen Herrschaftsregimes könne also nicht ausschließlich über Ideologie erklärt werden, so Aly.

Auch der in Cambridge lehrende Wirtschafthistoriker Adam Tooze widerspricht der These von der Gefälligkeitsdiktatur in einem Artikel der Zeit. Stattdessen identifiziert er eine Mobilisierungsdiktatur, die vor allem dem Aufstieg Amerikas und der zunehmenden Globalisierung entgegen wirken wollte. Tooze argumentiert weiter, dass der plötzliche Aufstieg des amerikanischen Kapitalismus nicht nur die alte Ordnung von außen und in machtpolitischer Hinsicht, sondern auch die Destabilisierung alltäglicher Lebenserwartungen untergrub. Der Nationalsozialismus antwortete darauf mit einer volkswirtschaftlichen Mobilisierung.

Kollektivschuld des deutschen Volkes?

Die Einwände gegen Alys Untersuchung zeigen, wie vielschichtig und erklärungsreich der Nationalsozialismus trotz unzähliger Arbeiten zum Thema ist. So versuchte Daniel J. Goldhagen bereits vor einigen Jahren mit seinem Buch Hitlers willige Vollstrecker den im deutschen Volk tief verwurzelten und zwangsläufig im Holocaust mündenden Antisemitismus nachzuweisen. Obgleich das Buch eine breite Debatte ausgelöst hat, bleibt die These von der ideologiegetragenen Kollektivschuld fragwürdig.

Aly ist es gelungen, einen neuen, dem breiten Publikum bislang nicht bekannten Erklärungsansatz zu liefern, der ebenfalls, so der Zeit-Journalist Volker Ulrich, in einer Kollektivschuldthese mündet. Das Volk wurde mit einer Mischung aus milder Steuerpolitik, guter Versorgung und punktuellem Terror an den Rändern der Gesellschaft ruhig gestellt. Die materielle Stimulierung der deutschen Massenlaune auf Kosten anderer – vor allem europäischer Völker – bildete das wesentliche kurz- und mittelfristige Ziel des Regierens. Dies in systematischer Form aufgearbeitet zu haben, ist das Verdienst Alys.

Damit geht der oft als Außenseiter der deutschen Geschichtswissenschaft Gescholtene neue Wege in der nationalsozialistischen Forschung. Er kaut nicht nur die immergleichen und oft ungenügend belegten Formeln nationalsozialistischer Ideologie und Herrschaftssicherung wider, sondern liefert eine nachvollziehbare und durch bislang nicht ausgewertetes Quellenmaterial gut belegte Argumentation. Wenn Götz Aly weiterhin Bücher vorlegt, die eine solche Diskussion nach sich ziehen, steht seiner Rolle als ernst zu nehmender Außenseiter auch weiterhin nichts entgegen.

 


Götz Aly: „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“S. Fischer Verlag, 464 SeitenISBN 3-10-000420-5, 22,90 Euro

Die Bildrechte liegen beim S. Fischer Verlag.

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