Gefährliche Pflege

Abgezockt_und_Totgepflegt.jpgMarkus Breitscheidel arbeitete über ein Jahr als Pflegehilfskraft in Alten- und Pflegeheimen. Mit seiner Reportage legt er einen erschütternden Tatsachenbericht vor. Von Fabian Engelmann

Die Debatte um katastrophale Zustände in deutschen Pflegeheimen ist nicht neu. Verschiedene Fernsehdokumentationen zeigten den tristen Alltag von Menschen auf, die Ihren Lebensabend im Altersheim verbringen. Vorgeführt bekam der Zuschauer dabei nicht nur den stetigen Vereinsamprozess, dem alte Menschen all zu oft ausgesetzt sind. Aufgedeckt wurden auch unakzeptable Pflegepraktiken, die den Heimbewohnern mitunter den Rest geben.

Markus Breitscheidel, studierter Wirtschaftswissenschaftler, hat sich dieser Problematik angenommen und mehrere Monate in deutschen Pflegeheimen quasi Undercover gearbeitet. Damit tritt er in die Fußstapfen des deutschen Journalisten, der das Einschleichen beinahe perfektionierte: Günter Wallraff. Er hat auch das Vorwort zum Buch Abgezockt und Totgepflegt – Alltag in Deutschen Pflegeheimen beigesteuert.

Heimbewohner werden „abgeabreitet“

In erschütternder Weise schildert Breitscheidel, wie alte Menschen fließbandartig von zumeist schlecht ausgebildeten Pflegekräften „abgeabreitet“ werden. Für menschliche Zuwendung und Betreuung ist keine Zeit, da die Heimbewohner zum bloßen Kostenfaktor mutieren. Breitscheidel berichtet über Ruhigstellung durch Medikamente, Vernachlässigung, Unterernährung und Austrocknung – gefährliche Pflege sei kein Einzelfall, so der Autor. Seine Recherchen beruhen auf Einsätzen in München, Hamburg, Köln und Berlin. Bis auf ein Pflege- und Altenheim in Berlin, die Pro-Seniore-Residenz, Berlin Wilmersdorf, zeigten sich in allen anderen Einrichtungen unhaltbare Zustände.

Der Ablauf in den Heimen gestaltet sich nahezu immer gleich. Breitscheidel heuert als ungelernte Pflegekraft an. Nach seinen Fähigkeiten wird er meist nur sehr kurz gefragt, dann ist er auch schon eingestellt. Er erhält fast keine Einarbeitung, sondern muss sofort wildfremde Menschen waschen, windeln, füttern. Die Arbeitszeiten sind katastrophal, das Personal schiebt Schichten bis zur Erschöpfung: „Der Dienst beginnt um 6.30 Uhr, wir sind zu zweit und haben 28 Bewohner/innen zu waschen, anzuziehen, in die Rollstühle zu heben und mit Frühstück und Medikamenten zu versorgen“. Wer nicht mitmacht fliegt raus, denn unqualifiziertes Personal gibt es wie Sand am Meer. Am Besten aus Osteuropa, die sind besonderes preiswert.

Zweckentfremdung von Pflegesätzen – Wie geht es weiter mit der Pflegepolitik?

Breitscheidel berichtet, dass zuweilen kein Interesse daran besteht, Bewohner in angemessener Weise zu versorgen. Denn wenn sich ihr Zustand verschlechtert, erhalten die Heime eine höhere Pflegestufe, sprich die Einrichtung bekommt einen höheren Pflegesatz für den Patienten. Damit, so meint Breitscheidel zu Recht, werden Pflege- und Krankenkassensätze sowie die hohen Unterbringungspauschalen zweckentfremdet eingesetzt, ja missbraucht. Die Methoden einiger Pflegeheime grenzen hier an Kriminalität, der anscheinend auch staatliche Aufsichtsbehörden nicht vorbeugen können.

Auch wenn Breitscheidel sich zuweilen zu sehr zum Gutmenschen erhebt, ist ihm doch ein packender Einblick in das Innenleben deutscher Pflege- und Altenheime gelungen. Das Verdienst des Autors liegt darin, das Pflegedilemma einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Debatte, um eine menschenwürdige Betreuung am Lebensende erhält somit neuen Zündstoff. Aktuell ist die Diskussion ohnehin, wird die Gesellschaft doch immer älter und gebrechlicher. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird diese Entwicklung in den kommenden Jahren zunehmen.

Wie reagiert die Pflegepolitik auf diese Herausforderungen? Mit der Einführung der Pflegeversicherung in den 1990 Jahren wurde bereits ein wichtiger Schritt unternommen, um den neuen Bedingungen Herr zu werden. Viele Menschen sind am Ende Ihres Lebens, wie häufig vor der Einführung der Pflegeversicherung, nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen. Doch hat die Pflegeversicherung – wie das Buch von Breitscheidel zeigt – immer noch große Lücken, die anscheinend gnadenlos ausgenutzt werden. Aufgabe der Politik bleibt es, diese Lücken zu schließen. Darüber hinaus ist es aber notwendig, die Problematik Pflege im Alter viel stärker all bislang ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, um die beschrieben Missstände möglichst schnell zu beheben. Breitscheidels Buch hat dazu einen wichtigen Anstoß gegeben.


Markus Breitscheidel: Abgezockt und Totgepflegt. Alltag in Deutschen Pflegeheimen

Econ Verlag, 240 Seiten, 16,95 Euro

ISBN: 3430115728


Die Bilderechte liegen beim Econ Verlag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.