Gebühren als Lösung?


Universitäten dürfen von ihren Studenten Gebühren verlangen.
Das hat das Bundesverfassungsgericht Ende Januar entschieden. Sollen sie das
auch? Die Berliner Tageszeitung taz sagt „Ja“ zur Gebühr und
entwickelte ein eigenes Modell. Am 1. März wurde in Leipzig darüber
diskutiert. Von Maria Lang


„Wenn in einigen Staaten (…) auch „höhere“ Unterrichtsanstalten „unentgeltlich“ sind,
so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten
aus dem allgemeinen Steuersäckel zu bestreiten.“ Das hat Karl Marx 1875
geschrieben und er meinte damit: Bildung ist eine Ware, und wenn Studenten
für diese nicht selbst zahlen, dann finanzieren Studierende aus ärmeren
Schichten die Ausbildung reicherer Studenten mit. 130 Jahre später griff
nun taz-Redakteur Christian Füller diesen Satz wieder auf und begründete
damit auf einer Podiumsdiskussion in Leipzig seine Idee einer sozial gerechten
Studiengebühr.

Gut 100 Menschen, vorwiegend Studenten und ihre Vertreter, hatten sich in
der Leipziger Moritzbastei versammelt, um mehr über das Für und Wider
zu hören. Eingeladen hatten Berlins tageszeitung und die Leipziger
Uni-Zeitung student! – drei Studentenvertreter und einen Hochschulforscher;
den Journalisten hatte die taz mitgebracht.

Ja zu Gebühren, aber nicht zum Löcher stopfen

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Christian Füller

Letzterer hatte eine klare Botschaft: Studiengebühren „Ja“, aber nicht um
Haushaltslöcher zu stopfen, sondern um den Studenten wieder mehr Einfluss
zu geben. Laut Füller soll der Studienbeitrag direkt in die Hände der
Studentenvertreter fließen. Sie sollen über die Verwendung entscheiden.

Weniger wohlhabende Studenten wären in Füllers Modell von den Gebühren
befreit: „Die Schönen und Reichen holen sich mit dem Studium Karrierevorteile
ab und der Steuerzahler soll dafür aufkommen, das kann nicht sein“, sagte
der Journalist und spräche damit wohl Marx aus dem Herzen. Er ist aber
nicht nur für so gestaltete und verwaltete Gebühren, sondern auch
für einen radikalen Umbau des Schulsystems: „Heute machen nur etwa 30
Prozent eines Jahrgangs Abitur. Da geht doch die Selektion schon los. Wir brauchen
eine Schule für alle.“

Auch das Bildungssystem umstrukturieren

Wenigstens hier gaben ihm zwei der Studentenvertreter Recht. „Das deutsche
Bildungssystem ist heute schon hochgradig selektiv. Studiengebühren würden
das nur noch verschärfen“, sagte etwa Hennig Schulze, Sprecher des StudentInnenrates
der Uni Leipzig. Seine Kollegin Nele Hirsch vom bundesweiten Freien Zusammenschluss
der Studierendenschaften pflichtete ihm bei: „Wir müssen fragen: Wie kommen
wir zu einem anderen Bildungssystem. Es ist es falsch, darüber zu diskutieren,
wie wir ein Studiengebührenmodell gestalten. Gebühren würden
das jetzige System nur zementieren.“ Außerdem fürchten beide, dass
sich der Staat nach der Gebühreneinführung aus der Verantwortung
stiehlt und seine Bildungsausgaben senkt.

Füller vs. Studentenvertreter

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Christian Füller und Nele Hirsch


taz
-Redakteur Füller versuchte klar zu machen, warum Gebühren gut
für die Studenten seien: „Wenn ihr auf dem Geld sitzt, kommt der Professor
oder der Rektor zu euch. Ihr habt dann wieder Verhandlungsmacht. Gebühren
wären ein enormer Impuls für die studentische Selbstverwaltung.“ Doch
für Nele Hirsch und Hennnig Schulze ist das nichts: „Die Mitbestimmung wäre
erkauft“, meint Hirsch. „Uns steht das Recht auf Mitbestimmung qua Gesetz zu“,
sagt Schulze: „Das müssen wir uns nicht erst kaufen.“

Wenn Studentenvertreter über die Höhe und die Verteilung der Gebühren
entscheiden, dann könne ihre Legitimation wachsen, insistiert jedoch Füller.
Die geringe Beteilung an Wahlen zu den Studentengremien von bislang 15 bis
20 Prozent könne so steigen. „Dann hört endlich das ewige Zusammenströmen,
nur um Nein zu sagen, auf.“ Doch Schulze kontert stoisch: „Wenn die Gebühren
kommen, dann haben wir wenigstens Nein gesagt.“

Hatten noch andere etwas zu sagen? Der Hochschulforscher Peer Pasternack mischte
sich in die Debatte nur spärlich ein, beschränkte sich auf Korrekturen
an Füller, der es im Eifer des Gefechts manchmal nicht so genau nahm.
Pasternack: „Die Schönen und Reichen machen den kleinsten Anteil der Studenten
aus. Die meisten sind aus der Mittelschicht. Und der Anteil der einkommensschwächsten
ist in den letzten Jahren sogar gestiegen.“

Witten-Herdecke: Das Erfolgsmodell für alle?

Bewegung in die festgefahrenen Fronten wollte Malte Herzhoff bringen. Er gehört
der Studierendengesellschaft der privaten Universität Witten-Herdecke
an. Dort leisten alle Studenten eines jeden Fachs den gleichen Beitrag. Sie
müssen die Gebühren aber erst nach dem Studium einkommensabhängig
und auf acht Jahre begrenzt zurückzahlen. Wer will, kann schon während
des Studiums tilgen. „Bei uns entscheiden Persönlichkeit, Fachinteresse
und die Motivation, ob ein Student aufgenommen wird, nicht sein finanzielle
Lage“, erklärt der Student. Mit einem „umgekehrten Generationenvertrag“ sei
dafür gesorgt, dass sich auch Kinder aus weniger betuchten Familien das
Studium leisten könnten. Die soziale Struktur der Uni Witten-Herdecke
unterscheide sich nicht von der anderer Unis.

Kann das ein Vorbild für die anderen Unis sein? „Nein“, sagt Henning
Schulze: „Wir haben in Leipzig 45 Prozent Bafög-Empfänger. Außerdem
wollen wir nicht diese Kundenmentalität wie an den Privat-Unis.“ Auch
Pasternack kann Witten-Herdecke nicht viel abgewinnen: „Das ist eine Modell-Uni.
Das lässt sich nicht einfach so auf eine Massenuniversität übertragen.“ Warum
nicht, wollte Malte Herzhoff wissen. Doch diese und andere Fragen blieben unbeantwortet.
Die letzte Runde im Streit um die Gebühren, war auch diese nicht.


Fotos: Maria Lang


Lesen Sie auch den Kommentar zu
dieser Veranstaltung oder das /e-politik.de/-Dossier zu
den Studiengebühren.

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