Ende des Politainments

Politik in Deutschland hat sich in den letzten Monaten völlig verändert. Nicht so sehr wegen ihrer Inhalte, sondern wegen der Art, wie sie präsentiert wird sagt WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz. Bei einem Vortrag in Leipzig sprach er über die Rückkehr des Sachzwangs und das Aus für die große Geste. Von Stephan Radomsky

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WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz
"Steinmeier – Wie der schon aussieht. Wie Joschka Fischer in der Endphase." Ulrich Reitz sparte nicht an blumigen Beispielen für seine These vom Ende des Politiainment unter der schwarz-roten Regierung. Der konservative Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) – eines als eher links eingeordneten Blattes – sprach in der offenen Vorlesungsreihe "Politik und Medien" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig.

Sein Hauptaugenmerk richtete Reitz dabei weniger auf die Inhalte der Politiken der alten und neuen Regierung, sondern auf ihre Präsentation. Die Veränderungen innerhalb der vergangenen sechs Monate seien grundlegend. Seine Prognose: "Wir werden eine Rückkehr des Sachzwangs erleben." Dieser Begriff, geprägt in den 70ern, werde eine Renaissance erleben und als Rechtfertigung aller Einschnitte der Zukunft dienen.

Cohiba und Brioni, Frauen und Marathon – "Politainment at its best"

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Politainment: Gerhard Schröder im Wahlkampf
Besonders genau beschrieb Reitz die Politik-Inszenierung Gerhard Schröders. Ob Brioni oder Cohiba, nichts sei beim Altkanzler zufällig gewesen. Ob das an Ludwig Erhard erinnernde Symbol der Zigarre, die teuren italienischen Designer-Anzüge oder auch die kubanische Herkunft der Glimmstengel – alles wohl geplant. "Das sagte doch alles aus: Ich komme aus dieser modemäßigen Mittelmaß-Partei heraus, verschaffe Euch allen Wohlstand und habe auch meine revolutionären Zeiten nicht vergessen. Und das alles gegossen in Klamotten und Tabak." Für Reitz reines Politainment.

Ulrich Reitz, der für Welt und Focus aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn berichtet hat und später die Rheinische Post leitete, sah in der alten Regierung einen weiteren Großmeister der Selbstinszenierung: Joschka Fischer. Sämtliche Beziehungen zu Frauen sowie die Aufs und Abs im Körperumfang seien in Zeitungen und Zeitschriften präsentiert worden. "Nichts ist uns, den Medien, verborgen geblieben. Welch ein Zufall."

Die beiden Politiker hätten sich ständig neu erfunden, ohne dabei jemals dauerhaft an Glaubwürdigkeit zu verlieren. So habe der "überzeugte Atlantiker" Fischer den Bruch mit den USA niemals wirklich gewollt. Mit ihrer Selbstinszenierung hätten es Schröder und Fischer jedoch geschafft, diesen Bruch in der Öffentlichkeit zu überdecken. Joschka Fischers Biographie als "Friedensbewegter" wurde nicht erwähnt.

Die Rückkehr des Sachzwangs

Die Politik Angela Merkels funktioniere dagegen ganz anders. Eine neue Sachlichkeit und Unauffälligkeit sei zu spüren, wenn sie etwa bereits in den ersten Amtstagen Schröders Außenpolitik auf den Kopf stellt: die Achse Paris-Berlin-Moskau – vorbei. Europa als Abgrenzung gegen die USA – Vergangenheit. "Eine 180-Grad-Wende in der Außenpolitik. Und ohne, dass jemand in der Öffentlichkeit wirklich Notiz davon genommen hat", so Reitz. "Was wir in dieser Großen Koalition erleben, ist eine völlige Verschiebung der Unterhaltungskoordinaten."

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Ohne große Geste: Angela Merkel und Condoleezza Rice
Gegenüber den alten Männerfreundschaften zwischen Schröder, Chirac und Putin täten sich neue Parallelen auf. Am deutlichsten zwischen Angela Merkel und Conoleezza Rice. Zwei Frauen, beide im gleichen Alter, ähnlich kühl und machtbewusst. Und beide seien nicht für die großen Auftritte geschaffen. Dennoch hätten sie Erfolg. Ob dieser aber dauerhaft sein wird, darauf gab Ulrich Reitz keine Antwort.

Das Ende des Politainments sei aber nicht nur in der Politik der gewählten Volksvertreter spürbar. Auch die Lobbyisten und Funktionäre auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite gehen laut Reitz ganz leise eine Große Koalition ein. Was Schröder mit großer Geste im "Bündnis für Arbeit" versucht habe, sei in der Zeit dieser neuen Sachlichkeit ganz von selbst und wiederum fast unbemerkt von der Öffentlichkeit geschehen. Die Verbandsvertreter bewegten sich aufeinander zu und machten große Politik im Stillen, so Reitz. "Die große Pose ist passé."

Politik ohne große Geste?

Ob allerdings der Politik, und damit am Ende auch dem Bürger, mit dem Ende des Politainment gedient ist, blieb weitgehend offen. Sicher könnte der Verzicht auf medienwirksames Gehabe viele Arbeitsprozesse erleichtern und auch beschleunigen. Ob aber Politik auf Dauer ohne große Geste vor dem Medienpublikum bestehen kann wurde nicht prophezeit. Eines sei jetzt schon klar: Politainment wird nicht die große Stärke dieses Kabinetts werden. Vielleicht ja Effizienz.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Ulrich Reitz), Alexander Blum (Gerhard Schröder) und sind Open Source (Angela Merkel, Condoleezza Rice).

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