Ein „Regierender“ erinnert sich

cover_diegen.jpgBerlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen hat seine Memoiren geschrieben. In Zwischen den Mächten gibt Diepgen zwar spannende Einblicke in die Geschichte der Stadt, seine eigenen Fehler bleiben aber außen vor. Von Wolfgang Mehlhausen

Eberhard Diepgen, 1941 in Berlin geboren, ist gelernter Jurist, als solcher arbeitet er heute wieder. Seit 1962 ist er CDU-Mitglied und 1983 wurde er Landesvorsitzender in Berlin. Dieses Amt hatte er bis 2001 inne. Er war Regierender Bürgermeister von Berlin von 1984 bis 1989 und nochmals von 1991 bis 2001. Der Versuch eines politischen Comebacks scheiterte bei der Bundestagswahl in diesem Jahr. Er unterlag in Berlin-Neukölln deutlich.

Diepgen ist ein sympathischer Typ, ein Mann, von dem man einen Gebrauchtwagen kaufen würde. Er gilt als umgänglich und sehr fleißig. Böse Zungen indes nannten ihn den „blassen Ebi“, der es schwer hatte, weil er stets an der herausragenden Persönlichkeit seines Vorgängers Richard von Weizsäcker im Amt als „Regierender“ gemessen wurde. Verglichen – und häufig für zu leicht befunden – wurde er auch an solchen hervorragenden Amtsvorgängern wie Ernst Reuter oder Willy Brandt, der von den Berlinern geliebt wurde. Aber: Diepgen wurde mehrfach wiedergewählt und füllte sein Amt insgesamt 16 Jahre lang aus. Somit ist er trotz des gescheiterten politischen Comebacks Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Was aber bieten seine Memoiren?

Westberlin vor der Maueröffnung – ein bisschen „Indien“…

Der Leser erfährt einiges aus dem alten West-Berlin, in dem es sich, beschützt von den Alliierten und „sorgsam behütet“ von der DDR, den letzten Jahren vor dem Mauerfall nicht schlecht lebte. Hohe Bundeszuschüsse in Form von Transferleistungen machten es Firmen und Arbeitnehmern gleichermaßen angenehm, in der Inselstadt zu leben. Nach dem Berlin-Abkommen entspannte sich auch das Verhältnis zur DDR.

Die Schutzmächte, vertreten durch die drei Stadtkommandanten hatten doch stets das letzte Wort, wenn es um kleine oder große Probleme der Stadt ging. Bis zum Ende der DDR war auch der Status der Stadt und das Verhältnis zum Bund nicht unproblematisch. Wie die Sowjets und die drei Westalliierten manchmal hineinregierten, beschreibt Diepgen ausführlich, beispielsweise anhand der getrennten 750-Jahrfeiern in Berlin- West und Ost. Nicht nur die Sowjets, sondern auch die Westalliierten waren daran interessiert, dass Honecker 1987 den Westteil der Stadt nicht besuchte.

Buch in Juristensprache

Diepgen schreibt flüssig, aber manchmal sehr nüchtern bis hölzern. In einem Vergleich, zum Beispiel mit den Memoiren von Michail Gorbatschow würde er schlecht wegkommen. Nicht ein persönliches Wort, gar Spektakuläres findet sich bei ihm über die Besuche beim DDR-Chef Honecker. Alles ist in recht sachlicher Sprache verfasst, so wie vieles es von einem Juristen, nicht aber in der Erinnerungsliteratur erwarten.

Interessant sind seine Hintergrundschilderungen zum 10. November 1989, als Helmut Kohl Berlin besuchte und ausgepfiffen wurde. „Ebi“ hatte keinen guten Draht zum „Dicken“ , er beschreibt wie Außenminister Hans-Dietrich Genscher gemeinsam mit Walter Momper Kohl die Show stahlen, als es darum ging, auch für die „Roten und Gelben“ etwas Applaus und nicht nur Buhrufe zu ernten. Alles in allem ist es jedoch interessant zu lesen, mit welchen Sorgen und Problemen sich ein Bürgermeister und Ex-Bürgermeister bzw. Oppositionsführer bis 1989 zu beschäftigen hatte.

Erst Kalter Entzug – und dann… Ruin für Berlin

Ehrliche Worte finden sich zur Frage, ob nicht auch er zu viele Hoffnungen bei den damaligen DDR-Bürgern geweckt hatte, als er die Vorzüge der Marktwirtschaft gegenüber dem Kommandosystem der DDR pries. Diese Erklärungen erscheinen aufrichtig. Einen wichtigen Raum nehmen auch Diepgens Worte zum Berlin nach dem Mauerfall ein, als es darum ging, die Stadt wieder werden zu lassen, was sie in Sonntagsreden aller Politiker immer war: Hauptstadt Deutschlands.

Sachlich beschreibt Diepgen, wie Berlin nach der Hauptstadtentscheidung finanziell trockengelegt wurde und charakterisiert dies zutreffend mit einem Begriff aus der Drogenmilieu: „Kalter Entzug“.

Spektakuläre Enthüllungen sucht man in dem Buch vergebens, verschiedene Missstimmungen lassen sich aus seinen Zeilen nur erahnen. Diepgen blickt oft nicht nur zurück und verbindet Erinnerungen mit Anmerkungen zu gegenwärtigen Problemen der Stadt. Wer jedoch auf eine Offenbarung wartet, wie es dazu kommen konnte, dass letztlich unter Diepgens Regentschaft Klaus Landowsky die Stadt schrittweise, stetig und sehr nachhaltig ruinieren konnte, wird enttäuscht sein. Memoiren, in denen die Verfasser mit sich selbst zu Gericht gehen, bleiben höchst selten.

Interessante, nicht weltbewegende Lektüre

Alles in allem ist dieses Buch lesenswert. Für professionelle Historiker und Geschichtsinteressierte enthält es spannende Informationen – auch für jene, die sich für DDR-Geschichte interessieren. Eberhard Diepgen ist heute selbst „Geschichte“, was er zu sagen hat, gibt keine Antworten auf die vielen Probleme der Gegenwart. Vielleicht wurde er aus genau diesem Grund ja auch nicht wiedergewählt.


Diepgen, Eberhard: Zwischen den Mächten – Von der besetzten Stadt zur Hauptstadt

be.bra verlag, Berlin, (2004), 344 Seiten

ISBN 3-86124-582-5, 24,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim be.bra Verlag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.