Deutsches Schicksal

Cover_Large.jpgAus dem Schicksal der deutschen Flüchtlingsfamilie Schohl hat David Clay Large mit der Weltgeschichte in einem Buch verwoben. Das wissenschaftliche Werk lässt sich lesen wie ein Roman. Von Susanne Henck

In seinem anschaulichen, romanhaften, von ihm selbst als "Erzählung" deklarierten Buch Einwanderung abgelehnt – wie eine deutsche Familie versuchte, den Nazis zu entkommen beschreibt David Clay Large das Einzelschicksal der halb jüdisch – halb "arischen" Familie Schohl aus der Kleinstadt Flörsheim am Main vor den globalen Hintergründen der restriktiven Einwanderungspolitik möglicher Fluchtstaaten während des Dritten Reiches.

Max Schohl, Weltkriegsveteran von 1918, muss in der Frühzeit des Dritten Reiches miterleben wie sein Leben zerbröckelt. Nach gescheiterten Auswanderungsplänen in die USA und England flüchtet er mit seiner Familie 1940 nach Jugoslawien.

Zuwanderung – nein danke!

1938 beginnt ein hoffnungsvoller Briefwechsel mit amerikanischen Verwandten, insbesondere Julius Hess, einem Cousin. Trotz ausreichender finanzieller Mittel von dessen Seite für Auswanderung und Ansiedlung, trotz Arbeitsstelle als College-Lehrer lehnt das Generalkonsulat den Antrag auf beschleunigte Einwanderung in die USA mit dem Hinweis auf bisher fehlende Lehrtätigkeit des Chemiefabrikanten Schohl ab.

Derartige formale Begründungen angesichts existentieller Not waren jedoch keine Einzelfälle: In einer globalen antisemitischen Grundstimmung mit weltweit schwerster wirtschaftlicher Depression und hoher Arbeitslosigkeit traf der Migrationswunsch der jüdischen Flüchtlinge auf wenig öffentliche Unterstützung.

Auch die USA betrieben eine extrem restriktive Einwanderungspolitik und nutzen zwischen 1933 und 1945 die deutsch-österreichische Zuwanderungsquote nur zu 35,8 Prozent. Die Chance nach Amerika hinein gelassen zu werden, sinkt genau in dem Moment auf den tiefsten Punkt, als das Bedürfnis nach einem sicheren Asyl am dringendsten ist.

Auch die Schohls sind von dieser Politik betroffen. 1939 erteilt das US-Konsulat eine Wartenummer, mit der die Familie frühestens 1944 hätte auswandern können. Als sich auch die weiteren Pläne wie eine Auswanderung nach England oder Chile zerschlagen, ist die Familie im März 1940 zur Flucht nach Jugoslawien gezwungen. Sie hoffen von dort nach Brasilien zu gelangen. Doch auch dieses Vorhaben zieht sich hin, 1941 besetzen deutsche Truppen Jugoslawien. Max Schohl wird nach Auschwitz transportiert und stirbt dort 1943. Liesel Schohl und Töchter Hela und Käthe werden 1944 in Arbeitslager bei Wiesbaden deportiert. Sie überleben das Arbeitslager. Als Käthe Schohl kurz nach dem Krieg in die USA auswandern will, erhält sie ohne Umstände das notwendige Visum.

Gelungene Geschichtsschreibung

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Der Autor: David Clay Large
Erst vor wenigen Jahren ist sie, die heute in Charleston, West Virginia, lebt, auf den Briefwechsel ihres Vaters und Julius Hess gestoßen. Die Korrespondenz dokumentiert eindrucksvoll die unterschiedlichen Blickwinkel des amerikanischen und deutschen Durchschnittsbürgers. Ergänzt durch andere Dokumente hat Large diesen Briefwechsel zum Ausgangspunkt und Zentrum des Buches gemacht.

Sein Vorhaben, den Mikrokosmos der Familie Schohl mit der Weltgeschichte zu verbinden, gelingt vorbildlich. Beide Ebenen gewinnen durch ihre Verknüpfung: Das Einzelschicksal wächst über das Singuläre hinaus ins generelle Erleben vieler. Die abstrakten Fakten und großen Zusammenhänge werden durch die Tragik des Einzelschicksals emotional vertieft.

Das Ausmaß der Verlorenheit, das die Flüchtigen erlebt haben, wird in der im Grundton tragischen, aber auch mit skurillen und heiteren Episoden durchsetzten Familiengeschichte spürbar: Max Schohl, der bis zuletzt deutscher Patriot blieb; der heiratswillige Grieche im Herbst seiner Jahre, der die kaum volljährige Käthe heiraten will, um sie aus dem besetzten Jugoslawien zu retten, das Weihnachtsfest mit den deutschen Truppen, die sich im Haus der Schohls zwar einquartierten, die Familie aber ungeschoren lassen.

Zugleich wird aber auch deutlich, dass in den dreißiger und vierziger Jahren nicht nur Deutschland, sondern nahezu der gesamte Globus ein unwirtlicher vom Antisemitismus infizierter Ort war. Dies ist umso bemerkenswerter, da sich das Buch nicht in einem rein amerikanischen Aufarbeitungsdiskurs, in der rhetorischen Anklage vergangener Unterlassungen erschöpft. Dennoch wird die kritische Position des Autors gegenüber der US-Politik zu dieser Zeit deutlich.

Eindruck eines Romans als eines wissenschaftlichen Werks

Für ein wissenschaftliches Werk ist das Buch zu stark implizit wertend, ohne diese Wertung dann zu reflektieren. Als Beispiel sei genannt, dass bei der Darstellung der Einwanderungseignung der Familie vom Autor hervorgehoben wird, wie qualifiziert oder zumindest integrationsfreudig und arbeitswillig alle Familienmitglieder wären und ihnen die Einreise verweigert dennoch wird. Hinter diesem vordergründig verständlichen Unverständnis steht ein leistungsbezogener Einwanderungsbegriff, den momentan nur wenige deutsche Autoren so selbstverständlich formulieren würden.

Wer das Buch liest, erhält manchmal den Eindruck eher einen guten historischen Roman vor sich zu haben. Ob dies nun zeigt, wie populärwissenschaftlich der Band daherkommt oder wie wenig verständlich wissenschaftliche Literatur in Deutschland gewöhnlich bleibt, mag dahingestellt bleiben. Der romanhafte Ton erweitert zumindest den Kreis einer aufnahmewilligen Leserschaft. Das Fazit: Ein auf authentischen Quellen basierender wissenschaftlich fundierter Briefroman mit interessanten historischen Erweiterungen. Auch abends lesbar.


Large, David Clay: „Einwanderung abgelehnt – wie eine deutsche Familie versuchte, den Nazis zu entkommen“
Karl Blessing Verlag, München, (2004), 384 Seiten
ISBN 3-89667-201-0, 20,00 Euro

 

Die Bildrechte liegen beim Blessing Verlag.

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