Wohin steuert Russland?

30. Nov 2004 | von Wolfgang Mehlhausen | Kategorie: Russland

In seinem neuen Buch gibt Boris Reitschuster tiefe Einblicke in das Land und seinen Präsidenten. Angesichts des starken russischen Einflusses auf die derzeit stürmischen Entwicklungen in der Ukraine ein hoch aktuelles Thema. Von Wolfgang Mehlhausen cover_reitschusterII.jpg

Der Autor ist seit 1999 Leiter des Moskauer “Focus”-Büros. Er kam schon zu Gorbatschows Zeiten nach Moskau und konnte sich vor Ort ein Bild von Russland und den Kreml-Herrschern machen. Er frischt das Kurzzeitgedächtnis des politisch interessierten Lesers auf. Was alles nach dem Zerfall des Sowjetimperiums passierte, geriet schnell in Vergessenheit. Bei Reformpolitikern anderer osteuropäischer Länder, die ihre Karriere im Realsozialismus begannen, wurde selbst in seriösen westlichen Medien stets von “Ex-Kommunisten” gesprochen. Jelzin hingegen war “Freund” von Helmut Kohl und Putin ist sogar “Duzfreund” unseres Bundeskanzlers.

Russlands Bürokratie und das Leiden der Bürger

Schon nach wenigen Seiten des spannend geschriebenen Buches erfährt man, wie es im heutigen Russland aussieht, wie sehr die Bürger weiterhin einer unbarmherzigen Bürokratie und korrupten Beamten ausgesetzt sind und was dieses Land von anderen, demokratischen, alten und jungen Staaten Europas grundlegend unterscheidet.

Der Bogen wird weit gespannt, von Alexander II. und III. über Stalin und Chruschtschow bis zu Wladimir Putin, der Politikern wie Wissenschaftlern Rätsel aufgibt wie kein anderer russischer Herrscher zuvor. Ihn und seine Regierungszeit zu beurteilen, wird einst Aufgabe von Historikern sein.

Wolf im Schafspelz – oder richtiger Mann am richtigen Ort?

Das andere Gesicht des russischen Präsidenten mit seinem “Pokerface”, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt, wurde offenbar, als ihn ein Journalist zum blutigen Tschetschenienkrieg befragte. Ein seltener, aber heftiger Wutausbruch brachte den Dolmetscher in Verlegenheit, das zu übersetzen, was dazu in aller Öffentlichkeit aus Putin herausbrach. Reitschusters Zusammenfassung von vielen Ereignissen, die man unumwunden als “Schweinereien” in der Jelzin-Zeit bezeichnen darf, erschüttert, obwohl hier nur überwiegend bekannte Fakten nochmals gut aufgearbeitet wurden. Die meisten Gaunereien des Jelzin-Clans wurden vor Jahren “scheibchenweise” in den Medien dargestellt und gerieten alsbald in Vergessenheit.

Putin ist kein Medienmensch, Jelzin hingegen zeigte sich gern in der Öffentlichkeit und erheiterte die Zuschauer, als er beispielsweise bei einem Besuch in Berlin angetrunken dem Dirigenten des Polizeiorchesters den Taktstock aus der Hand nahm. Schon von “Berufs” wegen, als ausgebildeter KGB-Agent, pflegte Putin die Fäden effektiv und klug im Hintergrund zu spannen und war ein Niemand für die Weltöffentlichkeit, als er sein Amt im Kreml antrat. Der Leser erfährt, was ein “Kompromat” ist und wie man mit heimlich gefilmten Bettszenen Politiker schnell schachmatt setzt.

Wolodja als Führer

Dass Russland noch immer weit von dem entfernt ist, was man unter Demokratie versteht, und dazu eine Verfassung hat, die dem Präsidenten eine unglaubliche Machtfülle einräumt, ist unumstritten. Putin war ehrlich genug, seine Vorstellungen mit “gelenkter Demokratie” zu umschreiben. Den trunksüchtigen, später häufiger im Krankenhaus als im Kreml anzutreffenden Jelzin nahmen die Russen in den letzten Jahren nicht mehr ernst. Der siechende “Zar Boris”, dessen Lieblingstochter und andere “Hofschranzen” das Staatsschiff steuerten, hatte naturgemäß keine “harte Hand”, wie sich es viele Menschen wünschten, die den Terminus “Demokratie” oft als Spott- und Schimpfwort benutzen. Das riesige Russland war zu allen Zeiten allein auf Grund seiner Größe schwer zentralstaatlich zu regieren, doch der Name “Föderation” ist blanker Etikettenschwindel.

Unter Putin wurden die Zügel wieder fester angezogen und die Provinzfürsten “kastriert”, wie Reitschuster es nennt. Wie schon vor 100 und mehr Jahren glauben einfache Gemüter, die Bürokraten vor Ort seien schlimm und schlecht, wenn dies nur der Wolodja in Moskau wüsste… Zugleich wird im Land ein Kult um Putin gepflegt, der nicht mehr so plump ist wie der zu Breschnews Zeiten. Man stellt seine Tugenden und auch die seiner Familie heraus. Die offizielle Biographie beleuchtet nicht nur ihn, sondern seinen “Stammbaum”, was nicht einmal zu Sowjetzeiten üblich war. Schon bei Jelzin wirkte es peinlich, wenn “alte Parteikader” mit atheistischer und “wissenschaftlicher” Staatsreligion sich im neuen Russland bei jeder Gelegenheit mit dem Patriarchen zeigten. Doch das einfache Volk wünscht sich das Zusammenspiel von Staat und Kirche, wobei letztere wie zu Zarenzeiten nie etwas fordert, sondern immer nur Bittsteller ist.

Zar und Zauderer

So nennt der Autor das letzte Kapitel seines Buchs, in dem der Autor den Versuch unternimmt, Putin realistisch hinsichtlich seiner Stärken und Schwächen zu beurteilen. Zwangsläufig bleiben viele Fragen ungeklärt. Doch bis 2008 werden die Russen und die Welt höchstwahrscheinlich mit “Wolodja” leben müssen. Vortrefflich formuliert Reitschuster den Wunsch vieler einfacher Menschen: Sie hoffen, dass sich hinter dem harten Gesicht doch ein guter, ein Segen bringender Kern verbirgt. Er schließt mit der bekannten Formel: “Und bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.”

Das Zünglein an der ukrainischen Waage?

Die Lektüre dieses Sachbuchs mit Personenregister, Zeittafel und Putins Biographie sei insbesondere vor dem aktuellen Hintergrund der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine allen politisch interessierten Lesern empfohlen. Wie wird sich Putin in der anhaltenden Krise verhalten? Tschetschenien liegt in unserer Wahrnehmung weit entfernt, man verfolgt diesen Krieg mit Sorge und Mitgefühl für die Opfer. Doch die Ukraine grenzt an die EU. Wird Putin es schaffen – und vor allem mit welchen Mitteln -, dieses Land wieder fest in seinen Einflussbereich einzubinden? Oder wird er der Ukraine erlauben, sich Moskaus Umarmung zu entziehen, um Anschluss an die EU zu finden, und so realpolitisch handeln, wie Jelzin, der einst die Baltikum-Frage klärte? Es wird sich bald zeigen, wohin Russland steuert.

Reitschuster, Boris: “Wladimir Putin. Wohin steuert er Russland?” (2004),

Berlin, Rowohlt-Berlin, 336 Seiten,

ISBN 3-87134-487-7, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen bei Rowohlt-Berlin.

Der Verlag im Internet: www.rowohlt.de


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Ein Kommentar
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  1. Der Jagd auf Russen in deutscher Presse erinnert mir Verfolgung von Juden in der Mitte 1930-ger.

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