Versetzungsgefährdet oder nicht?

OECD=PISA-LOGO.gifSchwierig ist es dieser Tage, die neuen PISA-Ergebnisse einzuordnen. Sind sie
nun für Deutschland als positiv oder eher doch wieder als enttäuschend zu
beurteilen? Aus PISA-Deutschland nichts Neues? Denken Sie! Von Julia Kreutziger

Im Grunde blieben großen Überraschungen aus, als Anfang Dezember die Ergebnisse
der zweiten PISA-Studie
veröffentlicht wurden. Doch lag das nicht daran,
dass die Resultate deckungsgleich mit denen der ersten Untersuchung
2000
sind. Nein, vielmehr haben seit Ende November die Medien über das
wiederholt schlechte Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler berichtet.
Die Pressekonferenz am 6. Dezember erschien so eher als ein noch abzuhakender
Programmpunkt.

Das Klassenziel wurde wieder nicht erreicht. Aber scheint eine Versetzung
auch nicht derart gefährdet zu sein, wie von vielen Miesmachern – zu Recht? – angenommen.

Die gute Nachricht

Die deutschen Schülerinnen und Schüler haben bei der aktuellen PISA-Studie
besser als bei der ersten Untersuchung abgeschnitten – und das in allen drei
Teilbereichen. Das ist doch mal eine gute Nachricht und mehr als eine Erwähnung
wert!

Diesmal stand die Magie der Zahlen im Fokus der Erhebungen, welche im Sommer
2003 unter 4.660 15jährigen an 216 zufällig ausgewählten deutschen Schulen
durchgeführt wurden. Neben Deutschland beteiligten sich weitere 29 OECD-Staaten
sowie elf weitere Länder.

Willkommen im Mittelfeld!

Mit 503 erreichten Punkten findet sich die deutsche Schülerschaft unter den
OECD-Ländern in der Mathematik auf Platz 16 wieder (Platz 19 unter Betrachtung
aller Teilnahmestaaten). Somit liegt es auch knapp über dem OECD-Durchschnitt
(500 Punkte). Richtig gelesen: Das Volk der Dichter und Denker lag diesmal
nicht unter, sondern über dem OECD-Durchschnitt.

Minimale Fortschritte, aber immerhin etwas bessere Ergebnisse erreichte Deutschland
auch im Teilbereich Lesekompetenz/Textverständnis – dem roten Tuch der PISA-Studie
2000. Mit 491 Punkten platzieren sich die deutschen Schülerinnen und Schüler
sich auf dem OECD-Rang 19 (Rang 21 unter allen). Die Steigerung im Bereich
Naturwissenschaften kann sogar als signifikant bezeichnet werden! Mit 502 Punkten,
15 mehr als 2000, belegt Deutschland hier den 15. Platz unter den OECD-Staaten
(18. Platz unter allen).

Ergo sind auch in Deutschland die Durchschnittswerte erreicht, das untere
Drittel wurde verlassen – Ankunft im Mittelfeld. Trotzdem bleibt die Leseschwäche
der deutschen Schülerinnen und Schüler ein großes, zu beseitigendes Problem,
da Textverständnis der Dreh- und Angelpunkt des Schulerfolgs ist. Neben der
guten also auch wieder dieselbe schlechte Nachricht.

Deutsche Schüler kommen schneller an

Zum ersten Mal wurde diesmal auch die Problemlösungskompetenz getestet. Dabei
mussten Fragen mit Fähigkeiten aus verschiedenen Fächern und mit Alltagswissen
beantwortet werden. Hier liegt Deutschland, beispielsweise beim Auffinden der
günstigsten Verkehrsanbindungen, sogar über dem internationalen Durchschnitt.
Könnten die 15jährigen demnach noch besser in Mathe abschneiden, wenn sie mehr
im Leben tatsächlich zu gebrauchende Aufgaben zu lösen hätten?

Gelbe und rote Karten

Doch so recht will sich keiner über das verbesserte Abschneiden freuen. Im
Gegenteil: Es findet in den Medien kaum Erwähnung und wird somit der lernfähigen
Schülerschaft und den vielen sich ständig fortbildenden Lehrerinnen und Lehrern
einfach nicht gerecht. Wie soll man sich bei all den Meckereien noch ermutigt
und bestätigt fühlen? „Hört endlich auf, die Leistungen unserer Kinder mies
zu machen!“, fordert der Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes
(DL), Josef Kraus in seiner aktuellen Presseerklärung.

Allerdings verrät ein Blick hinter die Platzierungen nicht gerade viel Neues.
Auch im Mittelfeld werden gelbe und rote Karten verteilt und Deutschland bekommt – zu
Recht! – mächtig etwas ab. Trotzdem geht Gelb zunächst einmal an alle Überpessimisten
und Schlechtmacher.

Nach wie vor ungleiche Bildungschancen

Für die Fortschritte Deutschlands tragen hauptsächlich die Gymnasiasten und
teils die Realschüler die Rechnung. Verglichen mit PISA 2000 haben sich die
leistungsstarken Schülerinnen und Schüler bei den zwei Schlüsselqualifikationen
Lesen und Textverständnis verbessern können. Die Gruppe der schwachen Schülerschaft
ist dagegen schwach geblieben; Einkommen und Vorbildung der Eltern sind hier
zu Lande noch immer leistungsangebend.

Infolgedessen bestehen für Akademikerkinder viel bessere Bildungschancen als
für Kinder aus Arbeiter- und Migrationsfamilien. Rote Karte für das deutsche
Schulsystem, das strukturelle Ungerechtigkeit hervorbringt, weil es Kinder
zu früh nach zu vermutender Leistung trennt und sie dann aber mangelhaft individuell
fördert.

Zuckerbrot und Peitsche

Ja, die Kompetenzverbesserungen sind das Resultat der systematischen Arbeit
an deutschen Schulen in den vergangenen Jahren. Doch haben alle ihre Hausaufgaben
nach den letzten erschreckenden PISA-Ergebnissen gemacht?

Kindergärten, wo bereits jedes fünfte Kind deutscher Herkunft laut einer Untersuchung
eine verzögerte Sprachentwicklung aufweist, widmen sich verstärkt der Sprecherziehung.
Auch die Lehrerausbildung verlässt allmählich den rein theoretischen Raum und
wendet sich der Praxis zu, in der es heißt, individuell zu fördern lernen.
Die von der Bundesregierung geförderten Ganztagsschulen konnten ihr Konzept
gegenüber der Opposition verteidigen und wissen bisher nur Gutes von der vermeintlichen „Einheitsschule“ zu
berichten.

„Größere Veränderungen sind in einem so komplexen System wie der Schule innerhalb
eines eineinhalbjährigen Zeitraumes nicht erwartbar“, so die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK)
Doris Ahnen. Dass Länder, wie Finnland, Schweden und die Niederlande, deutlich
bessere Plätze als die BRD belegen, sei kein Wunder. Denn sie sind schon seit
Anfang der 90er Jahre dabei, ihr Schulsystem den veränderten Gesellschaftsbedingungen
anzupassen.

Doch hätte auch Deutschland viel besser abschneiden können, wenn die Knackpunkte
Leseschwäche und Bildungsungerechtigkeit einmal ernsthaft von allen Bundesländern
konzeptionell und zudem gemeinsam diskutiert worden wären. Der Bundeselternrat,
die Bundesschülerkonferenz und
die Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft
(GEW) forderten in ihrer gemeinsamen
Presseerklärung
Bund, Länder und Kommunen dazu auf, „Bildung als gemeinsame
Aufgabe zu gestalten und sie nicht auf dem Altar des Föderalismus zu opfern.“

Schlechte Aussichten

Doch derzeit scheint diese Forderung mehr denn je unerfüllbar. Die Föderalismusreform
ist nach einem Jahr gescheitert – vorrangig an der Bildungspolitik. Die deutsche
Schulleistung ist zwar dieses Mal noch versetzt worden; ob allerdings in Anbetracht
der bildungspolitischen Zankereien eine entscheidende Wendung bei der PISA-Studie
2006 zu erwarten ist, bleibt fraglich.


Weiterführende Links:

Ausführlicher Bericht des PISA-Konsortiums Deutschland:

http://pisa.ipn.uni-kiel.de/Ergebnisse_PISA_2003.pdf

Deutscher Bildungsserver über PISA 2003:

http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=1415

Reaktionen und Stellungnahmen kompakt:

http://www.forumbildung.de/templates/imfokus_inhalt.php?artid=373

Lesen Sie hier unseren
Kommentar zur Pressekonferenz.

Hier geht
es zu weiteren PISA-Berichterstattungen von /e-politik.de/.


Das Copyright des Bildes liegt bei der OECD.

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