Wider das Vergessen – Chile 30 Jahre nach dem Putsch

Vor dreißig Jahren, am 11. September 1973, beendete ein Militärputsch die Demokratie in Chile. Es folgten 16 Jahre Repression und Unfreiheit. Antje Helmerich blickt zurück – und nach vorne.

Seit jeher gilt Chile als „Musterknabe“ Lateinamerikas, die wirtschaftliche Lage ist vergleichsweise stabil, die Geschichte reich an demokratischen Traditionen. Und heute scheint das Land am Pazifik in der Tat „auf einem guten Weg in die Zukunft“ zu sein, ganz wie es der sozialdemokratische Staatspräsident Ricardo Lagos kürzlich in der größten Zeitung des Landes „El Mercurio“ voller Zuversicht verlauten ließ. Ganz wohl dürfte dem Mann an der Spitze des Staates angesichts des symbolträchtigen Datums dennoch nicht sein: bis heute zieht sich ein tiefer Riss durch die chilenische Gesellschaft. Nach wie vor bekennen sich etliche Chilenen, viele in hohen politischen Ämtern, unverhohlen zum Putsch von 1973, wenn auch nicht zu den Gräueltaten der Militärs in den Jahren danach. Für die anderen ist Salvador Allende, der damals gestürzte marxistische Präsident, bis heute ein Held und Märtyrer. So wird es wohl sehr unterschiedliche Veranstaltungen geben, am 11. September 2003 in Chile.

Soldaten gegen die Demokratie

Vor 30 Jahren, am 11. September 1973, besetzten putschende Soldaten in den frühen Morgenstunden Postämter, Radiostationen, Kasernen und Verwaltungsgebäude in ganz Chile. Salvador Allende wurde in einer Radioansprache für abgesetzt erklärt und kam kurz darauf in seinem brennenden Regierungssitz „La Moneda“ ums Leben. Bis heute sprechen die einen von Selbstmord, die anderen von Mord. Bereits an diesem Tag begannen massenhafte Verhaftungen und Erschießungen, die demokratischen politischen Institutionen wurden außer Kraft gesetzt und eine Militärjunta mit General Augusto Pinochet an der Spitze übernahm die Macht. Vorausgegangen waren drei Jahre unter der von Allende geführten Regierung der „Unidad Popular“ („Volkseinheit“). Deren linkes „Experiment“ zielte vor allem auf eine Verbesserung der Ernährungssituation im Lande sowie auf eine gerechtere Verteilung von Grund, Boden und Einkommen. Die Hoffnungen, die die Chilenen Allende bei seinem Wahlsieg 1970 entgegenbrachten, erfüllten sich jedoch nicht: Bald kam es zu massiven Versorgungsengpässen, beinahe täglich fanden Demonstrationen und Proteste gegen die Umsetzung der Bodenreform und der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien statt.

Die Rolle der USA

Bereits seit dem Salpeterboom im ausgehenden 19. Jahrhundert existierten zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Chile enge Beziehungen. Und so beobachtete man Ende der 60er Jahre in Washington mit großer Sorge die politische Entwicklung im fernen Santiago. Die Amerikaner fürchteten ein zweites Cuba und den Verlust der privilegierten Wirtschaftsbeziehungen – der „Kommunist“ Allende galt als personifiziertes Übel. Schon bei der Wahl 1970 hatten die USA den rechten Gegenkandidaten von Allende massiv unterstützt – jedoch ohne Erfolg. Nach Allendes Regierungsübernahme bemühte man sich dann, die Wirtschaftspolitik der „Unidad Popular“ gezielt zu unterlaufen. Darüber hinaus wurde das Militär, dem Pinochet seine Machtergreifung 1973 verdankte, zu großen Teilen von den USA finanziert. Auch wenn die konkrete Rolle der Vereinigten Staaten während des Putsches von 1973 bis heute nicht geklärt ist, aus ihrer Freude über den blutigen Machtwechsel machten Präsident Richard Nixon und dessen Berater Henry Kissinger keinen Hehl.

Der paktierte Übergang

16 Jahre lang waren Strafaktionen gegen Oppositionelle, Folter und Verschleppungen an der Tagesordnung – das Regime herrschte mit autoritärer Hand. Abweichende Meinungen wurden gnadenlos verfolgt, Pinochets Geheimpolizei schien allgegenwärtig. Gleichzeitig bemühten sich die neuen Herrscher, unterstützt durch US-amerikanische Berater, um einen neoliberalen Wirtschaftskurs – mit wechselndem Erfolg. Erst Ende der 80er Jahre schien die Zeit reif für den Wandel. Der Opposition, endlich entschlossen und geeint, gelang es schließlich, mit den Militärmachthabern den Modus für eine schrittweise Demokratisierung auszuhandeln. Der Preis war hoch: Das Militär behielt die meisten seiner Privilegien; ein Amnestiegesetz sollte für einen ruhigen Lebensabend der Generäle sorgen. Und doch schien der paktierte Übergang damals die einzige Chance, überhaupt auf friedlichem Wege eine Veränderung herbeizuführen. 1990, genau 20 Jahre nach Allendes Wahlsieg, fanden erstmals wieder freie Wahlen statt, es siegte der Vertreter der Opposition, Patricio Aylwin. Pinochet verzichtete letztlich auf eine Kandidatur, nachdem er im Oktober 1988 in einem von ihm selbst angezettelten Referendum über die Fortsetzung des Regimes überraschend ein Debakel erlitten hatte. Bis 1998 blieb er jedoch Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Seit 1990 hat es in Chile drei demokratisch bestellte Präsidenten gegeben, seit 2000 ist mit Lagos nach zwei Christdemokraten erstmals wieder ein linker Politiker an der Macht.

Schatten der Vergangenheit

Und doch kann Chile seine jüngste Geschichte auch dreißig Jahre nach dem Putsch und rund 15 Jahre nach dem Beginn der vorsichtigen Rückkehr zur Demokratie noch nicht gänzlich hinter sich lassen. Die Vergangenheitsbewältigung gestaltet sich immens problematisch, vor allem das nach wie vor gültige Amnestiegesetz erschwert sowohl die Verurteilung der Schuldigen als auch die Entschädigung der Angehörigen von über dreitausend Todesopfern und „Desaparecidos“ („Verschwundenen“). Erst vor kurzem überwand die Regierung Lagos ihre bislang überaus zögerliche Haltung und kündigte – nicht zuletzt unter dem Einfluss ähnlicher Initiativen im Nachbarland Argentinien – eine Entschädigung für alle 100.000 Gefolterten an. „Es gibt kein morgen ohne gestern“ („No hay un ma

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