PISA von Anfang an bis heute

Die ersten Ergebnisse der PISA-Studie 2000 lösten einen deutschlandweiten Bildungsschock aus. Das Volk der Dichter und Denker liegt deutlich hinter dem OECD-Durchschnitt. Ein Rückblick. Von Julia Kreutziger.

Ob Ganztagsschulen, Zentralabitur oder Einschulung mit vier Jahren – vor fast zwei Jahren begann in Deutschland eine große Diskussion über Verbesserungen der deutschen Schulleistungen und der Vorbereitung auf ein Leben im Erwachsenenalter. Viele Ideen und Konzepte sind seither ent- und wieder verworfen worden. Doch das Schlagwort für die Bildungspolitik Deutschlands ist geblieben: Die PISA-Studie 2000, die am 4. Dezember 2001 veröffentlicht wurde, erweckte großes Interesse in den Medien und der Gesellschaft und sorgte darüber hinaus für einen Aufruhr sondergleichen. Aber was genau ist und macht PISA

Strategie der Qualitätssicherung

PISA, Programme for International Student Assessment, ist eine internationale Schulleistungsstudie, dessen Schirmherr und Initiator die OECD ist. Die Studie ist ein Teil einer längerfristigen und breit angelegten Strategie der Qualitätssicherung im Bereich der  schulischen Bildung und findet im Rahmen des Indikatorenprogramms INES, Indicators of Educational Systems, statt. Die Strategie beinhaltet neben einer zyklischen Wiederholung der PISA-Erhebungen Vergleiche zwischen und innerhalb der Teilnahmestaaten (beispielsweise der interne Vergleich der Bundesländer in Deutschland PISA-E) und darüber hinaus komplementäre Untersuchungen in weiteren Kompetenzbereichen und auf anderen Schulstufen.

Suche nach Basiskompetenzen

Unter der Federführung des ACER, Australian Council for Educational Research, misst das Programm in 28 OECD-Mitgliedstaaten und weiteren vier Nicht-Mitgliedstaaten die Fähigkeiten und Fertigkeiten von 180.000 Jugendlichen im Alter von 15 Jahrenin den Bereichen Lesekompetenz (PISA-Schwerpunkt 2000), Mathematik (PISA 2003) und Naturwissenschaften (PISA 2006). Die 5.000 aus Deutschland stammenden Schüler werden unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung befragt.

Es gilt weniger herauszufinden, wie gut die Jugendlichen im jeweiligen Bildungssystem zurecht kommen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die schulische Vorbereitung auf die Anforderungen der Zukunft: die Übernahme von konstruktiven Rollen als Mitglieder der Gesellschaft. Bereichsübergreifend sollen demnach die Beherrschung von Prozessen, das Verständnis von Konzepten, der Umgang mit Situationen, die Motivation und das Selbstvertrauen beim Wissenserwerb erfasst werden – wichtige Voraussetzungen für ein selbstorganisiertes und eigenständiges Lernen, Arbeiten und Leben. 

PISA-Schock für Deutschland

Am 4. Dezember 2001 war es dann soweit: Die erste Erhebung, PISA 2000, die sich dem Schwerpunkt der Lesekompetenz widmete, wurde veröffentlicht. In 210 deutschen Schulen nahmeine repräsentative Stichprobe von 5.000 Schülern von April bis Juni 2000 an den zwei PISA-Testtagen teil. Zwar hatten frühere Testergebnisse darauf hingewiesen, dass es mit den Leistungen deutscher Schüler und Schülerinnen nicht gerade gut bestellt ist, doch hätte wohl niemand gedacht, dass Deutschland in allen drei Bereichen untern dem OECD-Durchschnitt liegt:

Platz 21 in der Lesekompetenz – der Durchschnitt der OECD-Länder befindet sich auf Platz 16. Lediglich Lichtenstein und Luxemburg befinden sich als mitteleuropäische Länder ebenfalls unter dem OECD-Durchschnitt. Nur einen Platz besser liegt Deutschland in den Nebenbereichen Mathematik und Naturwissenschaften. Aber auch hier befindet sich der OECD-Durchschnitt auf Platz 17, in den Naturwissenschaften gar auf Platz 14.

Ein Blick hinter die Zahlen

In kaum einem anderen Land ist der Abstand zwischen den Leistungsschwächsten und den Leistungsstärksten so groß wie in Deutschland. Während deutsche Gymnasiasten mit den Spitzenländern der PISA-Studie mithalten können, fallen alle drei anderen Schultypen teilweise deutlich ab. Jeder vierte Jugendliche hat enorme Schwierigkeiten beim Lesen, wovon zehn Prozent nicht einmal einfache Informationen entnehmen und das Hauptthema einfacher Texte erkennen können. Wer sind diese Jugendlichen und was sind die Ursachen ihrer Leistungen?

Die PISA-Studie hat ergeben, dass in Deutschland die schulischen Leistungen eng an die familiäre Herkunft gebunden sind. Grund dafür ist unter anderem das Schulsystem, das in seiner Konzeption soziale Disparitäten vereint, indem eine Wahlmöglichkeit der Schulform vom Übergang der Grundschule zur Sekundarstufe I besteht. Denn noch immer besuchen Akademikerkinder deutlich öfter das Gymnasium als Facharbeiterkinder – trotz gleicher kognitiver Leistungen. Die soziale Schichtung an deutschen Schulen ist sogar größer als in Schulen der USA.

Auch Kinder aus Familien mit einem Migrationshintergrund schneiden gegenüber Zuwandererkindern in anderen Ländern und gegenüber deutschen Kindern deutlich schlechter ab. Der internationale Vergleich zeigt, dass sich Deutschland erheblichschwerer mit der Integration und Förderung der Zuwanderer tut. Noch immer ist die Sprachhürde besonders hoch. Solange in der Familie Deutsch nicht die Sprache ist, die zu Hause gesprochen wird, ist die soziale Situation der Zuwanderer in der Regel ungünstiger als die der einheimischen Familien. 

PISA 2003 naht

Der erste Bildungsbericht für Deutschland, der am 10. Oktober 2003 in Darmstadt von den Kultusministern der Länder verabschiedet wurde, verrät seit PISA 2000 nichts Neues. Noch immer warnen Wissenschaftler vor schwer wiegenden Fehlentwicklungen im Bildungssystem. Es bleibt abzuwarten, ob Deutschland sich im Vergleich zur Studie 2000 bei PISA 2003 verbessern konnte. Doch dass die mathematische Kompetenz von der Lesekompetenz abhängt, ist kein Geheimnis.


Weiterführende Links:

Zentrale zum Unterrichtswesen e.V.

Deutscher Bildungsserver

Weiterführende Bibliografie:

Jürgen Baumert u.a. (Hg.):

PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich

Leske + Budrich, Opladen 2001, 548 Seiten

25,50 Euro

ISBN: 38 100 33 448.

Das Copyright des Bildes liegt bei der OECD.

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