Pisa-E – eine Nachlese

Lernen macht SpaßDie im Dezember 2001 durchgeführte internationale PISA-Studie hatte es bereits ahnen lassen: Im Unterschied zu anderen Industriestaaten ist man in Deutschland nicht in der Lage, herkunftsbedingte Lernnachteile auszugleichen. Inwiefern aber hängt dies mit der Leistungsfähigkeit unterschiedlicher Schulsysteme in den jeweiligen Bundesländern zusammen? Die deutschen Kultusminister wollten genau dies wissen. Sie gaben 2001 eine nationale Ergänzungsstudie in Auftrag, die wie auch PISA selbst vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin durchgeführt und als PISA-E (PISA-Erweiterung) im Juni 2002 veröffentlicht wurde.

Gleiche Inhalte, andere Stichproben

PISA-E unterscheidet sich inhaltlich nicht vom PISA-Testprogramm – auch im bundesweiten Vergleich lag der untersuchte Schwerpunkt auf der Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften wurden zusätzlich geprüft. Die Test- und Auswertungsmethoden der internationalen und deutschen Vergleichsstudie waren ebenfalls identisch. An der Ergänzungsstudie nahmen aber fast 1.500 Schulen mit insgesamt 45.000 Schülern aus 14 Bundesländern teil. In der internationalen PISA-Studie waren es nur 5.000 Schüler aus 219 Schulen gewesen.

E wie Ernüchterung

Die Ergebnisse von PISA-E zeigen, dass es bei der Schülerleistung erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern gibt. Bayern belegt in allen drei untersuchten Bereichen einen überlegenen ersten Platz und erreicht damit als einziges deutsches Bundesland im internationalen Vergleich das obere Drittel (auf Platz 10 hinter dem deutschenVorbild Schweden und vor Österreich). Es folgen Baden-Württemberg, Sachsen und Rheinland Pfalz sowie punktegleich Thüringen und Nordrhein-Westfalen. Im unteren Mittelfeld befinden sich Schleswig-Holstein, Hessen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Die Länder Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Bremen sind laut PISA-E die Schlusslichter der Bildungsolympiade.

Zwischen den Ländern – also zwischen Bayern, dem besten und Bremen, dem schwächsten Land – sind die Differenzen erheblich: Hier beträgt der Leistungsunterschied eineinhalb bis zwei Schuljahre. Auf internationalem Niveau ist Bremen damit noch hinter Lettland angesiedelt und kann sich nur noch gegenüber den international Rangletzten Luxemburg, Mexiko und Brasilien behaupten.

Mehr Fragen als Antworten

Der innerdeutsche Bildungsvergleich PISA-E wirft vielfältige Fragen nach möglichen Ursachen auf. Hatte der internationale Ländervergleich noch die Überlegenheit integrativer Gesamtschulsysteme im Verbund mit Ganztagsbetrieb und autonom verfassten Schulen dokumentiert, ist nun gerade Bayern mit einem fast „reaktionär“ mehrgliedrigem Schulsystem und praktisch keinen Ganztagsschulen eindeutiger Spitzenreiter.

PISA-E belegt die Vermutung von PISA, dass ein wesentlicher Faktor in der Bildung die soziale Herkunft ist. Das verfügbare Einkommen pro Einwohner etwa hat einen deutlichen Einfluss auf die Bildungschancen des Einzelnen. Gerade in Bayern ist die Korrelation zwischen sozialer Herkunft und Schulkarriere besonders groß: Arbeiterkinder gehen dort mit einer sechsmal geringeren Wahrscheinlichkeit aufs Gymnasium als Kinder aus der Oberschicht. Das schlechte Bremer Ergebnis hingegen wird verbessert, wenn man den hohen Anteil von Eltern nichtdeutscher Herkunft ausklammert. In den neuen Ländern wiederum ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung deutlich schwächer als in den alten, was jedoch nur zu einem bestimmten Teil zuwanderungsbedingt ist. Der Ostteil Deutschlands versteht es also besser, soziale Disparitäten im Bildungssystem auszugleichen.

Das Scheitern des Bildungsföderalismus?

PISA-E hat gezeigt, dass die Differenzen zwischen den Schülerleistungen in den deutschen Bundesländern erheblich sind. CDU-regierte Länder stehen durchweg besser da als die SPD-regierten. Wenn PISA-E einen Sinn hatte, dann den, die Debatte über die Zukunft des bildungspolitischen Föderalismus zu provozieren. Der Wettlauf der Bundesländer um die schnelle Umsetzung möglichst spektakulärer Reformen hat längst begonnen: Einige fordern nun gegen die Auswüchse der Länderhoheit in der Bildungspolitik ein Zentralabitur, 10.000 Ganztagsschulen sollen bundesweit zusätzlich gebaut werden und die Einführung nationaler Bildungsstandards wird bereits in der Kultusministerkonferenz diskutiert und formuliert. Bei allem Reformwillen sollte die Politik sich jedoch dabei eine entscheidende Grundfrage stellen: Wie ernsthaft gilt dann noch der Verfassungsauftrag der Chancengleichheit im Bildungsbereich?

Das Copyright des Bildes liegt bei www.ganztagschule.at


Weiterführende Links:

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Grundkonzeption der nationalen Erweiterungen des PISA-Projekts

Deutscher Bildungsserver: Sammlung von Reaktionen, Analysen und Meinungen zu PISA-E.

PISA-Erweiterungsstudie als pdf-Datei


Weiterführende Literatur:

J. Baumert u.a. (Hrsg.): "PISA 2000 – Die Länder der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich“, Leske + Budrich, Opladen 2002, 254 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 3-8100-3663-3

 

 

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