Radio Freies Weißrussland?

RadioAbgesehen von wenigen Zeitungen gibt es in Weißrussland keine freien Medien. Radio Racja/Racyja leistet aus Polen Widerstand. Über einen Besuch beim Radio im ostpolnischen Bialystok. Thomas Mehlhausen.

Als Alexander G. Lukaschenko in seinem Wahlkampf kurz vor den weißrussischen Präsidentschaftswahlen 1994 erklärte, er werde erst "die Kriminellen bekämpfen und dann alle anderen“, hatte er ohne Umschweife sein künftiges gnadenloses Vorgehen gegen Andersdenkende angekündigt. Nach seiner Wahl setzten Repressionen ein, die von willkürlichen Verhaftungen bis zu spurlosem Verschwinden Oppositioneller reichten. Lukaschenko, der schon mehrfach die Politik Hitlers und Stalins lobte, brachte im Sommer 1996 einen neuen Verfassungsvorschlag ein, der ihm kurz darauf durch ein erfolgreiches Referendum quasi uneingeschränkte Macht einräumte. Zu dieser Zeit war Radio 101.2 FM die einzige weißrussische Radiostation, die offen mit der Opposition sympathisierte und dazu noch in – dem Präsidenten verhasster – weißrussischer Sprache sendete. Unter dem fragwürdigen Vorwand der Frequenzüberlagerung mit einem staatlichen Sender wurde das Radio am Tag des Referendums geschlossen.

Die Flucht nach Polen

Als die ehemaligen Journalisten dieses Senders zusammen mit der "Union der weißrussischen Minderheit in Polen“ einen neuen Sender Radio Racja/Racyja in Polen gründeten, wurde der Sender in den polnischen Medien sofort euphorisch als "Radio Freies Weißrussland“ gefeiert, eine Anspielung auf das zu Sowjetzeiten aus München gesendete, beliebte Radio Freies Europa.

Tatsächlich sind die Medien in Weißrussland ähnlich wie damals fast komplett gleichgeschaltet. Radio und Fernsehen sind unter staatlicher Kontrolle; politische Themen werden möglichst gemieden, um Konfrontationen mit den offiziellen Behörden vorzubeugen. Einige Zeitungen teilten das Schicksal des Radios Racyja. Sie mussten ihre kritische Berichterstattung mit ihrer Schließung bezahlen und setzen nun ihr Aktivitäten in Polen oder Litauen fort.

Das Radio Racyja, zu deutsch Radio Recht, besteht aus zwei Redaktionen. Während, die Redaktion im polnischen Bialystok sich an die weißrussische Minderheit in Polen wenden, bietet die Minsker Redaktion der weißrussischen Bevölkerung mit ihrer kritischen Berichterstattung eine von wenigen unabhängigen Informationsquellen. Die Minsker Redaktion, deren Mitarbeiter die offizielle Akkreditierung verweigert wird, schickt ihr Programm nach Warschau, von wo es auf Kurzwelle zurück nach Weißrussland gesendet wird. 

Der größenwahnsinnige Visionär Lukashenka

Doch nicht nur durch ihre kritische Berichterstattung wirken sie der Politik Lukaschenkos entgegen. Bewusst senden sie in weißrussischer Sprache, um damit im Land das unterentwickelte Nationalbewusstsein zu fördern, das in der Sowjetunion als Nationalismus verurteilt und folglich unterdrückt wurde. In dieser Zeit wurde das Land stark russifiziert oder mehr noch sowjetisiert. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung spricht im Alltag russisch und infolge der anhaltenden Wirtschaftskrise ist eine Sowjetnostalgie in Weißrussland weit verbreitet. Beides nutzte Lukaschenko geschickt aus, um seiner Vision näher zu kommen. In seinem Größenwahn strebte er an, durch eine Vereinigung Russlands mit Weißrussland schließlich zum Präsidenten dieses neuen großrussischen Unionsstaates gewählt und somit Jelzin beerben zu können. Dabei genoß er mit diesem prorussischen Kurs noch vor wenigen Monaten eine breite Unterstützung in der weißrussischen Bevölkerung, vorrangig jedoch in der Landbevölkerung. Paradoxerweise spricht diese jedoch mehrheitlich weißrussisch. Damit wendet sich zwar Radio Racyja mit ihrer Sendesprache gezielt an die Stammwählerschaft Lukaschenkos, büßt aber gleichzeitig an Popularität ein.

Symbol des Widerstands

Abgesehen vom Inhalt schätzen viele weißrussische Oppositionelle die Rolle des Radios auch deswegen als bedeutend ein, weil es das Schicksal vieler Andersdenkenden teilt, die – zu großen Teilen nach Polen oder Litauen – fliehen mussten. So symbolisiert das Radio den Widerstand gegen den innenpolitischen Druck Lukaschenkos.

Doch die Möglichkeiten des Senders sind begrenzt. Lukaschenko hält das Land im Würgegriff und treibt es immer stärker in die Isolation. Nachdem der Westen seine Kontakte auf ein Minimum reduziert hat, beginnen auch die bisher guten Beziehungen mit Russland unter den unermüdlichen Integrationsbemühungen Lukaschenkos zu leiden. Siarhei Kaliakin, Vorsitzender der weißrussischen Kommunistischen Partei, vermutet sogar, dass Moskau bereits nach einem Nachfolger für Lukaschenko Ausschau hält.

Schließlich weist Eugeniusz Wappa, der Vorsitzende sowohl des Vereins "Radio Racyja“ als auch der "Union der weißrussischen Minderheit in Polen“, noch auf eine dritte wichtige Aufgabe des Senders hin: "Wir wollen Informationen über Weissrussland verbreiten und dafür sorgen, dass das Land nicht nur durch das Prisma der Politik gesehen und mit Präsident Lukaschenko identifiziert wird!“


Weiterführende Links:Täglich aktuelle Informationen über Weißrussland bei Radio Racyjas: http://www.newsbelarus.comEine ähnlich gute Informationsquelle über die politischen Ereignisse in Weißrussland: http://belarusnews.deWeitere Informationen über das Radio Racyja: http://www.rnw.nl/realradio/features/html/racja.html

Copyright des Bildes liegt bei Radio Racyja.

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