Peter Handke: „Der Bildverlust“

Serbien ist das Traumland von Peter Handke. Und dorthin verlegt er auch die Handlung seines neuesten Buches. Sead Husic hat es gelesen.

Serbien lässt Peter Handke, den österreichischen Aufrührer und Besserwisser, nicht los — auch nicht in seinem jüngsten Opus Der Bildverlust oder durch die Sierra de Gredos. Die Buchrezensenten der vergangenen Monate haben kaum erkannt, wieviel Serbien in dem Buch von Handke steckt und wie oft, teilweise geradezu plump, Handke anspielt auf Serbien und damit auf sein Traumland, dass es aber so nie gegeben hat.

Ein Träumer mit langsamer Sprache

Doch Handke ist ein Träumer und wider besseres Wissen reimt er sich seine Wahrheit, träumt er sich seine Realität zusammen. Und dies macht er mit einer quälend langsamen, unerbittlich verschachtelten Sprache, mit einem schmerzenden Satzrhythmus und einer Geschichte, der nur schwer und mit viel Aufmerksamkeit zu folgen ist. Aber gerade dies ist auch die Absicht des Schriftstellers. Er will es uns nicht leicht machen.

Der Autor erzählt die Geschichte einer Frau, die eine Reise antritt durch die urwüchsige Sierra de Gredos, die, man erkennt es oft nur allzudeutlich, an Serbien erinnert (und wahrscheinlich auch Serbien ist) und ihre „Flusshafenstadt“ (Originalton Handke) verlässt, um ihr Ziel zu erreichen. Am Ende des Buches weiss man, es ist der Autor, der ihr Ziel ist, und mit dem sie schlussendlich zusammentrifft. Bis dahin beschreibt Handke Landschaften, Täler, Berge, dunkle Straßen, die Geräusche der Wälder und den Geschmack unserer Welt zwischen Technik und Natur. Und in allem liegt natürlich die Ehrlichkeit des Landes, die Wahrheit der dort lebenden Menschen, die Anständigkeit eines Volkes, dass von einer bösen Übermacht angegriffen und zerstört werden soll.

Bekannte Orte

Die Erinnerungen der Menschen in der Sierra werden wiedergegeben. Wozu? Der Autor sagt es nicht, sondern durchstreift Seite um Seite das „Tafelland“, in der scheinbar die Wahrheit des menschlichen Daseins versteckt ist. Ehrlichkeit, Wahrheit, Liebe. Er durchstreift das Land und seine Blicke fallen auf Orte, die uns bekannt erscheinen.

Dann heisst eine Stadt Nuevo Bazar und man weiss er meint Novi Pazar, eine überwiegend von Muslimen bewohnte Stadt in Serbien. Der Autor steht in der Sierra de Gredos und hört einen ersten einzelnen „…Glockenschlag von der Stadtrandkirche, und fast zugleich die Stimme des Muezzin vom benachbarten Minarett, beantwortet von einem wiederholten Eulenruf aus dem Waldhügel.“ Wo soll das sein? In der Sierra de Gredos? Nein. Das ist in der Serbischen Republik Bosniens oder in Serbien, dem Kosovo, vielleicht in der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien.

Es gibt viele solcher Anspielungen. Überraschend, dass dies von den Handke-Kennern und Feullietonisten nicht erkannt wurde. An einer anderen Stelle erzählt die Frau, deren Namen außer ihr selbst niemand kennt, aus einer nordwestlichen Hafenstadt über die Ausweisung ihre Bruders aus irgendeinem Land. Und ihm wird ein Pass seiner Wahlheimat ausgehändigt. „Die Wahlheimat gab es als ein Staatsgebilde nicht mehr. Während seiner Haftzeit war sie einem anderen, neugegründeten Staat zugeschlagen. Sein Pass; galt nicht mehr. Das Land, in das er nun ausgeflogen werden sollte, war, angrenzend an seine Heimat, das einzige auf dem Kontinent, wo der Pass eine kurze Übergangsfrist noch als Ausweis geduldet wurde (anerkannt blieb er freilich in einer Inselrepublik nah dem Südpol und zwei Zwergstaaten, einem im Himalaya und einem anderen, der ein ehemaliges Indianerreservat war, das sich für unabhängig von den USA erklärt hatte).“ Die kleinen, guten Staaten, mit den guten anständigen Völkern halten eben zusammen, sagt uns der Großschriftsteller Handke damit.

Langeweile und Blendung

Handke hat keine Geschichte zu erzählen. Deshalb langweilt er und blendet den Literaturbetrieb mit seinen Provokationen. Und auch im Bildverlust versucht er zu provozieren. Nur leider erkannten viele nicht seine Absicht und seine Anklage gegen die moderne von Technik und Medien abhängige Gesellschaft. Im Bildverlust wird nur noch eines deutlich: Handke hat sich seit seinen Publikumsbeschimpfungen literarisch nicht mehr weiterentwickelt. Deshalb baut er Luftschlösser in Niemandsländern und behauptet gegen die Wahrheit sein fiktionales Reich, das schon immer in der Sierra de Gredos, in Serbien lag.

Schließlich treffen sich also Erzähler und die Reisende Frau in einem Dorf. Der Erzähler: „Sie redeten in jener Nacht abwechselnd in verschiedenen Sprachen. In einer jeden hatten die zwei einen gleich klingenden Akzent: den von Dörflern, von aldeanos. Wie sie stammt der Autor aus einem Dorf, und sie und er hatten sich getroffen in einem dritten Dorf.“ Irgendwie würgt Handke die Geschichte zu ihrem Ende hin und man ärgert sich über diesen Unbeugsamen, sturköpfigen Erzähler. Man will abraten von ihm und ihn verteufeln und weiß doch, man muss dieses Buch gelesen haben, weil eine Kraft darin steckt, die einen berührt, oft genug in blanker Wut.

Peter Handke: Der Bildverlust oder die Reise durch die Sierra de Gredos, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 2002,759 Seiten, 29,90 EURO, ISBN 3-518-41310-4.

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