Nackt

NACKT mit Heike Makatsch und Benno Fürmann ist ein Film, der nichts versteckt. Doris Dörrie stellt ein liebenswertes, mit scharfsinnigen Dialogen versehenes Werk vor. Susanne Schulz hat ihn vorab schon gesehen.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf…?

Drei seit langem befreundete Paare treffen sich im Hause des reich gewordenen Paares Charlotte (Nina Hoss) und Dylan (Mehmet Kurtus) zum Abendessen. Die unbeschwerte Atmosphäre ihrer damaligen Treffen ist dahin: Die einen haben Geld, die anderen nicht – die einen sind getrennt, die anderen nicht. So sieht sich jeder mit den Augen der anderen und kann nicht glücklich sein. Emilia (Heike Makatsch) und Felix (Benno Fürmann) sind das getrennte Paar. Beide leiden unter der Trennung, denn so schlagfertig und provokant beide auch sein mögen – verletzlich sind sie doch. Annette (Alexandra Maria Lara) und Boris (Jürgen Vogel) hingegen führen eine intakte Beziehung in der eben hin und wieder völlig irrational gestritten wird. Charlotte und Dylan sind unglücklich. Sie sind zum Stillstand gekommen. Es wird nicht mal mehr gestritten, sondern der andere nur noch als selbstverständlich anwesendes Möbelstück wahrgenommen – eine Sache, die man sich genauso gut auch kaufen könnte. Geld ist ja genug da. Eine Paarkonstellation, die an Eward Albee's Theaterstück Wer hat Angst vor Virginia Woolf…? erinnert. Die Handlung macht die Parallele perfekt…

Gesellschaftsspiele

Die Paare entschließen sich ein Spiel zu spielen – eine Wette wird abgeschlossen. Können sich die beiden Paare, die noch zusammen sind, mit verbundenen Augen an ihren Körpern erkennen? Hier werden sprichwörtlich die Hüllen fallen gelassen. Sie erkennen sich nicht. Der Schmerz darüber ist sehr groß – doch durchbricht das Erlebnis, sich nicht mehr versteckt zu haben, sämtliche Barrieren. Das, was in der Liebe gesucht wird, ist, „vom anderen sichtbar gemacht zu werden“, so beschreibt es Charlotte. Charlotte und Dylan gelingt es durch diesen Anstoß ihren Stillstand zu überwinden. Boris findet auf dem Heimweg endlich den richtigen Moment Annette den Ring, den er schon lange mit sich herum trägt, zu geben. Emilia und Felix beschließen daheim sich nun so lange mit verbundenen Augen zu suchen, wie sie gebraucht hatten, sich zu verlieren – in fünf Jahren Beziehung.

Echte Dialoge und daher witzig

NACKT ist eine gelungene Darstellung von Selbstentblößung und der Aufdeckung von menschlichen Illusionen. Die Dialoge, die die Paare miteinander führen, sind so, wie sie wirklich gesprochen werden könnten. Sie sind intelligent und echt und daher auch überraschend witzig und sympathisch. Man findet sich in jeder dieser Figuren selbst wieder, denn jede scheint eine andere Art Reinform von Liebesverständnis zu vertreten. Die Gespräche handeln beispielsweise davon, wer für den anderen den Vordergrund im Leben bildet und wer den Hintergrund, und dass man sich in dieser Rollenverteilung auch mal abwechseln sollte. Das Sich-gegenseitig-sehen wie man ist und das Sich-verkleiden geben phantasievoll die Bilder wider. So sitzen Charlotte und Dylan eine ganze Zeit lang mit Papiertüten auf dem Kopf da und führen eine ganz normale Unterhaltung. Auch das luxuriös eingerichtete Haus von den beiden, in dem sich alle treffen, wirkt mehr wie eine Theaterfassade, als wie eine bewohnte Wohnung. Dadurch entsteht ein individuelles Theaterflair. Einzig gewöhnungsbedürftig ist, dass es kaum eine Minute im Film gibt, in der keine poppige Hintergrundmusik läuft. Das zwischenzeitliche Absingen von Chansons durch die Schauspieler hält sich dagegen glücklicherweise in Grenzen. Im Ganzen gesehen, ist NACKT ein Film, den man lieb gewinnen kann.


„NACKT“ (D 2002)
Kinostart: 19. September 2002
Drehbuch und Regie: Doris Dörrie (nach ihrem Roman „Happy“)
Produzent: Norbert Preuss
Mit:
Heike Makatsch
Benno Fürmann
Alexandra Maria Lara

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