Leo Kirch – Der Herr der Filme

Im Oktober 1926 ist die Welt in Ordnung. Ein gewisser Herr Hugenberg verkauft den Deutschen das, was er als Wahrheit bezeichnet. In Würzburg läuft die Ernte der berühmten Silvaner-Trauben auf Hochtouren. Und dort in der Barockstadt am Main bekommt die Winzerfamilie Kirch ausgerechnet während der Weinlese einen Sohn: Leo.

Wahrscheinlich können die Eltern von Leo Kirch mit dem Namen Hugenberg nichts anfangen. Und doch würde ihr Sohn eines Tages ähnliche Einflussmöglichkeiten auf Politik und Gesellschaft in Deutschland besitzen.

Die Karriere des Mathematikers und überzeugten Katholiken beginnt mit einem Paukenschlag. Er kauft mit einem Freund in den Fünfzigern die Kinorechte für den Fellini-Film „La Strada“. Und der Film wird ein Klassiker. Mit den Gewinnen gründet Kirch die Filmverleihe und Rechteverwerter „Beta“, „Taurus“ und „Unitel“. Dort wickelt Kirch seine Filmdeals ab. Vor allem mit dem in den Sechzigern neu gegründeten ZDF. Die ahnungslosen Fernsehbeamten machen es dem Filmhändler leicht. Mit Paketlösungen, in denen er Schrott mit Edelware koppelt, macht er die öffentlich-rechtlichen Gebührenverteiler immer abhängiger von seinen Lieferungen: Wer Premium-Filme will, muss Massenware dazukaufen. Und ohne Kirch kommt in Deutschland niemand an Premium-Filme aus den USA.

Später in den Siebzigern streckt er seine Fühler nach Österreich aus. Beim ORF treibt der Filmhandel noch aberwitzigere Blüten als beim ZDF. Fast könnte man den ORF als Tochterunternehmen von Kirch bezeichnen. Der Generalintendant des ORF Gerd Bacher bringt ihn dann später mit Hemut Kohl zusammen.

Kohl ist es dann, der Kirch in den Achtzigern dabei hilft, seine Senderfamilie aufzubauen: SAT1, Pro7, Kabel1, Tele5, DSF. In den Neunzigern gründet er sein finanzielles Abenteuer Pay-TV. Der Bezahlkanal Teleclub, später Premiere, fusioniert schnell mit dem digitalen Pay-TV DF1 zu der Marke Premiere World. Dieser Sender, nach dem Muster amerikanischer Pay-TV Sender aufgebaut, steht von Anfang an unter einem schlechten Stern. Die Deutschen wollen für das Angebot von Premiere nicht zahlen. Die Anfangsverluste geraten schnell außer Kontrolle. Ständig neue Interventionen aus der Politik schaffen es nicht, eine solide finanzielle Basis herzustellen.

Heute steht Kirch vor einem Scherbenhaufen. Die mühsam zusammengeklaubten Teile seines Unternehmens werden jetzt filetiert. Banken und Konkurrenten – besonders Springer, Murdoch und Malone – stehen schon bereit, um sich aus dem Kadaver die besten Stücke herauszureißen. Hilfe ist im Moment keine in Sicht. Selbst Edmund Stoiber, der immer seine schützende Hand über Kirch hielt, ist vorsichtig geworden. Man darf gespannt sein, ob die Wirtschaftswunder-Story vom Aufstieg des Leo Kirch ein Happy End hat.


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